Martina Benzel-Weyh hat Träume, aber sie versteht sich nicht als Träumerin, sondern betrachtet die Coburger Realität auch sachlich. "Die momentane finanzielle Situation der Stadt verdanken wir der Politik in den letzten sechs Jahren. Machen wir so weiter wie bisher, sind alle Rücklagen in zwei Jahren aufgebraucht", sagt sie. Coburg werde dann auf rund 65  Millionen Euro Schulden sitzen.

Verantwortlich dafür seien aus ihrer Sicht überzogene Ausgaben - etwa für die Ballsporthalle auf der Lauterer Höhe (13 Millionen Euro), die jährlich auch noch eine Dreiviertel Million Euro Unterhalt kostet, viel zu teure Sitzwürfel auf dem Albertsplatz für 8000 Euro das Stück und giftige Schnürbäume statt Linden. Oder der Schulneubau für den Verein "Hilfe für das behinderte Kind". "Nicht dass ich diese Schule nicht befürworte, aber meiner Ansicht nach wäre eine inklusive Einrichtung sinnvoller gewesen." Das sollen nur einige Beispiele sein, an welchen Stellen hätte auch gespart werden können.

Martina Benzel-Weyh möchte nachhaltiger und überlegter planen. Und so versteht sie auch das Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen. Um von den Schulden herunterzukommen, würde sie den Gewerbesteuersatz von 275 auf 320 Prozent anheben. Zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Coburg sei die Einrichtung des Bands der Wissenschaft in enger Zusammenhang mit der Hochschule ein probates Instrument. "Aber das Gelände von Güterbahnhof und Schlachthof sollte gut durchmischt sein." Martina Benzel-Weyh stellt sich in diesem Bereich auch Wohnbebauung, eine Erweiterung für das Jugendzentrum Domino, Gastronomie und umweltverträgliche Zugänge zur Itz vor.

Die Erweiterung des Glasfasernetzes bis in alle Stadtteile hält die Kandidatin für dringend erforderlich. Und sie möchte, dass die Stadt eine Vorbildfunktion nach dem Motto "Global denken, lokal handeln" übernimmt. "Sehr viele deutsche Kommunen sind heute schon ,Fair-Trade-Städte‘. Das könnte Coburg auch sein." Was bedeuten würde, dass fair gehandelte Produkte einen größeren Raum einnehmen. Regionale Wirtschaftskreisläufe sollten besser genutzt, Schulküchen von einheimischen Landwirten beliefert werden.

Die Innenstadt-Bebauung würde Martina Benzel-Weyh gern verdichten. "Anstatt immer neue Baugebiete auszuweisen, wäre es sinnvoller, die Substanz zu nutzen, die es in der Innensta dt gibt." Und die neue Dreifachturnhalle sähe sie eher am alten Standort und nicht an der Ecke Karche-/Bamberger Straße. "Die Angersporthalle sollte abgerissen und neu aufgebaut werden. Damit könnte die sehr gut genutzte Benno-Benz-Anlage erhalten bleiben."

An ein Kongresszentrum am Anger glaube sie nicht mehr, sagt die Kandidatin. Und dann gönnt sie sich doch ein paar Visionen. Zum Beispiel: ein Stadtmuseum im ehemaligen Schlick-Gebäude im Steinweg, der sich als Kneipenviertel etablieren könnte - ähnlich der Sandstraße in Bamberg. Oder eine Diskothek auf dem Gelände des Lokschuppens.

Rigoros wird Martina Benzel-Weyh, wenn es um das Bekenntnis der Stadt zu ihrer "bunten" Vielfalt geht. "Angesichts von Coburgs Vergangenheit sollten wir uns viel klarer gegen Rechts positionieren und deutlich machen, dass Proteste gegen rechten Extremismus notwendig sind", stellt sie klar. Es müsse möglich sein, diesen Protest auch zu organisieren. "Die Bürger sollten rechtzeitig über Aktionen der Nazis informiert werden." Und dann kommt Martina Benzel-Weyh auf den Coburger Convent (CC) zu sprechen. "Ich würde die Organisatoren bitten, das Programm zu überdenken und den nächtlichen Fackelzug abzuschaffen. Er erinnert doch sehr an die Bücherverbrennung im Dritten Reich." Auch spricht sie sich dagegen aus, den Teilnehmern am CC weiterhin kostenlos städtische Unterkünfte anzubieten. "Die sollten sich selbst etwas suchen und dafür auch bezahlen."

Stichpunkte aus dem Wahlprogramm

Inklusion Bildung eines unabhängigen Behindertenbeirats

Senioren Alte Menschen in Altenhilfeplanung einbeziehen, das Krankenhaus erhalten und Ärztedichte erhöhen, geriatrische Versorgung und Rehabilitation vorantreiben

Stadtteile Stadtteilzentren schaffen und erhalten, Ideen der Bürgerinnen und Bürger und ihr Engagement annehmen, Grundschulen und Kindergärten in Stadtteilen erhalten

Soziales
Pauschalen für Mietkosten den realen Preissteigerungen anpassen, Gelder für Soziales nicht der Sparkommission opfern, dafür sorgen, dass die Wohnbau ausreichend günstige Mietwohnungen vorhält, Einführung einer Mietpreisbremse

Kultur Landestheater als Drei-Sparten-Haus erhalten und zusammen mit dem Freistaat nach geklärter Finanzierung sanieren, die Alternativkultur auf dem BGS-Gelände weiterhin fördern

Klimaschutz
Stelle des Umweltbeauftragten wieder einführen, SÜC sollte 100 Prozent erneuerbare Energien anbieten, stillgelegte Wasserkraftwerke reaktivieren, Projekte zu alternativer Energieversorgung anstoßen.

Mobilität Busfahren komfortabler und einfacher organisieren, Radwege ausbauen und E-Bike-Stationen einrichten.

Übersicht Das gesamte Wahlprogramm findet sich auch online.