"Es ist nicht schön, dass es solche Vereine wie uns geben muss", sagt Ria Wirsching-Höfner", die seit 20 Jahren im Frauenhaus arbeitet. "Aber es ist gut, dass wir schon so lange Frauen helfen können." Seit mittlerweile 30 Jahren hilft der "Verein zum Schutz misshandelter Frauen" Mädchen und Frauen in Coburg, wenn sie Opfer von Gewalt jeder Art werden. Am Donnerstagabend haben rund 80 Mitglieder und Unterstützerinnen das runde Jubiläum gefeiert.

Das Frauenhaus ist eine von drei Einrichtungen unter dem Dach des Vereins. Hinzu kommen die Notruf- und Beratungsstelle und - seit kurzem - die "Interventionsstelle Coburg", die sich aktiv mit Frauen in Verbindung setzt, die Opfer häuslicher Gewalt oder Partnerstalkings wurden.
In diesen Fällen ging ein Polizeieinsatz voraus.
Polizeieinsätze sind in Verbindung mit häuslicher Gewalt keine Seltenheit, wie Ria Wirsching-Höfer weiß. 2016 fanden 31 Frauen und genauso viele Kinder Unterschlupf in den Wohnräumen des Vereins. "Im Schnitt wohnen jedes Jahr zwischen 30 und 40 Frauen bei uns", erklärt sie. Weil es sich nur um ein kleines Haus handelt, haben eigentlich nur fünf Frauen mit ihren Kindern gleichzeitig Platz. "Wenn es aber nicht anders geht, wohnen auch mal sechs oder sieben Frauen zwischenzeitlich bei uns", sagt sie.


Manche Frauen gehen wieder zurück

Manche Frauen bleiben nur eine Nacht oder wenige Tage, andere mehrere Monate. Von den 31 Frauen über 18 Jahren, die im vorigen Jahr Zuflucht im Frauenhaus gefunden haben, sind sechs wieder zu ihren gewalttätigen Männern zurückgegangen. "Wir hatten schon Fälle, in denen die Frau in der ersten Nacht wieder nach Hause verschwunden ist", sagt Ria Wirsching-Höfner. Das komme oft vor, wenn die Partner reumütige SMS schreiben und sich entschuldigen. "Wir versuchen natürlich, auf sie einzuwirken", sagt Wirsching-Höfner. "Aber es sind erwachsene Frauen und können selbst entscheiden."

Trotzdem dürfen die Frauen wiederkommen, wenn sich an der häuslichen Situation nichts ändert. Die Mitarbeiterin sagt aber: "Wenn die Frau mehrmals zu ihrem Partner zurückgegangen ist, müssen wir irgendwann einen Riegel vorschieben. Die Opfer müssen die Hilfe selbst wollen. Sie können nicht nur kommen, um sich ein paar Tage auszuruhen."


Begleiten ins neue Leben

Zieht eine Betroffene vorübergehend ins Frauenhaus, geht es am Anfang darum, sie finanziell abzusichern. "Wir begleiten die Bewohnerinnen zu Terminen bei Ämtern und Behörden, weil viele Angst haben, die ersten Schritte alleine zu gehen", erklärt Ria Wirsching-Höfner. Wenn die finanzielle Versorgung geregelt ist, versuchen die ausschließlich weiblichen Mitarbeiterinnen, das Selbstwertgefühl der Bewohnerinnen wieder aufzubauen. "Genauso schlimm wie die körperliche Gewalt sind die seelischen Qualen, denen die Opfer oft jahrelang von ihren Peinigern ausgesetzt sind", sagt sie.

Besonders hilft den Frauen in dieser Zeit der Kontakt zu anderen Betroffenen. "Sie merken, dass sie nicht alleine sind und sich nicht schämen müssen", erläutert Ria Wirsching-Höfner. Oft kommt es vor, dass alle Bewohnerinnen zusammen im Wohnzimmer sitzen, sich austauschen und dabei weinen. Immer wieder stellt sie eine Gemeinsamkeit fest: "Die Opfer haben lange die Täter gedeckt und geben sich selbst die Schuld für die Situation, weil ihnen das eingeredet wurde."

Zum Gehen sei es nie zu spät: Die Mitarbeiterin berichtet von einer 70 Jahre alten Coburgerin, die vor einigen Jahren ins Frauenhaus flüchtete, weil sie es bei ihrem Mann nicht mehr ausgehalten hatte.

Wenn die Frauen wieder mutiger werden, geht es darum, ihnen eine eigene Wohnung zu beschaffen. Viele wissen nicht, dass sie auch Rechte haben, den gewalttätigen Partner aus den eigenen vier Wänden zu werfen. "Das Gewaltschutzgesetz besagt, dass derjenige gehen muss, der schlägt" erklärt Ria Wirsching-Höfner.


Erfolge bestätigen die Arbeit

Neben den Frauen, die wieder zu ihren Partnern zurückkehren oder in andere Einrichtungen wechseln, gibt es auch solche, die den Absprung schaffen und ein neues Leben beginnen. Die Mitarbeiterin im Frauenhaus erinnert sich an eine Frau Anfang 30, die vor einigen Jahren mit zwei kleinen Kindern zu ihr kam. "Sie war psychisch komplett am Ende, weil ihr Mann gedroht hat, sie und die gemeinsamen Kinder umzubringen", erzählt Ria Wirsching-Höfner. Die Frau hatte sogar einen Abschiedsbrief schreiben müssen, wo sie ihren Selbstmord zugibt.
Nach einigen Monaten im Frauenhaus hat sie es geschafft, sich von ihrem Mann zu lösen und mit ihren Kindern anonym in eine eigene Wohnung zu ziehen. "Heute geht ihr Sohn auf die Realschule, und sie bildet sich beruflich weiter", sagt Ria Wirsching-Höfner. Der Verein betreut die Frauen auf Wunsch auch nach ihrem Auszug weiter und unterstützt sie, wenn sie Hilfe brauchen.

Jede Frau, von der Ria Wirsching-Höfner weiß, dass ihr geholfen werden konnte, bestätigt und ermutigt sie seit 20 Jahren in ihrer Arbeit. "Wenn wir sehen, was sie aus ihrem Leben gemacht haben, erkennen wir jedes Mal, wie wichtig unsere Arbeit ist."