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"Trump will bewusst entzweien": Fränkin erklärt, was gegen Rassismus hilft

Geboren in Bayreuth, die Mutter Polin, der Vater Kenianer: Alexandra Ndolo ist ein gutes Beispiel für ein vielfältiges Deutschland. Die Degenfechterin weiß, was es heißt, schwarz zu sein - und was im Kampf gegen Rassismus hilft.
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Bei der Fecht-Europameisterschaft in Düsseldorf 2019 hat sich Alexandra Ndolo die Farben der deutschen Nationalflagge in die Haare flechten lassen.  Foto: imago
Bei der Fecht-Europameisterschaft in Düsseldorf 2019 hat sich Alexandra Ndolo die Farben der deutschen Nationalflagge in die Haare flechten lassen. Foto: imago

Alexandra Ndolo ist stolz auf ihre Herkunft. Sie vereint die deutsche, polnische und kenianische Kultur. Die Bayreutherin liebt das Fechten und träumt von Olympia. Dabei ist Ndolo eine Quereinsteigerin. Im Alter von zehn Jahren kommt sie zum Modernen Fünfkampf.

Die Kombination aus Laufen, Schwimmen, Schießen, Reiten und Fechten liegt ihr. Die Fokussierung auf das Fechten kommt erst mit 21 Jahren. Ihre ersten Erfahrungen mit rassistischen Vorurteilen hat sie dagegen schon deutlich früher gemacht - auch deshalb setzt sie sich gegen Rassismus ein.

Wie politisch darf Sport sein?

Alexandra Ndolo: Zuallererst einmal hilft Sport bei der Völkerverständigung. Sport schafft es, dieses Gefühl des Fremdseins abzubauen. Durch den Wettkampf merkt man, dass wir alle einfach Menschen sind. Egal aus welcher Ecke der Welt die Leute kommen, sie haben ähnliche Probleme, Ängste und Wünsche. Ganz unpolitisch wird Sport wahrscheinlich nie sein, obwohl er es zumindest für die Athleten sein sollte. Man sollte die Sportler nicht dazu benutzen, die politischen Botschaften eines Landes zu verbreiten. Aber ein Athlet muss die Freiheit haben, seine Meinung sagen und für seine Anliegen einstehen zu können. Das muss aber vom Athleten ausgehen und nicht von oben kommen.

Also sollten Sportler ihre Bekanntheit nutzen, um auf Probleme aufmerksam zu machen?

Jeder nutzt eben die Plattform, die er hat. Wenn sich jemand für etwas einsetzen will, macht er das erstmal als Privatperson. Sportler können nichts dafür, dass sie durch ihren Sport bekannt geworden sind. Aber wenn sie sich für eine gute Sache einsetzen, sollte die gleiche Meinungsfreiheit herrschen wie für jeden anderen Bürger auch.

Seit dem Tod des Amerikaners George Floyd bekommt die Black-Lives-Matter -Bewegung viel Aufmerksamkeit. Es wird so intensiv wie selten zuvor über Rassismus diskutiert. Ist jetzt die Zeit für dauerhafte Veränderung gekommen?

Man wird die Probleme, die der Rassismus in den verschiedenen Ländern mit sich bringt, nicht von heute auf morgen lösen. Es ist gut, wenn immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird. Gerade jüngere Menschen setzen sich vermehrt für ihre Überzeugungen ein. Der Tod von Floyd war fürchterlich. Er hat solche Wellen geschlagen, dass die Rassismus-Debatte derzeit viel Aufmerksamkeit erfährt - und das ist gut so.

Bleiben wir in den USA: Wie bewerten Sie das Verhalten des Präsidenten Trump beim Thema Rassismus?

Fürchterlich. Sein Verhalten ist nicht nur ignorant. Trump will bewusst entzweien und schürt damit Hass. Das ist brandgefährlich. Ich bin froh, dass ich nicht in den USA lebe. Ich wüsste als dunkelhäutige Person nicht, wie ich damit umgehen würde. Da muss man teilweise ja um sein Leben bangen. Bei uns in Deutschland ist es zum Glück nicht so.

Hierzulande sind auch Tausende Menschen auf die Straßen gegangen. Waren Sie auch bei einer Demo?

Ich war auf den Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Köln. Da tat es schon gut zu sehen, wie viele dunkelhäutige Menschen es in Deutschland gibt. Gleichzeitig haben sich viele Non-people-of-colour mit der Bewegung solidarisiert, haben Plakate gemacht, um zu sagen: "Wir sind bei euch und hören euch zu."

