Die christliche Perspektive beginnt für den Theologen, Professor und Bischof beim Individuum: Jeder könne ethisch handeln, sei es beim Einkauf, sei es beim Geldanlegen, sei es als Unternehmer. Die Wirtschaftskrise habe zu großer Verunsicherung geführt - auch und gerade bei Unternehmern. "Bestimmte Grundmaximen, an denen sie sich bisher orientiert haben, sind ins Wanken geraten", hat Bedford-Strohm beobachtet. "Zum Beispiel, dass Regulieren schadet und dass der Markt alles richten kann. Inzwischen dreht sich die Diskussion nicht mehr darüber, ob wir regulieren, sondern, wie wir klug regulieren."

Die Krise verschafft den Fragen nach Ethik und Grundorientierungen Konjunktur. Da könne die Kirche liefern, sagt Bedford-Strohm. Solche Worte benutzt er freilich nicht. "Wir versuchen, mögliche Lösungsansätze zu beschreiben", sagt er im Pressegespräch vor dem Vortrag.
Und dabei Werbung in eigener Sache betreiben: "Die Kirche, das sind nicht nur die Theologen und die Pfarrer. Das sind wir alle - auch die Ökonomen." Die Kirche biete letztlich das einzige allgemein zugängliche Forum für die Diskussion dieser ethischen Fragen - denn nur dort, in den Gottesdiensten, würden solche Themen auch behandelt.

Einbringen statt politisieren

Der Rat der Kirchen ist gefragt, und Bedford-Strohm ist willens und in der Lage, diesen Rat zu erteilen. "Vernünftig" müsse sich die Kirche einbringen, "nicht politisieren", "Grundorientierung" bieten. Soweit zur Theorie. Praktisch hat der Theologe sofort die richtige Bibelstelle zur Hand - "die goldene Regel, das ist Matthäus, Kapitel 7, Vers 12". "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!", steht da, und damit ist für Bedford-Strohm schon das Wesentliche gesagt.

Aber was nützt es, wenn die Leute Gutes tun wollen, aber die Verhältnisse an sich das Böse schaffen? Da kontert der Professor für systematische Theologie sofort mit den "vier Dimensionen ethischen Nachdenkens", als da wären die individuelle, die Organisationsebene (wie ethisch verhalten sich Unternehmen, Vereine, Institutionen), die politisch-strukturelle und die soziokulturelle.

Denn die politischen oder rechtlichen Rahmenbedingungen können dazu führen, dass ethisches Verhalten belohnt oder bestraft wird. "Aber man kann nicht wollen, dass der Ehrliche der Dumme ist." Was als "anständig" oder "normal" gilt, wird schließlich auf der soziokulturellen Ebene verhandelt. "Heute gehört nicht mehr viel Mut dazu, anzuprangern, dass die Manager-Gehälter viel zu hoch sind. Aber auf der strukturellen Ebene gibt es sie trotzdem." Problem benannt, aber noch lange nicht gelöst, "denn man darf die vier Ebenen nicht gegeneinander ausspielen".

Hineinversetzen statt Aufopfern

Deshalb geht es am Ende doch zurück zum Individuum, das die Grundsätze seines Handelns aus der Bibel beziehen kann. Aber das, sagt der Pastor, sei eigentlich einfach: "Die christliche Ethik verlangt kein Aufopfern, sondern ein Hineinversetzen in die Situation des anderen." Solidarität, Bewahrung der Schöpfung, die christliche Deutung des Begriffs Gerechtigkeit - all das lasse sich letztlich aus der Bibel ableiten. Auch die Bewahrung der Natur. "Macht Euch die Erde untertan" (Genesis, Kapitel 1, Vers 28) ist passé, es gilt die Maxime aus dem 2.Kapitel (Vers 15): "Bebauen und behüten" müsse der Mensch die Schöpfung, sagt der Bischof.

Immerhin sei ein Bewusstseinswandel dahingehend eingetreten, dass die Kirche "nicht mehr nur fürs Beten zuständig" sei, wie Bedford-Strohm dann auch in seinem Vortrag sagt. Doch über die "Grundorientierung" hinausgehen will der Kirchenmann mit seinen Aussagen bewusst nicht. Welche Steuer in welcher Situation erhoben wird, wie bestimmte Dinge geregelt werden - "das muss dann diskutiert werden."

Ethisches Handeln und Weihnachten als Konsumfest - wie passt das zusammen? Bedford-Strohm sieht die positive Seite: "Ich sage immer: Freut euch, wenn die Menschen einander eine Freude machen wollen. Die Leute haben den Sinn von Weihnachten sehr gut verstanden. "