Als ihren größten politischen Erfolg bezeichnet Bundestagsabgeordnete Anette Kramme (SPD), dass sie an der Einführung des Mindestlohnes beteiligt war. Sie tritt im Wahlkreis Bayreuth/Forchheim zum fünften Mal hintereinander für die SPD an, um die Region im Deutschen Bundestag zu vertreten.

Mitglied der SPD ist die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerin für Arbeit und Soziales seit 1988. "Ich bin eingetreten, weil ich ein Zeichen setzen wollte gegen die Lehrmeinungen meiner Bayreuther Professoren. Da gab es Herren, die das Wahlrecht und die Pressefreiheit einschränken wollten und die jegliche Form von Abtreibung als Mord werteten", erinnert sich Kramme.

Sie hielt es lieber mit Willy Brandt. Zwar gefielen ihr auch die markigen Zitate von Herbert Wehner, die sie heute noch als Buch zu Hause stehen hat, doch Brand war für sie der Inbegriff eines Friedenspolitikers.

Wichtiger denn je findet es die 49-jährige Single-Frau auf die Menschen zuzugehen. Vor allem Zuhören sei wichtig. Die Menschen wollten ernst genommen werden. "Schon jetzt erreichen die etablierten Parteien ein Drittel der Wähler nicht mehr. Die Bürger haben das Gefühl, von der Gesellschaft abgehängt zu sein. 90 Prozent der Deutschen verdienten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes pro Monat weniger als 2750 Euro brutto. Da bleibt dem Einzelnen zu wenig. Und wenn sich die Leute von der Politik abwenden, ist Demokratie gefährdet", warnt Kramme mit ernster Miene. Zwar sei das Thema Wahlmüdigkeit nicht neu, aber ab einer Größenordnung von 30 Prozent der Wahlberechtigten werde dieses Phänomen zum Problem.


Nur noch Sprechblasen?

Da müsste man Taten sprechen lassen, findet die Parlamentarierin, die von ihren Kolleginnen und Kollegen eine klarere Sprache gegenüber den Bürgern einfordert. "Und wir bräuchten mehr Raum", findet Kramme. Sie bedauert, dass einem Politiker für ein TV Statement maximal 30 Sekunden eingeräumt würden. Bei Privatsendern dürfe die Stellungnahme nur noch 15 bis 20 Sekunden lang sein. "Da kann man nur noch mit Sprechblasen arbeiten. Da ist es unmöglich Inhalte herüber zu bringen", so Kramme. Und das führe dazu, dass die Parteien in der Öffentlichkeit immer gleichförmiger wirkten.

So träumt die Bundespolitikerin von einer Gesellschaft in der alle frei von Existenzsorgen leben können und in der die Ökologie nicht zu kurz kommt. Auch die Interessen der so genannten "Dritten Welt" müssten nachhaltig berücksichtigt werden. "Das ist nicht nur eine humanitäre Frage, sondern auch eine Frage der Vernunft", findet Kramme. Die Menschen in Afrika und anderen Krisengebieten bräuchten eine Lebens-Perspektive. "Gelingt dies nicht, stehen wir erst am Anfang einer unvorstellbaren Flüchtlingswelle", gibt die in Essen (Ruhrpott) geborene Sozialdemokratin zu bedenken.

Schade findet sie, dass in der Politik Dinge nicht so schnell realisiert werden könnten, wie ihr das vorschwebt. "Es wäre schön, wenn Dinge als richtig und wichtig anerkannt und sofort umgesetzt werden könnten", seufzt Kramme.


Unmittelbar für die Menschen

"Was wir tun, muss den Menschen unmittelbar zugute kommen" fordert die Staatssekretärin, die aber auch daran erinnert, dass die Erwartungshaltung der Wähler im Vergleich zu den 70er Jahren deutlich gestiegen sei. Geändert habe sich beispielsweise die Kinderbetreuung. Selbst in ländlichen Gebieten nutzten immer mehr Eltern die Angebote offener und gebundener Ganztagsschulen. "An der Tatsache, dass Kinder bis zum Ende der vierten Klasse betreut werden müssen, gibt es für mich keinen Zweifel. Deshalb wird es Zeit, dass die Eltern darauf einen Rechtsanspruch bekommen", fordert die in Heinersreuth lebende Powerfrau, für die eine 70-Stunden-Woche "normal" ist. Die Betreuung müsste kostenlos sein.

Ebenso leidenschaftlich kämpft die Wahl-Fränkin für eine Erhöhung des Rentenniveaus sowie eine Solidarrente für Geringverdiener. "Es gibt immer noch zu viele Renten, die unterhalb der Grundsicherung liegen. Und das, obwohl die Menschen länger als 35 Jahre gearbeitet haben. Das kann nicht sein. Auch ein Partnereinkommen von bis zu 1600 Euro, darf nicht auf diese Rente angerechnet werden", unterstreicht Kramme. Sie ist überzeugt: "Der Staat kann sich das leisten." Ein Rentenniveau von 48 Prozent des letzten Nettoeinkommens, später von 46 Prozent, sei auch ein Versprechen an die Jungen. Das führe auch dazu, dass die Geburtenrate wieder ansteige, ist sich die Staatssekretärin sicher.

Als Wortschöpfung, die keiner versteht, bezeichnet Kramme die "sachgrundlose Befristung" und den daraus erwachsenden Rechtsmissbrauch. "Was dahinter steckt, ist aber wichtig. Es soll verboten werden, dass Arbeitnehmer, die über eine Zeitarbeits-Firma bei einem Unternehmen angestellt werden, noch einmal eine Probezeit absolvieren müssen. Auch die Arbeit auf Abruf sei inakzeptabel. Da werde das Risiko auf den Arbeitnehmer verlagert, kritisiert Kramme, die als Beispiel die Gastronomie nennt. Bei schönem Wetter würden die Bedienungen gebraucht, bei einem verregneten Sommer gebe es so gut wie keinen Verdienst für die Servicekräfte.


Mit der BMW auf Spritztour

Ein anderes Beispiel: Ein Fuhrunternehmer aus der Region stattete seine LKW-Fahrer mit 20-Wochenstunden-Verträgen aus, ohne Überstunden-Zuschläge. Gefahren sind die Kapitäne der Landstraße dennoch. Und als es der Firma finanziell schlechter ging, pochte der Unternehmer auf die 20 Stunden. "Ein Skandal", findet Kramme, die selbst auch gerne auf der Straße ist. Mit ihrer BMW 1200 GS. "Fahre ich einen Tag lang mit meiner Maschine Richtung Rennsteig oder Richtung Alpen ist das für mich Erholung pur. Da konzentriere ich mich nur auf den Verkehr und denke an nichts anderes", so Kramme. Als "Kind der 80er Jahre" hört sie gerne ACDC, aber auch Deep Purple. Hauptsache Hardrock!

Im Wahlkampf setzt die begeisterte Hobby-Köchin ("Leider habe ich nicht jeden Tag dafür Zeit") auf Facebook (6300 Klicks) und Kinowerbung ebenso, wie auf Hörfunkwerbung, Plakate und Flyer. Wichtiger ist aber die direkte Begegnung mit den Wählern bei Firmenbesuchen oder Festen. "Das ist echte Kärrnerarbeit, aber die ist am effektivsten" urteilt Kramme.