Hier also. Auf einem Acker, auf dem im September 1775 Kartoffeln wuchsen. Am 19. September bemerkte eine Büttnersfrau, die gerade Kartoffeln ausgrub, "bey dem Knallen und Prasseln in der Luft, um die nemliche Zeit einen Klumpen Feuer, gleich einen Blitz, ihrer Aussage nach so groß als der Korb, worein sie Erdäpfel gesammlet". Vor Schreck fiel die Frau auf die Knie, sah aber noch rechts von sich in etwa 50 Schritt Entfernung "einen blauen Klumpen, in der Größe eines Gänseyes, schnell niederfallen". In des "Nachbarn Erdäpfel-Beet" schlug das Ding ein. Die Frau lief vor Schreck davon. Eine Suche am Nachmittag nach dem eingeschlagenen Klumpen war erfolglos, aber zwei Tage später fand eine Schustersfrau den Stein in seinem Einschlagstrichter, "mitten auf einem Erdäpfelstock". Der Stein, rund drei Kilogramm schwer nach heutigen Gewichten, war außen von einer schwarz-rußigen Schicht überzogen und ähnelte im Inneren calciniertem Gips. Aber er sei "von ganz anderer Art, als die in selbiger Gegend gewöhnliche (...). Welcher Seltenheit wegen derselbe auch der Durchlauchtigsten Herrschaft, welche sich damals in Rodach befanden, überbracht und verwahrlich aufbehalten worden."

So schildert es ein Text in der "Coburger wöchentliche Anzeige", die damalige Zeitung der Region. In insgesamt sechs Folgen, erschienen zwischen dem 15. Dezember 1775 und dem 17. März 1776, werden die Umstände des Steinfalls diskutiert.

Demnach verursachte der Meteorit einen gehörigen Radau und pfiff über weite Teile des Coburger Landes hinweg. Von einem Donnern wie von Kanonenschüssen ist die Rede, oder von einem Geräusch, wie wenn eine Kutsche über Pflaster fährt. Laut der "Coburger wöchentliche Anzeige" hörte "ein glaubwürdiger Mann zwischen Königsberg und Höreth" (gemeint ist Oberhohenried, mundartlich heute noch "Höred") "starke Sumser oder Knaller", dann ein "Geprassel, so wie der Donner in den Wolken fortrollet", bei heiterem Himmel und aus östlicher Richtung. Der Pfarrer von Manau (bei Hofheim) hörte das Getöse ebenfalls, und eine Frau in Altenstein hatte das Gefühl, "als wenn die Erde unter ihr wankte", werden weitere Zeugen zitiert.

Eine Art Vulkan-Ausbruch

Von Königsberg und vom Baunachgrund aus mehr im Osten, von Römhild aus gehört eher im Süden, von Coburg und Neustadt aus im Westen, so wird die Herkunft der ungewöhnlichen Geräusche eingegrenzt. Bei der Ursache tut sich der Verfasser schwerer: "So kann es wohl nicht anders sein, als dass der heftige Ausbruch eines unterirdischen verschlossenen Windes in denen grossen Gebürg und Waldung geschehen, welches sich von dem Altenstein zwischen Pfarrweisach und Manau den Baunachsgrund hinab erstrecket."

Und was ist mit dem Stein, der vom Himmel kommend auf dem Flurstück "Stöckenbeete" in den Kartoffelacker raste? Er hat "das Ansehen eines von einer Mauer abgebrochenen Stück Kalches in der Farbe", wirkt also wie eine Mischung aus Sand und Kalk. Doch der gefundene Stein ist viel schwerer, als es ein gleich großer Mörtelbrocken wäre. "Nach der größten Wahrscheinlichkeit kann es also kein gemeiner Stein seyn, der entweder durch das Umgraben allda an den Tag gekommen oder von einem Nachbarn dahin geworfen worden." Also kommt der Verfasser der Artikelserie zu dem Schluss, dass der Stein irgendwie aus der Erde in große Höhe hinauf geschleudert worden sein muss und dann im Acker niederging.

Doch auch, wenn das zu dieser Zeit eine akzeptable Erklärung war, so hatte der Verfasser offenbar seine Zweifel: "Jedoch da in der Natur noch gar viele uns verborgene Geheimnisse sind, und unsere Schlüsse sich nur auf fremde Erfahrung gründen; so sind wir weit entfernet, dieselben vor gewiss und untrüglich den Lesern aufzuzwingen", schließt die Artikelserie.

Vermutlich handelt es sich bei dem Verfasser um Herrmann Gottlieb Hornschuch (1746 bis 1795). Der Hofmedicus, Professor und Kurator der Sammlung des Gymnasiums Casimirianum hat einen fast wortgleichen Text hinterlassen. Der Oettingshäuser Pfarrer Johann Büttner veröffentlicht aus diesen Notizen 1806 den Aufsatz "Bruchstücke zur Geschichte und Erklärung der Feuerkugeln und Meteorsteine aus den Papieren des Prof. Hornschuch ausgezogen" (Band 23 der Annalen der Physik/Gilberts Annalen, Jahrgang 1806). Büttner kann sich die Hinweise auf "Nr. 2" oder "Nr. 5" in Hornschuchs Notizen nicht erklären. Gemeint sind damit offensichtlich die Ausgaben der Coburger allgemeine Anzeige, in der die Artikel erschienen waren. Ob Hornschuch aus der Zeitung abschrieb, oder ob es sich um das Manuskript des gedruckten Textes handelt, ist unklar. Büttner behauptet jedenfalls, dass Hornschuch alle Augenzeugenberichte persönlich aufgezeichnet habe - dann müsste er auch der Autor der Artikelserie sein.

Büttner verwendet in seinem Aufsatz 1806 schon das Wort "Meteorit". Diesen Begriff hat Ernst Florens Friedrich Chladni (Wittenberg) geprägt, der 1794 die These aufstellte, die "Feuerkugeln", über die schon in vorchristlicher Zeit berichtet wurde, könnten ihren Ursprung im Weltraum haben. 1806 war diese zunächst umstrittene These weitgehend anerkannt.

Chladni befasst sich später auch mit dem Rodacher Meteorit. Büttner konnte "melden, dass der Stein, der bei Rodach ausgegraben worden, in der fürstlichen Naturalienkammer zu Coburg aufbewahrt wird". Chladni, der 1819 sein Buch "Ueber die Feuer-Meteore und die mit denselben herabgefallenen Massen" herausbringt, greift diese Information auf. Zu diesem Zeitpunkt ist das herzogliche Naturalienkabinett schon mit der Sammlung des Gymnasium Casimirianum vereinigt und dorthin überführt worden. Doch der fragliche Stein findet sich dort nicht im gerade fertiggestellten Verzeichnis. Chladni kommt zu dem Schluss: "Es muß ihn also jemand entweder gestohlen, oder aus Unverstand weggeworfen haben." Das ist ihm sogar eine Fußnote wert: "Mancher, der sonst schwerlich etwas stehlen würde, trägt kein Bedenken, aus einer Naturalien-Sammlung etwas, das er brauchen kann, heimlich wegzunehmen"; er selbst kenne da zwei Fälle, schreibt Chladni.

Die Frage ist aber, ob der Stein jemals ins Gymnasium kam. Denn nicht alle Stücke aus der herzoglichen Sammlung langten dort an - aus unterschiedlichen Gründen.