Die verschriebenen Präparate auf dem Arztrezept tippt Barbara Ernst in den Computer ein. Keine 30 Sekunden später fährt neben der Ladentheke in einem brusthohen gläsernen Schacht eine Plattform nach oben und kippt eine flache Pappschachtel mit den Tabletten in die Ausgabe. Um das Medikament dem Kunden auszuhändigen, ziehen immer weniger Apotheker und pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA) eines der so typischen, langen und flachen Schubfächer auf oder schieben einen Apothekerschrank weit in den Raum hinein. Sogenannte Kommissioniersautomaten übernehmen diese Tätigkeit - und mittlerweile noch mehr.

Seit nunmehr vier Monaten verrichtet der "Mitarbeiter Automat" seinen Dienst im Keller der Apotheke in Creidlitz. "Mohren-Apotheker" Michael Ernst ist sich sicher: "Das war die beste Investition, die ich je gemacht habe." Zwar koste die hochtechnische Apparatur eine sechsstellige Summe, "aber ich habe viel weniger Aufwand, mehr Zeit und darüber hinaus Platz gewonnen".

Die Modernisierung bot sich sozusagen an

Wo sonst die Schubkästen und Schränke weit herausgefahren wurden, präsentieren sich Waren. Das bestätigt auch Andreas Schaller, Inhaber der Stadt-Apotheke. Mit dem Umbau des Gebäudes in der Spitalgasse hielt auch ein Automat Einzug unter die alten Kreuzgewölbe, von denen nun viel mehr bewundert werden können. "Natürlich kostet die Anlage eine ganze Menge Geld. Aber bei den aktuell niedrigen Zinsen und bei dem ohnehin geplanten Umbau bietet sich diese Modernisierung fast zwangsläufig an."

Was in Hochregallagern der Industrie schon lange gang und gäbe ist, findet sich in verkleinerter Form in den bundesdeutschen Apotheken wieder. Michael Ernst hat eine sehr platzsparende und komfortable Variante eines Kommissionierungsautomaten gewählt. "Sogar das Einräumen geht jetzt vollautomatisch und nahezu ganz von alleine." Die einzelnen Tablettenschachteln nimmt der Apotheker aus den Boxen der Lieferanten und packt sie auf den Arbeitstisch. Hier und da ist ein kurzes Stückchen Klebeband nötig, "wenn die Pappe sehr dünn ist und deshalb die Schachtel aufgehen kann".

Wie eine Murmelbahn

Die lange Reihe der bunten Tabletten- und Tubenschachteln schiebt Ernst mit lockerer Hand in ein Loch an der Seite des Tisches. Auf einer Wendelrutsche sausen die Schachteln nach unten und landen im Keller. Das Ganze erinnert an eine Murmelbahn aus Kindertagen. Ein Stockwerk tiefer baggert ein kurzes Förderband die Pillen und Pasten, Tabletten und Pastillen Stück für Stück in den Automaten. Eine Greifzange, unterstützt von einem Sauger, schnappt sich Schachtel um Schachtel, der angeschlossene Scanner erfasst über den aufgedruckten Code Art, Menge und Haltbarkeitsdatum des Präparats. Und schon fährt der Greifer an seinem Ausleger einen freien Platz in einem der Dutzend Rollregale an. 350 Packungen verstaut der Roboter so in der Stunde.

Durch die Rollschrankregale, ähnlich denen in Archiven, wird noch mehr Platz gewonnen. Die Regale fahren dort auseinander, wo der Greifer arbeiten muss. Ansonsten stehen die Regale dicht beieinander. "Auf diesen wenigen Quadratmetern lagern etwa 8000 Packungen", erklärt Michael Ernst. Und dabei sind noch viele Lagerplätze auf den etwa zwölf Quadratmetern frei. Die Maschine sortiert nach Platzbedarf und freien Lagerfächern ein, nicht nach dem Produkt.

Der Automat merkt sich alles

Da stehen oder liegen etwa die Schachteln mit Aspirin mal hier, mal dort. Der Automat merkt sich jede Position und jedes Produkt. Kauft ein Kunde eine Packung eben dieses Mittels, fährt der Greifer heran, zieht die Schachtel aus dem Regal und befördert sie zum kleinen Aufzug. Es ist ein ständiges Rauschen und Summen im Keller der Apotheke. Das Innere der Anlage ist klimatisiert, keine Salbe und keine Pille muss schwitzen.

Mit runden Behältern kann die Maschine nichts anfangen. "Dafür haben wir eigene Kunststoffschachteln, deren Namen und Inhalt von Hand eingeben werden", sagt Ernst. Fällt die elektrische Energie aus, sorgt Notstrom zwei Stunden lang für einen reibungslosen Betrieb. "In den gesamten Prozess lässt sich stets eingreifen", erläutert der Apotheker. Inventur und Warenbestand lassen sich mit wenigen Tasten schnell erledigen und überblicken.
Und bei ernsten Problemen? Kameras liefern Stand- und Bewegtbilder aus dem Inneren des High-Tech-Lagers einerseits auf den Bildschirm, andererseits erscheinen die Bilder auch beim Hersteller, "der per Fernwartung helfen kann oder Techniker auf die etwa zweistündige Reise nach Coburg schickt".

Einen weiteren ganz persönlichen Vorteil der Technik sieht noch Andreas Schaller aus der Stadt-Apotheke: "Man wird nicht jünger und muss sich mit dieser Technik weniger bücken."