Den luft'gen Schatten sendet er luft'gen Hauch. Um Christian Brückner zu zitieren, der Heinrich Heine zitiert und damit sein eigenes Tun und Wirken ins treffende Bild bringt. Christian Brückner ist Vorleser und Synchronsprecher, einer der markantesten in unserem Land. Seine Stimme klingt heiser, aber nicht rau, nicht hell, nicht dunkel, beides zugleich, was eigentlich nicht möglich ist. Jedenfalls führt er sich und seine Zuhörer mit dieser Stimme und seiner Wandlungsfähigkeit als Schauspieler tief hinein in die Welt der Schatten und des Lichtes, in die eigentlichen Triebkräfte des menschlichen Seins hinter dem Vordergründigen. In Coburg am Montagabend bei den elften Literaturtagen im Saal von St. Augustin.

So einer produziert heutzutage Hörbücher, Christian Brückner zusammen mit seiner Frau Waltraut im eigenen Hörbuchverlag Parlando. Wobei es diesen beiden, die schon älter sind (Brückner wurde 1943 in Ostpreußen geboren) und es sich leisten können, wie sie selber sagen, vor allem um zu wenig beachtete klassische Literatur geht und bei modernen Werken ebenfalls um hohen Anspruch. Die beiden werden immer wieder ausgezeichnet für ihr ausgezeichnetes Tun.

Brückner las die Eingangspassage von Goethes "Wahlverwandtschaften", oder besser: erweckte sie zum Leben, von ihm akzen tuiert und interpretiert. Wie Eduard in friedvoller, wohlgeordneter Gartenlandschaft seiner Gattin Charlotte in wohlgesetzten Worten nahezubringen versucht, dass er gedenke, den Hauptmann, den Freund zu sich ins Haus zu holen. Und sie, feinfühlig verbunden mit Natur und Welt, ahnt das Unglück der Seelen kommen.
Dann duckt sich Brückner unter den Schatten in Hölderlins Turm des Wahns. Überhaupt, wie er so den Kopf einzieht zwischen seine breiten Schultern, wie er hineinstreicht in die poetischen Welten seiner Autoren im sanften, aber unaufhaltsamen Wehen seiner Imagination, da ist er als starke, die Werke durchdringende und haltende Kraft da und doch auch nicht da. Er will sich ja nicht vor die Autoren stellen; er will ihre Schöpfungen mit eigener Färbung, wie ein Regisseur im Gegenüber zu seinem Bühnenwerk, ein-schalten in das Bewusstsein der Zuhörer.

Eine eigene Welt

Das eben mache doch den Mehr-Wert von Hörbüchern aus, verteidigen Christian und Waltraut Brückner dieses neue Genre gegenüber denen, die gerne allein sind mit ihrem Buch. Solche artikulierten sich an diesem Abend sehr wohl auch im intensiv nachfragenden Publikum. Aber ja, sagt Brückner, er habe vollstes Verständnis für die Nur-Leser. Er könne Hörbücher auch nicht hören, nicht mal seine eigenen, er könne sie nur machen. - Tststs... Was soll man von so einem halten?

Ehefrau und kritisches Regie-Gegenüber und nüchtern bleibende Mitproduzentin Waltraut Brückner analysiert, dass da in der wohlüberlegten Interpretation beim Vorlesen zusätzliche Lebendigkeit und Plastizität in und aus dem gelesenen Werk kommt, Sichtweisen, Aspekte, Dimension, die man als Leser vorher nicht erfasst hat. -
Die beiden haben ja Recht. Schließlich ist doch jedes gute Buch ein eigener Kosmos. Welcher Leser mag behaupten, den gänzlich erfasst zu haben. Wobei schließlich kein literarisches Werk allein in sich , sondern stets erst im je eigenen Horizont des Lesers zur Existenz kommt.

Da war schon viel erhellendes Reflektieren, Nachdenken über das Geheimnis der Literatur, still und laut gelesener, an diesem Abend. Und genau das will "Coburg liest". Nicht "nur" mehr oder weniger prominente Autoren vorführen, sondern im Miteinander weiter vordringen, auch zelebrieren. Dann kann ja, dann soll jeder wieder heim.
Eben. Und jetzt lasst mich in Ruh' mit dem Zeuch. Ich will zu meinem Buche. Und Kurzgeschichten wie diese hinterhältige von Alice Munroe, in die uns Christian Brückner abschließend entführte, kann ich überhaupt nicht leiden. - Erst Recht nicht, wenn ich sie nicht mehr los kriege, die alte Nancy samt dieser Kleinstadtwelt. Wie die jetzt in meinem Kopf ist. Als wäre ich leibhaftig dabei gewesen.