Der Mann war angeklagt, seine Frau über vier Jahre hinweg in betrunkenem Zustand immer wieder geschlagen zu haben, mindestens in 57 Fällen. Im November 2012 eskalierte die Serie gewalttätiger Übergriffe: Er ging zunächst auf seine Frau und dann auf seinen damals 20-jährigen Sohn los. Zum Tatzeitpunkt hatte der 46-Jährige erstaunliche 3,47 Promille.

Etwa eine Flasche Wodka hatte der trinkfeste Mann im Verlauf des Nachmittags bereits getrunken. Als seine Frau ihm deshalb Vorwürfe machte, wurde er böse und versetzte ihr einen Faustschlag ins Gesicht. Dann warf er eine Parfümflasche nach ihr, die sie am Arm traf. Die sieben Jahre alte Tochter versteckte sich derweil unter dem Tisch. Dem erwachsenen Sohn gelang es nicht, den betrunkenen Vater aus der Wohnung zu befördern und so die Situation zu entschärfen. Stattdessen holte der Vater ein Messer aus der Küche und versuchte, auf seinen Sohn einzustechen.
Dabei sagte er auch, dass er ihn umbringen wolle.

Ein hinzugekommener Nachbar half dem jungen Mann und so gelang es, dem Vater das Messer aus der Hand zu schlagen. Die Familie verließ die Wohnung und rief die Polizei. Diese fand ihn später schlafend unter dem Küchentisch. "Er ist nicht einmal aufgewacht, als wir ihn von dort in den Flur zogen, um ihn zu fesseln", so eine Beamtin.

Der Angeklagte, der seit acht Monaten in Untersuchungshaft sitzt, erklärte jetzt, das stimme alles nicht. Er gab zwar zu, dass es Gewalt in der Familie gab, eskaliert sei sie aber immer nur, wenn er betrunken war. Alkohol wiederum sei sein Begleiter seit der frühen Jugend. Der Mann, der aus Turkmenistan stammt und deutscher Staatsbürger ist, war 1989 nach Deutschland gekommen. Sprachprobleme und Hemmungen hätten dazu geführt, dass er auch hier das Suchtproblem nicht in den Griff bekommen hatte.

An jenem Tag sei er völlig betrunken gewesen, sagte er aus. An einen Streit erinnere er sich wohl, ein Messer habe er aber höchstens in der Hand gehabt, um sich ein Brot zu schmieren. Nach diversen Zeugenaussagen entschloss sich der Angeklagte immerhin, die ihm vorgeworfenen Tatbestände einzuräumen.

Zwei Sachverständige sahen im Alkohol das Grundproblem. Sie rieten dringend zu einer Suchttherapie, allerdings sollte diese in russischer Sprache sein.

Staatsanwältin Ursula Haderlein wich in ihrem Plädoyer vom Tatbestand des versuchten Totschlages ab und forderte drei Jahre und drei Monate wegen vorsätzlichen Vollrausches und Körperverletzung. Sie stellte den Antrag, den Haftbefehl umzuwandeln und den Mann in einer Entziehungsanstalt unterzubringen. Verteidiger Albrecht von Imhoff war der gleichen Meinung, forderte jedoch nur ein Strafmaß von zwei Jahren und vier Monaten.

Die Kammer folgte in allen Punkten der Staatsanwaltschaft. Für Richter Amend zeigte sich die Situation als eine typische für Spätaussiedler: Oft seien gerade die Männer die Verlierer in solchen Familien. "Die Frau und die Kinder haben sich deutlich besser angepasst." Der Suchtmittelmissbrauch mache alles kaputt. "Sie haben die Achtung, die Liebe und die Zuwendung, die Ihnen Ihre Familie entgegengebracht hat, zerstört", so Amend. Seine kleine Tochter drückte der Verurteilte hinsichtlich des langen Abschiedes lange und innig.