Zwei Jahre Haft, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, eine Geldstrafe von 6000 Euro und die Auflage, Praxis, Zulassung und Approbation bis zum 30. September dieses Jahres aufzugeben, ist das Urteil gegen eine niedergelassene Ärztin aus Sonneberg. Weiter gilt ein beschränktes Berufsverbot für fünf Jahre. Danach darf die Ärztin keine Betäubungsmittel an Patienten unter 60 Jahre verschreiben. Sowohl die Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft verzichteten auf eine Revision, damit ist das Urteil rechtskräftig.


Richter: Sucht wurde verlängert und verschlimmert

Die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Coburg unter Vorsitz von Richter Christoph Gillot kam am Freitag zu dem Schluss, die Medizinerin habe in 190 Fällen das völlig ungeeignete Schmerzmittel Fentanyl an schwer suchtkranke Menschen ohne medizinische Notwendigkeit leichtfertig und unverantwortlich verschrieben. "Es gibt hier keine Therapiefreiheit", stellte Richter Gillot in seiner umfangreichen Urteilsbegründung fest. Die Angeklagte habe alles falsch gemacht, was falsch zu machen war und sei als Allgemeinmedizinerin nicht für solche Fälle qualifiziert gewesen. Weil die Angeklagte die Sucht faktisch verschlimmert und verlängert habe, sei eine Haftstrafe zwingend.

Zugunsten der 74-jährigen Ärztin wertete die Kammer das umfassende Geständnis und die Einsicht wie auch die Aufgabe der Praxis in den nächsten sechs Monaten. Auch die Motivation, helfen zu wollen, und der Druck der Süchtigen auf die Ärztin sowie deren bisherige Unbescholtenheit waren positiv gewertet worden.


Staatsanwältin: Kein Heilauftrag und kein therapeutischer Zweck

Bereits am vergangenen Mittwoch hatte Staatsanwältin Jana Huber der Medizinerin vorgeworfen, bei der Verschreibung von Fentanylpflastern in 190 Fällen gegen die Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes massiv verstoßen zu haben. "Fentanyl ist tödlicher als andere gewöhnliche Betäubungsmittel, und deshalb ist die Abgabe geregelt." Die Todesquote bei Fentanyl liegt nach den Worten der Staatsanwältin bei 40 Prozent, während sich die restlichen 60 Prozent auf alle anderen Betäubungsmittel erstrecken. Die Angeklagte habe erkennen müssen, dass die Patienten nicht aus medizinischen Gründen die Praxis aufgesucht hätten. "Hier gab es keinen Heilauftrag und keinen therapeutischen Zweck."

Strafverteidiger Andreas Kittel hatte für seine Mandantin die 40-jährige unbescholtene Tätigkeit ins Feld geführt. Auch nachdem die Praxis durchsucht und das Verfahren begonnen hatte, sei strafrechtlich nichts Relevantes mehr vorgefallen. Weiter habe die Medizinerin die Patienten immer wieder auf das Suchtpotenzial der Schmerzpflaster angesprochen und in einigen Fällen auch auf eine Entgiftung gedrängt.


Verteidiger: einfach zu gutmütig

Der Verteidiger beschrieb die 74-Jährige als einfach zu gutmütig, obwohl sie gewusst habe, dass sie irgendwann für die freizügige Verschreibungspraxis der Fentanylpflaster Ärger bekommen werde. Weiter habe die Angeklagte sich nicht bereichert und die Patienten hätten keine gesundheitlichen Schäden erlitten. Daher sah der Anwalt "höchstens Fahrlässigkeit" als gegeben an.

Am Mittwoch hatte der Anwalt ein psychologisches Gutachten zur angeklagten Ärztin als sinnvoll erachtet, vor der Fortsetzung der Verhandlung am Freitag zog er diesen Hilfsantrag zurück. Die Darstellungen entsprächen nicht den Tatsachen, so die Argumentation. Weiter stellte er einen Befangenheitsantrag gegen den Sachverständigen Dr. Christoph Mattern in Aussicht, was er jedoch nicht verwirklichte.

In der Folge kam es zwischen Staatsanwältin Jana Huber und Strafverteidiger Andreas Kittel zu einem Wortwechsel, den die Staatsanwältin sehr pointiert führte. Sie warf Kittel vor, "mehr oder minder sinnvolle Anträge" zu stellen. "Es ist fast schon eine Frechheit, sich hier hinzusetzen und zu behaupten, zu wenige Hinweise erhalten zu haben", fauchte sie.

Von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht als Zeugin machte die Tochter der Angeklagten Gebrauch. Der Sachverständige Dr. Mattern sah sich "aufgrund der wenigen Informationen und fehlender Untersuchungen" außerstande, ein Gutachten abzugeben.