Coburg
Sehnsucht

Das Schicksal des Coburger Straßenmusikers

Andrey Archichmin bringt jeden Winter ein Stück Russland in die Coburger Innenstadt. Heuer ist er ein halbes Jahr zu früh. Der Grund ist sieben Jahre alt - und braucht dringend neue Schulbücher.
Andrey Archichmin kommt seit 18 Jahren jeden Winter nach Coburg  - und dieses Jahr ausnahmsweise auch im Sommer. Foto: Sarah Bernhard
Andrey Archichmin kommt seit 18 Jahren jeden Winter nach Coburg - und dieses Jahr ausnahmsweise auch im Sommer. Foto: Sarah Bernhard
Wenn russische Volkslieder durch die Innenstadt klingen, weiß der Coburger: Bald ist Weihnachten - denn Andrey Archichmin ist wieder da. Seit 18 Jahren kommt der 46-Jährige jeden Winter mit seiner Ziehharmonika nach Coburg und Umgebung, um mit seiner Musik Geld zu verdienen.

So manchen mag es deshalb erstaunt haben, "Kalinka" und das Wolga-Lied auch im Sommer zu hören. Aber er ist es tatsächlich: Seit Anfang Juli sitzt Andrey Archichmin wieder in der Fußgängerzone, singt und winkt gut gelaunt Passanten zu.

"Mein Sohn ist sieben und kommt am ersten September in die Schule", erzählt er, und lächelt dabei ein stolzes Vater-Lächeln. Und dafür brauche er neue Kleidung, neue Bücher und ganz viele andere Kleinigkeiten. Und die kosten Geld. Außerdem habe der Musiker im April bei Glatteis sein Auto gegen eine Mauer gefahren: Totalschaden. Während er erzählt, sieht Andrey Archichmin für einen ganz kurzen Moment lang traurig aus: "Es war schon 22 Jahre alt und mein Freund."

Jetzt bräuchten er und seine Frau dringend ein neues, ohne Auto und mit zwei kleinen Kindern käme man nämlich auch in Russland nicht weit. Denn eigentlich lebt der Musiklehrer mit seiner Frau in Woronesch, einer Großstadt 500 Kilometer südlich von Moskau. Sein Problem: Als Lehrer verdient Andrey Archichmin dort nur rund 150 Euro im Monat - viel zu wenig für die vielen Neuanschaffungen, die im Moment anstehen.

Deshalb hat er sich in diesem Jahr schon in seinen Sommerferien auf den Weg gemacht - und kämpft mit einem ganz anderen Problem als sonst: der Hitze. "Ich habe mir gerade schon mein Hemd nass gemacht, dann ist es wenigstens ein bisschen kühl", sagt er, aber seine Haare sind trotzdem schweißnass.


Schlechte Laune ist ihm fremd


Seine Laune lässt er sich davon aber nicht vermiesen, vielen Vorbeikommenden schenkt er ein herzliches Lächeln. "Das Leben ist so schön und so ein großes Geschenk von Gott. Soll ich da etwa traurig sein?! Tausend Mal: Nein!", ruft er und schüttelt energisch den Kopf.

Sein Freund, der Coburger Künstler Wilfried Zauritz, habe einmal gesagt: "Ich weiß, warum das Leben so schwer ist: Kleine Probleme machen Tag für Tag das gute Gefühl kaputt." Und das sehe er einfach nicht ein, sagt Andrey Archichmin und lacht wieder: "Ich will mein Leben in Freude, Liebe und Freundschaft leben."

Die Freundschaft mit Wilfried Zauritz, der 2003 verstarb, war eine der innigsten: "15 seiner Werke hängen bei mir daheim, ich habe eine richtige Ausstellung." Aber auch sonst habe er Freunde überall in der Region, bei denen er übernachten könne. "Viele Leute kommen und sagen: Ich will dein Freund sein. Ich sage dann immer: Warum nicht, ich bin ein offener Mensch." Ab und zu besuchten ihn manche der deutschen Freunde dann sogar in Woronesch.

Sehnsucht nach der Heimat


Von ihnen hat er auch sein Deutsch gelernt, das fast perfekt ist, wenn er kurz Zeit zum Überlegen hat. Trotzdem sagt er: "Ach, ich könnte gerne besser Deutsch, aber es ist so eine schwere Sprache." Und auch sonst nimmt sich der 46-Jährige nicht so wichtig: "Ich? Ich bin doch gar nicht spannend", sagt er, zum Interview muss er erst überredet werden.

Denn viel lieber singt er, auch nach 18 Jahren noch: von der Liebe, dem Schicksal - und von der russischen Heimat, nach der er solche Sehnsucht hat. Und das nicht nur im Lied.

Deshalb wird er am Montag in den Zug steigen und zu seiner Familie zurückfahren. "Papa", habe ihn sein Sohn schon gefragt, "Papa, bringst du dann ein Auto mit?" Er lacht. "Ich habe ihm ein Spielzeugauto gekauft." Denn die Schulausrüstung ist im Moment wichtiger als ein Auto.

Um das kümmert er sich im Winter, wenn er wieder nach Coburg kommt. Zumindest plant er das. "Aber ob es wirklich so kommen wird, wer weiß das schon?" Freuen würde es ihn auf jeden Fall: Mit großer Geste zeigt er auf die Spitalgasse vor ihm und sagt: "Das ist meine, wie sagt man, Basis, denn hier ist es wunderschön!"



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