Plötzlich in Kontakt mit Leid und Schmerz, plötzlich so viel Zeit zum Nachdenken, plötzlich so viele Fragen, plötzlich diese Angst. "Ja, so ist das", sagt Susanne Thorwart, Seelsorgerin am Klinikum Coburg. "Eben war ich mir noch in allem so sicher, ich war arbeitsfähig und habe funktioniert. Jetzt sitze ich im Schlafanzug in einem Bett im Krankenhaus. Ich bin aus der Bahn geworfen. Ich muss warten und bin auf einmal hilflos und fremdbestimmt."

Susanne Thorwart spricht leise und sanft. So wie auch ihr katholischer Amtskollege, Diakon Wolfgang Fehn. Beide sind vertraut mit Situationen, in denen die leisen Töne wichtig sind, das genaue Hinhören, das bedachte Wählen der Worte. Sie werden gerufen, wenn Patienten jemanden zum Reden brauchen oder auch zum Schweigen.


Alles ist völlig anders

"Die Menschen erleben sich im Krankenhaus in einer gänzlich fremden Situation", sagt Wolfgang Fehn. Die Gedanken kreisen oft nur noch um das Ich. "Das eigene Leben, dessen Sinn, seine Gefährdung, rückt in den Mittelpunkt." Solchermaßen zurückgeworfen auf die Kernpunkte des Menschseins wünschen sich viele Patienten jemanden, mit dem sie ihre Gedanken, ihre Verwirrung, ihre Unsicherheit teilen können. Der Schweregrad der Erkrankung spielt dabei sicherlich eine Rolle. Wer verzweifelt ist, sucht nach Antworten. Und Verwandte und Freunde will man in solch einer Situation nicht immer belasten. "Da ist oft viel Angst spürbar, viel Wut und Ärger darüber, nicht mehr zu funktionieren", sagt Wolfgang Fehn. "Wir tragen das mit, wir halten das mit aus."


Einfach am Bettrand sitzen

Klinikseelsorger können den Patienten helfen, mit der Situation klar und zu innerer Ruhe zu kommen. "Wir haben Zeit zum Zuhören", sagen beide. "Vielleicht sind wir hier die Einzigen, die wirklich Zeit haben, einfach nur da zu sein, einfach am Bettrand zu sitzen."

Ihre religiöse Überzeugung tragen beide dabei nicht wie ein Banner vor sich her. Ihre Aufgabe verstehen und versehen sie im ökumenischen Sinne. Beide machen aber auch deutlich, wie sehr sie ihr Glaube bei ihrer manchmal emotional schwer zu verkraftenden Arbeit trägt. Nahbar zu sein für fremdes Leid, immer wieder Sterbende zu begleiten, Schmerz zu sehen und Weinen zu hören, belastet. Das Gespräch im Kreis der Seelsorger hilft sicherlich. Doch noch wichtiger ist für beide ihre persönliche Überzeugung von der Existenz einer höheren Macht. "Wir gehen selber auch in die Krankenhaus-Kapelle, um Halt und Trost zu finden", sagt Susanne Thorwart, "ich vertraue auf die Zusage, dass Gott niemanden aus der Hand gibt." Das gibt ihr Kraft für das, was die Seelsorgerin als eine ihre sensibelsten Aufgaben empfindet: Unheilbar Kranken zu helfen, den Mut zu finden, der eigenen Sterblichkeit ins Auge zu sehen, um "nicht ins Sterben zu stolpern", sondern sich bewusst den Tatsachen zu stellen.

Aber auch freudige Ereignisse sind es, die Susanne Thorwart und Wolfgang Fehn miterleben dürfen. "Wenn wir sehen, dass jemand nach langer Leidenszeit plötzlich wieder zu Kräften kommt, dann freuen wir uns natürlich mit ihm", sagen beide.


Bewusst dafür entschieden

Sie haben sich sehr bewusst für ihre die Aufgabe der Seelsorge in einem Krankenhaus entschieden. Der hier versammelte "echte Querschnitt der ganzen Gesellschaft" fasziniert Wolfgang Fehn besonders. Die kunterbunte Gemengelage aus Persönlichkeiten und Befindlichkeiten, in der sich immer wieder neue Gesprächsebenen auftun, empfindet er als persönlich bereichernd und befriedigend.

Besonders freut beide übrigens, dass ihre Anwesenheit auf den Stationen auch von Ärzten und Schwestern als Bereicherung und Unterstützung empfunden wird, dass nicht nur dem Leib, sondern auch der Seele Achtsamkeit entgegengebracht werden kann. Wolfgang Fehn: "Die Zeiten, in denen die Anwesenheit eines Pfarrers auf einer Krankenstation als Zeichen des ärztlichen Versagens gewertet wurde, sind Gott sei Dank vorbei."


Gottesdienst für verstorbene Patienten

Einen lieben Menschen an den Tod zu verlieren, gehört zu den Erfahrungen, die für die Angehörigen oft nur schwer zu verkraften sind. Helfen kann, in der Trauer nicht alleine zu bleiben und sich im Kreise anderer Trauernder an den Verstorbenen zu erinnern. Das Klinikum Coburg mit den Klinikseelsorgern und Mitarbeitern in der psychosozialen Begleitung lädt deshalb wieder zu einem Gedenkgottesdienst für die in diesem Jahr in Klinikum verstorbenen Patienten ein. Er findet am Freitag, 28. November, um 16.30 Uhr im Andachtsraum des Klinikums statt. Nach dem Gottesdienst besteht das Angebot, noch bei einer Tasse Kaffee oder Tee zu verweilen. Für manche mag es zunächst schwer erscheinen, zurück an den Ort zu kommen, wo ein naher Angehöriger oder Freund gestorben ist. Aber vielleicht ist es auch tröstlich, mit der Trauer nicht allein zu bleiben und den Namen des Verstorbenen verlesen zu lassen im Kreis mit anderen. Weitere Informationen zu dem Gottesdienst gibt es bei der Ökumenischen Klinikseelsorge, Telefon 09561/22-5220. red