Ein "nörgelnder Reiseführer", das hat uns gerade noch gefehlt. Uns Franken. - Och, des bassd scho. Im schmerzlichen Gefühl des Heimatverlustes hat ein zu den Bayern verschlagener Franke geguckt, was denn dieses Franken ist. Wozu sich Marco Kesting, eigentlich habilitierter Mund-Kiefer-Gesichtschirurg mittlerweile in München, erst mal den Frangn an sich angeschaut hat. Dann zoger mit misstrauischem Blick durch dessen und seine Heimat.

"Das fränkische Gefühl"

Nun stellte Kesting das Ergebnis seiner humoristischen Forschung der Öffentlichkeit vor: Ein eigenwillig-reizvolles Bildbändlein unter dem wagemutigen Titel "Das fränkische Gefühl", Erstpräsentation der Buchhandlung Riemann und des Erfurter Sutton-Verlages am Mittwoch im entsprechenden Rahmen, im Schwarzen Bären von Beiersdorf.

Geschichten, die weh tun

Ärzte zeichnen sich ja öfters durch makabren Humor aus. Sie schützen sich wohl durch ihn. Wodurch schützt sich der zu Pessimismus, deutschlandweit einmaliger Tiefstapelei, die bis zur Selbstaufzehrung reichen kann, Maulfaulheit und misstrauischem Grießgram neigende Franke? Marco Kersting hat auf 38 Stationen vom Kreuzberg in der Rhön im Westen über Helmbrechts und Bad Berneck im hohen Frankenwald bis in die Nürnberger Gegend, Skurrilitäten und Geschichten gesammelt, die ein bisschen weh tun, zumal in der Art, in der Kesting sie zuspitzt, sie kurz, prägnant und amüsant präsentiert. Dazu hat er sie über gelegentlich doch recht düster angehauchten Fotogra fien aus schrägen Blickwinkeln drucken lassen. - Wie's hald so is‘, des Frangn. Denn des trifft des habilitierte Kerla scho.

Sonntag kein Frühschoppen

Wie er da in Trappstadt über Jahre hinweg die Aushänge eines Wirtshauses fotografiert hat: "Sonntag kein Frühschoppen". "Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag Ruhetag. Sonntag 10.30 bis 12.30 - Kein Mittagessen".

Für Niederfüllbach erinnert er in aller Deutlichkeit an Leopold II., den belgischen König aus Coburger Hause, der sich den ganzen Kongo unter den Nagel riss, nicht etwa für seinen Staat, nein, ganz privat, um dort die Bevölkerung zur Kautschukgewinnung zu versklaven. Erfüllten die Männer die Liefermengen nicht, wurden ihre Frauen durch Leopolds Privatarmee umgebracht. Zur genauen Abrechnung der verschossenen Patronen war generell jeweils eine rechte Hand vorzulegen. Die auch schon mal vom lebenden Objekt gewonnen wurde.


Doch zurück in die Gegenwart: In den ausblutenden Frankenwald kehrt der böse Wolf zurück. "Der Staat ist gefordert, nach Gefahrenbeurteilung durch die Gebrüder Grimm" müssen die Alarmglocken am Fuße des Schneebergs bei Bischofsgrün schrillen.


Sie werden es bemerkt haben: Nach Rothenburg, dem Bamberger Rathaus und dem Coburger Marktplatz wird der Leser und Betrachter des fränkischen Gemütes in diesem Reiseführer vergebens suchen. Marco Kesting ist eher ganz gemäß der Leidenschaft mit der der Franke seine Heimat liebt: mit dem Schwerpunkt auf Leiden, das Melancholie und Nörgelei immer schön frisch halten. Herrgodd na, so schützt sich hald der Frange. Bekennen wir uns dazu.

Marco Kesting: Das fränkische Gefühl: Ein nörgelnd-humoristisch-melancholischer Reiseführer. Sutton Verlag Erfurt, 84 Seiten, 15,95 Euro.


Arzt und Autor

Marco Kesting, 1972 in Coburg geboren, hat den Großteil seines Lebens in verschiedenen Teilen Frankens verbracht. Umso mehr vermisst der habilitierte Mund-Kiefer-Gesichtschirurg, den es beruflich in die Bayerische Kapitale verschlagen hat, das besondere Lebensgefühl seiner fränkischen Heimat. Nach einer Vielzahl von Fachpublikationen stellt er in diesem Bildband sein erzählerisches und fotografisches Talent unter Beweis.