Als Enzo Albanese im Mai 1950 im italienischen Udine (Friaul-Julisch Venetien) als jüngstes von vier Kindern das Licht der Welt erblickte, war ihm noch nicht in die Wiege gelegt, dass er einmal für viele Landsleute im fernen Deutschland zum Anlaufpunkt würde. Aber es kam so: Italienischen Gastarbeitern stand er in allen Lebenslagen zur Seite. "Bis auf Entbindungen habe ich alles gemacht", beschreibt Enzo Albanese in seiner unverkennbar eigenen Art seine facettenreiche ehrenamtliche Tätigkeit.

Jetzt findet der unermüdliche Einsatz für die Landsleute auch hohe Würdigung durch Italien. Am 28. Juni wird Enzo Albanese im Neustadter Rathaus durch den italienischen Generalkonsul, Renato Cianfaran, mit dem Verdienstorden der Republik Italien ausgezeichnet. Ein Geheimnis ist noch, ob er zum Cavaliere (Ritter) erhoben wird, oder eine noch höhere Weihe erhält. Enzo Albanese ist dies egal.
Allein dass sein Wirken in diesem Maße gewürdigt wird, ist für den bescheidenen Familienmenschen schon etwas Großartiges.


Albaneses Vater gehörte zu den ersten Gastarbeitern in Neustadt

Die Weichen für sein Lebenswerk stellten andere. Zwischen Deutschland und Italien wurde im Jahr 1955 das Abkommen zur "Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften" geschlossen. Albaneses Vater gehörte zu den ersten, die dem Ruf aus Deutschland folgten. Enzo folgte ihm als 15-Jähriger und fand zunächst bei Rolly Toys in Neustadt eine Beschäftigung. Schnell erkannte er, dass es das A und O ist, die deutsche Sprache zu erlernen, wenn man Fuß fassen will. Enzo Albanese kann als Autodidakt bezeichnet werden. "Comics und die Jugendzeitschrift ,Bravo‘ waren meine Lehrbücher", berichtet er. Das Geheimnis liegt seiner Meinung nach in den kurzen Sätzen, die hier abgedruckt wurden. "Auch bin ich oft ins Kino gegangen, um die Aussprache zu hören."

Deutsch sprechen, Arbeit haben; ihm fehlte nur noch ein kleiner Schritt zum perfekten Glück. Das fand er 1969 in Gisela Fischer, die er vor 47 Jahren heiratete. Im selben Jahr wurde Sohn Daniel geboren.


Das Leben hatte einige Schicksalsschläge im Gepäck

Wie so oft lief das Leben auch für Enzo Albanese nicht geradeaus. Bereits mit 28 Jahren erhielt er die Diagnose, dass er so erkrankt sei, dass er aus dem Arbeitsleben ausscheiden müsse. Dieser Schicksalsschlag machte ihn aber eher stark dafür, sich einem neuen Lebensabschnitt zu widmen. Seither setzt er sich für seine Landleute in allen sozialen Belangen ein. Von Urnenüberführungen über Rentenfragen bis hin zu Behördengängen und Gefängnisbesuchen reichte sein Tätigkeitsfeld. Für die Besuche Inhaftierter hatte er eine Sondergenehmigung, lässt er wissen. "Meine Gesprächszeit wurde den Inhaftierten nicht auf ihr Besuchszeitkonto angerechnet", erklärt er. "Ich bin kein Fachmann, aber ich weiß, an welche Tür ich klopfen muss", beschreibt er seine Arbeit.
Seine ehrenamtliche Tätigkeit brachte es mit sich, dass er ständig beim italienischen Konsulat in Nürnberg vorsprach. "Jeden Monat, mindestens zwei Tage, stand ich dort auf der Matte." Die Integration der Gastarbeiter stand und steht bei ihm ganz oben auf der Liste seines Engagements. Nicht nur aus diesem Grunde wurde zu Vertrauensmann des Konsulats berufen.

Einen Meilenstein, italienische Bürger aus der Isolation zu holen, setzte Albanese 1976, als er maßgeblich dafür einstand, beim ASV Neustadt die "berühmte" italienische Mannschaft ins Leben zu rufen.

"Auf die Palme" bringe es ihn, wenn bei seinen Landsleuten den ganzen Tag der italienische Sender RAI läuft. "Wie wollt ihr die Sprache lernen, wenn ihr euch nicht ändert?", habe er sie oft gefragt. Er hat sie außerdem immer wieder aufgefordert, sich an den Kommunalwahlen zu beteiligen. "Wir leben hier und müssen auch Verantwortung übernehmen", ist Albaneses Meinung. Auch wirbt er dafür, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, ohne die italienische Zugehörigkeit abzugeben. Seit dem 14. Juli 2005 sei dies durchaus möglich, erläutert Enzo Albanese.

Aber nicht nur in Neustadt ist er beliebt und geschätzt. Aus ganz Oberfranken kommen Anfragen, ob er nicht weiterhelfen könne. Er sei immer gern für seine Landsleute da, aber Anrufe um 22 Uhr nervten dann schon.
Dass aus einer Nachtblindheit eine völlige Erblindung wurde, warf den Kämpfer Albanese nicht aus der Bahn. "Ich bin nicht behindert, ich habe nur einen kleinen Schönheitsfehler", beschreibt Enzo Albanese seine Sicht der Dinge. Selbstverständlich engagiert sich der 66-Jährige auch im Blindenbund, wo seine Arbeit ebenfalls sehr geschätzt wird.


Warum der "Gaul auch ein Pferd" ist: Albanese schreibt an seinen zweiten Buch

Im Jahr 2010 hatte er die Muße, ein Buch mit dem Titel "Der Koffer unter dem Bett" zu veröffentlichen. Aber nicht zum Selbstzweck. Den Erlös ließ er einem sozialen Zweck zukommen. "Ich bin wahrscheinlich der einzige Autor, der sein Buch nicht gelesen hat", meint Enzo Albanese etwas verschmitzt und zeigt, dass er seinen Humor nicht verloren hat. Er arbeitet inzwischen an seinem zweiten Buch mit dem Titel "Der Gaul ist auch ein Pferd". Ein Computervirus habe zwar seine Dateien zerstört, nun müsse er halt noch mal von vorne anfangen, sagt Enzo Albanese. Wenn man mit ihm spricht, wird einem klar, dass für Enzo Albanese der Satz gilt: "Du musst einmal mehr aufstehen, als du hingefallen bist".

Dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen, beschreibt Enzo Albanese mit einfachen Worten: "Neustadt ist meine Heimat, beim Fußball schreie ich aber für Italien."