Horst Graf hat schon viel gesehen in dieser Republik - als Kurdirektor auf Rügen ebenso wie als Tourismusdirektor eines Wintersportortes wie Oberstdorf. Seit knapp drei Jahren ist er Betriebsleiter Coburg Marketing. Im Gespräch sinniert er über das Ankommen - aus der Perspektive touristischer Übernachtungsgäste ebenso wie als Privatmann.

Sie hatten schon eine Reihe von interessanten Karriere-Stationen hinter sich, bevor Sie 2019 in Coburg Betriebsleiter Marketing wurden. Woran merken Sie, dass Sie in einer neuen Stadt wirklich angekommen sind?

Horst Graf: Wenn ich merke, dass ich mein Herzblut reinstecke in die Arbeit. Wenn ich mich mit dem Ort, mit der Stadt identifiziere. Ich bin kein Coburger, werde ich auch nie werden, aber ich brenne für Coburg, ich fühle mich als Coburger. Ich möchte mich mit meiner ganzen Kraft dafür einsetzen, dass wir Coburg mit seinen vielen Facetten nach außen tragen.

Pflegen Sie Rituale des Ankommens?

Für mich ist wichtig, gerade in der ersten Zeit, dass ich zu meinen Kolleginnen und Kollegen eine Beziehung aufbaue. Das Kennenlernen der Örtlichkeiten wie der Menschen ist die Grundvoraussetzung. Erst muss ich merken: wie ticken die Menschen hier, wie tickt der Ort.

Wie haben Sie Ihr Ankommen in Coburg erlebt?

Man saugt das Flair auf, das Coburg besitzt - die Seele. Die liegt nicht jetzt hier auf den Arkaden oder auf dem Marktplatz. Das Flair hat mit ganz vielen Kleinigkeiten zu tun - angefangen mit der Bratwurstbude auf dem Markt. Coburg besteht aus sehr vielen Mosaiksteinchen, diese Mosaiksteinchen zu sammeln, braucht seine Zeit. Aber der allererste Eindruck war: Ich habe gar nicht gewusst, dass es hier so schön ist. Das ist der erste Eindruck von vielen, die von außen kommen. Der Coburger an sich weiß gar nicht, in welch schönem Ort er hier lebt. Viele wissen das einfach nicht. Coburg ist eine junge Stadt. Als ich das im Stadtrat bei meiner Vorstellung gesagt habe, gab's ein großes Hallo dagegen. Aber wir haben über 5000 Studenten hier bei uns in Coburg. Das darf man nicht vergessen. Wenn die Alten nur unter sich bleiben, nehmen sie Coburg als alt wahr. Aber es gibt hier sehr viele junge Menschen, das ist absolut ein Potenzial, das Coburg besitzt.

Sie sind ein Pendler mit Domizil in Nordhalben und Wohnung in Coburg: Wie lebt es sich mit zwei Wohnsitzen?

Das ist relativ einfach, ich fahre ja auch nur rund 50 Minuten. Wichtig aber ist für mich, dass ich am Leben in Coburg teilnehme. Das kann man nicht, wenn man an jedem Abend wegfährt. Das Schöne ist, dass meiner Familie Coburg auch gefällt. Wir sind am Wochenende oftmals auch gemeinsam hier, um einzukaufen, um ins Theater zu gehen.

Ist das ein Spagat für Sie?

Nein, überhaupt nicht. Ich kann an zwei Orten sein, wo es mir gefällt.

Als Spezialist des Ankommens: Wie wirkt Sie das auf ihren Job im Tourismus aus?

Im Tourismus gibt es verschiedene Instrumente. Vor dem Ankommen steht das Kennenlernen. Dieser Wunsch, dort anzukommen, steht ja am Anfang. Das ist auch unsere Arbeit: Dass wir Menschen dazu bewegen, dass sie bei uns ankommen wollen. Da haben wir in den letzten zwei Jahren viel Arbeit geleistet. Wir haben den Stil, mit dem wir uns nach außen verkaufen, grundlegend geändert. Wir arbeiten sehr viel mit Emotionen. Lust auf Coburg zu machen - das war die große Herausforderung. Wir haben einen komplett neuen Internetauftritt in den letzten zwei Jahren auf den Weg gebracht. Dazu haben wir unsere gesamte Bilddatenbank mit Menschen bestückt.

Was sind für den Touristik-Fachmann die besonderen Stärken von Coburg?

Die Vielfältigkeit des Erlebens. Und wo gibt es in einer Stadt dieser Größe ein Drei-Sparten-Theater. Wir bekommen das Globe, die Pakethalle wird saniert - wir bekommen Spielstätten, die hip sind. Das Globe wird etwas Herausragendes. Wir haben sehr viele Alleinstellungsmerkmale in Coburg - das nach außen zu tragen, wird spannend. Aber die Leute müssen wissen, dass das bei uns passiert. Coburg ist nicht nur Samba. Wir sind noch viel, viel mehr.

Sie haben schon viele Karriere-Stationen erlebt. Können Sie sich vorstellen, in Coburg beruflich endgültig angekommen zu sein?

Für mich gibt's keine Frage: Ich bleibe hier. Ich bin angekommen. Die Idee, die Energie, die wir bislang in diese Arbeit hier gesteckt haben: die Ergebnisse kann man im Tourismus erst zwei, drei, vielleicht vier Jahre später abschöpfen. Dieses Abschöpfen möchte ich selber erleben. Ich möchte in Coburg meine Spuren hinterlassen, gemeinsam mit der Stadt, mit einem jungen Oberbürgermeister, mit vielen Stadträten.

Das Gespräch führte Jochen Berger

Zur Person

Horst Graf, 1962 in Scheinfeld im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim in Mittelfranken geboren, ist schon viel herumgekommen in der Republik. Nach Anfangsjahren als Verwaltungsbeamter in Neustadt an der Aisch und folgendem Touristik-Studium war Graf beim Tourismusverband Steigerwald tätig. Anschließend wirkte Graf

als Kurdirektor erst im Ostseebad Binz auf Rügen (2007 bis 2012) und anschließend in Bad Wörishofen (2012 bis 2016), bevor es ihn nach zwei Jahren als Tourismusdirektor in Oberstdorf (2016 bis 2018) schließlich in die fränkische Heimat und ins Eigenheim in Nordhalben zurückzog. Seit März 2019 ist Graf Betriebsleiter Coburg Marketing.red