Draußen rattern Gewehre, jemand hämmert gegen die Wohnungstür. Eine bedrohlich tiefe Stimme schreit: "Mach auf!". Emily liegt wie ein Embryo zusammengekrümmt in der Badewanne und hält sich die Ohren zu.

Aus der Vogelperspektive blickt der Zuschauer auf ihre Einzimmer-Wohnung. Eine Wand in der Mitte trennt den Eingangsbereich mit Küchenzeile und Tür zum Bad vom Wohnzimmer. Den kompletten Kurzfilm "Emily must wait" über (12 Minuten) ändert sich diese Perspektive von oben nicht. Das ist zunächst ungewohnt, auch weil man kaum einmal das Gesicht eines Schauspielers sieht. Es erlaubt aber ein faszinierendes Spiel mit Lichtern und Geräuschen, auf die man sich stattdessen wie von selbst konzentriert: In welchem Zimmer das Licht an und ausgeht, was durch die beiden Fenster dringt (Explosionen, Rauch, Tageslicht, Nacht), wie sich die Tür öffnet und schließt. Wenige Worte werden gesprochen, die Veränderungen erzählen die Geschichte.


Emily wartet



Die Geschichte von Emily, die irgendwo in einem Europa im Ausnahmezustand lebt und auf ihren Freund wartet. In der Nacht skyped sie manchmal mit ihm im Bett. Oder sie weint im Badezimmer, wenn es draußen mal wieder blitzt, kracht und rattert. Herrscht Bürgerkrieg? Zumindest sind Plünderungen an der Tagesordnung. Einmal öffnet sie die Tür, der Hilferuf einer jungen Frau - eine Falle, sie wird beraubt. Schnelle Schnitte wechseln sich mit langsamen Einstellungen ab: Die Tage verstreichen schnell, die Momente dauern lang. Einmal geht sie mit dem Rucksack aus dem Haus, vermutlich um Vorräte zu holen. Eine Weile lang verändert sich gar nichts, was Spannung konstruiert. Dann kommt Emily nur im Nachthemd wieder zur Tür hinein. In langsamen Schritten taumelt sie ins Bad, Schnitt, sie liegt gekrümmt in der Wanne, das Wasser läuft. Irgendwann wird das Opfer notgedrungen zum Täter.

Der beeindruckende wie bedrückende Film von Christian Wittmoser (Regie und Drehbuch) und Svenja Matthes (Autorin und Produzentin) schaffte es in den abschließenden "Best of" Filmblock des Kontrast-Filmfestivals am Sonntagabend (5. März). Einen Preis gewann er nicht.

"Es waren heuer so viele gute Filme dabei, mir wäre die Auswahl schwer gefallen", sagt Michael Kolb vom "Bayreuther Filmfest Verein", der das Festival organisiert. "Aber die Wahl des Publikums fiel auf einen würdigen Preisträger." Kolb meint den Film "Die Randgruppe" von Julius Grimm, der den Publikumspreis gewann.



Die makabre Komödie beginnt wie ein kitschiger Liebesfilm: Ein junger blonder Mann auf den Knien macht seiner jungen blonden Freundin einen Heiratsantrag. Kurz vor dem "Ja" klatscht ein menschlicher Körper neben dem Pärchen auf den Beton. Schnitt, man sieht nun einen wohl kranken Mann mit Schlauch in der Nase am Rande eines Hochhaus-Dachs, dazu dramatischer Musik. Noch vier weitere Menschen sind hier, um Selbstmord zu begehen. Dabei streiten sie unter anderem über die Reihenfolge. Die kurzen, zynischen Dialoge und die überraschenden Wendungen machen die fünfminütige Komödie witzig und kurzweilig.

"Komödien sind beim Publikum beliebter. Aber es ist auch schwieriger, die Leute zum Lachen als zum Weinen zu bringen", meint Kolb. Es seien heuer viele tragische, packende Filme eingereicht worden. Insgesamt sei es aber eine gute Mischung gewesen. "Nach Fukushima hatten wir mal ein Jahr, in dem fast keine Komödien dabei waren, aber das hat sich wieder gelegt", erzählt Kolb.

Eine besondere Veränderung, die Kolb in den vergangenen 17 Jahren auffiel: "Die Qualität wird immer besser. Man kann teilweise gar nicht verstehen, wie die das machen." Etwa bei "Kryo", eine Science-Fiction Geschichte der Filmakademie Baden-Württemberg: "Die haben diese zischenden Raumschiff-Türen. Da frage ich mich schon, wo sie die herbekommen. Die benutzt ja keiner", erzählt Kolb ratlos.

Unter den etwa 400 eingereichten Filmen wählte der Bayreuther Film-Verein rund 50 reguläre und zehn Kinderfilme aus. Darunter waren quasi alle Genres vertreten; teils auch Mischungen, wie etwa "Cenizo" von Jon Mikel Caballero, der Comic-Elemente und Rahmenhandlung eines absurden Science-Fiction Films mit einem Familiendrama kunstvoll vermischt.

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Den Preis der Jury für das diesjährige Motto "Alles anders" gewann "The Reinvention of beeing normal", ein kurzer Dokumentarfilm über den britischen Künstler und Erfinder Dominic Wilcox, der tatsächlich alles anders macht. Etwa einen Helm, mit dem er auf dem rechten Ohr das hört, was von links kommt und umgekehrt. Dabei stellt er sich die Frage, ob sein Gehirn das irgendwann wieder umdreht, wenn er den Helm nur oft genug trägt. Eine weitere Erfindung ist etwa ein Fußball mit Reißverschluss. Hier füllt er geschältes Obst hinein, tritt ihn auf de Fußballplatz umher und hat hat nach einer Weile einen Smoothie (dicker Fruchtsaft) parat.



In der Jury sitzen zehn Vereinsmitglieder. Es habe eine etwa zweistündige Diskussion gegeben, welcher Film den Preis gewinnt. "Letztendlich ist hier ein Künstler dargestellt, der tatsächlich alles anders macht und dabei eine unglaubliche Kreativität zeigt", erklärt Kolb die Entscheidung. Der Diskussion ging auch ein langer Prozess voraus: "Schon bei der Sichtung treffen wir eine Vorauswahl. Da sammelt man dann schon Argumente für de Diskussion."



Gelungenes Festival


Die Preisträger wurden Samstag nachts gekührt, danach gab es eine lange Feier mit der komödiantischen Funk-Band "Barry Bling & the Orchestra of Chaos". "Ich kam um sechs Uhr nach Hause", erzählt Kolb mit breitem Lächeln bis zu den Augenrändern. Grund zum Feiern habe er gehabt: "Ich habe noch nicht gezählt, aber es waren bestimmt wieder 1500 Zuschauer", sagt er. Damit in etwa wie in den vergangenen Jahren, und so rechne sich die Organisation auch.

Nach so viel Filmen mache er nun erstmal eine Leinwandpause. Allerdings gehe es schon wieder darum, das Sonderthema für kommendes Jahr zu finden. Und die Leinwand wartet auch schon: Ab Mai sollen die nächsten 400 bis 500 Filme kommen, die gesichtet werden müssen.