Eine mittelgroße Stadt von herrlichem Ambiente, ein starker Wirtschaftsstandort, ein reichhaltiges Kulturleben - und dennoch muss sich auch Coburg der Zukunftsaufgabe stellen: Wie behaupten wir uns im zunehmenden Sog der Metropolen und im generellen demografischen Wandel der Gesellschaft. "Coburg, erkenne dein Potenzial und deine Perlen", hatten die Bayerische Architektenkammer und die Hochschule - unterstützt von der Gemeinschaft Stadtbild, dem Designforum Oberfranken und der Industrie- und Handelskammer - ihren gut besuchten Vortragsabend mit namhaften Experten überschrieben.

Ausdrücklich formuliert als Aufforderung, wurden am Mittwoch in der Hochschulaula unter Modera tion der Coburger Innenarchitektin Margit Schwahn bewusst keine "Coburger Perlen" serviert.
Mit Schwerpunkt auf Architektur und die Wirkung des bebauten Raumes ging es Veranstalter wie Referenten um grundsätzliche Zusammenhänge und neue Sichtweisen, auf deren Basis Coburg sicher kein Umdenken nötig hat, wie der Abend zeigte.Vielleicht könnte es aber noch bewusster den Weg der Stärkung seiner historischen Bausubstanz gehen.

Dass darin auch die Bauten des späteren 20. Jahrhunderts ihren Wert haben, und nicht nur das kuschelig Herzogtümliche, versuchten Landeskonservator Bernd Vollmar und der vielfach ausgezeichnete Münchner Architekt und Hochschuldozent Muck Petzet zu belegen - mit zum Teil provokanten Beispielen aus ganz Bayern. Selbstverständlich erschien auch das Bild des Coburger Kaufhofes mehrfach auf der Projektionswand, allerdings ohne eindeutige Stellungnahme dazu.

Geschützte Betonmonster?

Bernd Vollmar zeichnete den Wandel in der Beurteilung historischer Substanz im Laufe des 20. Jahrhunderts nach. So wie mit Schrecken plötzlich der Wert der niedergerissenen Straßenzüge des Historismus erkannt wurde, gehe es jetzt darum, die Qualitäten der 60er und 70er Jahre zu erkennen. "Man ist immer viel zu schnell beim Abbruch", beklagte Vollmer.

Skepsis dürfte allerdings durchaus angebracht bleiben, wenn uns jetzt erneut brutale, den menschlichen Grundbedürfnissen und Gegebenheiten krass widersprechende Betonmonster als schützenswert dargestellt werden. Schön, dass für das damalige Vorzeigeobjekt in Wallenfels vielfältige neue Nutzungen gefunden werden konnten, was allerdings nur den hart trainierten Überlebenswillen der Frankenwälder belegt, keineswegs das humane Potenzial der früheren Verbandsschule. Und der Erlanger Unibibliothek konnte man sich vor dem Rückbau ihrer Fassade ins Diskrete nur mit Bedrückung nähern.

Schon wieder muss alles weg?

Muss der Coburger Kaufhof in seiner hässlichen Dominanz auf alle Zeiten in dieser Form erhalten bleiben, nur weil er einmal da ist? Muck Petzet ist durchaus für "kreativen Umgang" mit dem Baubestand, wehrt sich allerdings gegen die ungeheure Verschleuderung von Ressourcen unter dem Gebot angeblicher Energieeffizienz.

Würde die sogenannte "graue Energie", also die früher in den bestehenden Bau investierte Herstellungsenergie berücksichtigt, hätte keines der jetzt angeblich so effizienten neuen Bauten Bestand. Mit Scheuklappen werde auf das Alte, besonders die großen Wohn- und Verwaltungsblöcke der 50er und 60er Jahre geblickt. "Wir müssen Vermeidungsstrategien entwickeln", statt blind den gierigen Forderungen der Produk tionsgesellschaft zu folgen, forderte Petzet. "Die bestehende Architektur zu erhalten, ist die wichtigste Aufgabe heutiger Architekten."

Im Prinzip sei zunächst jede Architektur erhaltenswert, schlicht aus dem Grund, weil zu früherer Zeit viele Ressourcen in sie investiert wurden. Tatsächlich erwachte in den letzten Jahrzehnten ja so mancher angeblich hässliche (Industrie-)Bau unter maßvoller Gestaltung zu neuem, oftmals ganz unerwarteten Leben. "Unsere Umwelt in Deutschland ist in großen Teilen gestaltet", verwies Petzet auf demütigere Vorgehensweise. "Wir können es uns nicht mehr leisten, tabula rasa zu machen."

In seiner Bilderfolge tauchten auch Ansichten aus dem Coburger Demo auf. Der Wert auch dieser Gebäude müsse erkannt werden.

In der Altstadt liegt die Zukunft

Die Vestestadt hatte Glück oder/und engagierte Leute zur rechten Zeit: Sie wurde im Technokratengeist der 60er und 70er Jahre, in dem es allein um die funktionale Optimierung der Städte ging, nicht "abgeräumt". Mittlerweile wird vor allem die (unter maßgeblicher Beteiligung der Hochschule erfolgte) effektvolle Licht-Inszenierung des öffentlichen Raumes allseits gelobt. Welche Bedeutung diesem "Schatzkästlein" in zunehmendem Maße zukommt, wurde durch den grundsätzlichen Vortrag des Berliner Architekten und Soziologen Albrecht Göschel deutlich.

Waren die historischen Stadtkerne in den 70er Jahren die "Zentren der drei A", von Armut, Ausländern und Alten, so Göschel, so hat sich die Entwicklung komplett umgekehrt. Das Haus an der Peripherie erweist sich heute für Familien mit meist beiderseits berufstätigen Eltern und erlebnishungrigen Kindern als nicht praktikabel. Erst Recht wollen und müssen die jungen kreativen Dienstleister, die oftmals viele Jahre in unsicheren Verhältnissen auf ihre beruflichen Chancen warten müssen, an den kommunikativen Zentren, den Innenstädten sein. Also zieht es die Menschen wieder verstärkt in die Innenstädte, wo sie allerdings nicht auf gewohnte (verkehrs-)technische Bequemlichkeit verzichten wollen. Die Tiefgarage muss schon sein.

Noch höhere Bedeutung hat die historische Substanz mittlerweile allerdings für die viel schwieriger gewordene Selbstvergewisserung und symbolische Verortung des Indivi duums. Das muss sich heute ein (zudem deutlich verlängertes) Leben lang der Identitätsfrage stellen, die nicht mehr von der Gesellschaft rigoros beantwortet wird. Auf der lebenslangen Suche nach der eigenen Identität und nach Authentizität greift der Mensch nach Beständigem. Das symbolisiert ihm vor allem auch historische Bausubstanz, in der er aber vielfältige und besondere "Erlebnisintensität" sucht. In diesem Punkt steht eine attraktive Altstadt wie Coburg in Konkurrenz zu den Großstädten. Die Jungen zieht es nach Berlin. Ein zentrales Fazit Albrecht Göschels lautete: "Geld für die Erhaltung der historischen Stadt auszugeben, ist keine Subvention sondern Investi tion in die Zukunft."