Sollten von Rassismus Betroffene ihre Geschichten offen erzählen?

Es hilft der Diskussion weiter, wenn man ruhig miteinander spricht, auf die Missstände aufmerksam macht und Nicht-Betroffenen aufzeigen kann, wo die Probleme liegen. Ich stehe klar gegen Rassismus ein. Und wie mache ich jemandem klar, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt, wenn ich nicht von meinen eigenen Erlebnissen erzähle. Ich habe zwei Halbschwestern. Beide sind, weil mein Stiefvater Deutscher ist, blond, blauäugig und weiß. Wir sind eine Familie, wir lieben uns, wir diskutieren, aber es gibt Dinge, die mir in Deutschland widerfahren sind, die ihnen nicht widerfahren werden. Wenn ich das nicht berichten würde, könnten sie nicht wissen, dass solche Dinge im Jahr 2020 immer noch ein Problem sind.

Was ist Ihnen widerfahren?

In jüngster Vergangenheit habe ich Anfeindungen auf Twitter erlebt, wo manche User der Meinung waren, dass ich als in Deutschland geborene Tochter eines Kenianers und einer Polin keine Deutsche sein könnte. Erste Fälle von Rassismus habe ich bereits in der Grundschule erlebt.

Wie gehen Sie mit Rassismus um, wenn Sie damit konfrontiert werden?

Wenn ich live dabei dabei bin, setze ich mich für die Person ein. Darüber hinaus hilft es, sich auszutauschen und zu wissen, dass man nicht alleine ist. Manche wollen dir ja einreden, dass du dir deine Probleme nur einbildest. Da ist es immer gut, wenn dir jemand zuhört und für dich da ist.

Was ist für Sie der Hauptaspekt in der Rassismus-Debatte?

Kommunikation. Wenn eine Person mit dunkler Hautfarbe sagt, es ist etwas vorgefallen, dann sollte man ihr glauben. Es ist verletzend, wenn sich eine Person öffnet und von einem Vorfall berichtet und zu hören bekommt: "Bist du dir sicher? Hast du dir das nicht eingebildet? Vielleicht war es ja gar nicht so gemeint." Wenn ich sage, da ist was vorgefallen, kann man mir das glauben. Ich bin keine negativ denkende Person, die sich damit in den den Vordergrund spielen möchte und Quatsch erzählt. Redet miteinander und schenkt den Betroffenen Gehör.

Ndolos Olympia-Pläne: Tokio fest im Blick, Paris als Fernziel

Den 24. Juli 2020 hatte Alexandra Ndolo rot im Terminkalender markiert. An diesem Tag sollten in Tokio die Olympischen Sommerspiele eröffnet werden. Durch die Corona-Pandemie ist das Großereignis um ein Jahr verschoben worden. Für Ndolo - sie startet für Bayer Leverkusen - hat sich jedoch nichts geändert. Das Ziel der 33-jährigen Degenfechterin bleibt die erstmalige Teilnahme an Olympischen Spielen.

Der Grund ist einfach: "In meiner Sportart ist Olympia das größte Event, das es gibt", sagt Ndolo. "Europameisterschaften und Weltmeisterschaften sind auch etwas Besonderes, aber Olympia ist eben nur alle vier Jahre." Die Absage sei ärgerlich, aber nachvollziehbar. "Es kann nicht sein, dass die ganze Welt stillsteht und Sport findet statt", sagt Ndolo. Tausende Athleten an einem Ort? Das wäre für sie verantwortungslos gewesen. Wie bei vielen anderen Sportarten war auch beim Fechten die Qualifikation noch nicht abgeschlossen. "Mein Ticket hatte ich noch nicht gelöst", erzählt Ndolo. Seit Mai 2019 kämpfte die Bayreutherin um ihre Olympiatteilnahme. Ihr Alltag damals: Training, Reisen, Wettkämpfe. "Ich war im Tunnel und voll auf die Turniere fokussiert."

Die Fechterinnen lagen im März in den letzten Zügen der Qualifikation. Dann kam das Coronavirus dazwischen. Ihr bislang letztes Turnier in Ungarn bestritt die 33-Jährige schon unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das darauffolgende in China war zum damaligen Zeitpunkt bereits abgesagt. "Das Turnier hätte dann woanders stattfinden sollen", erinnert sich Ndolo. "Ich bin auch angereist, aber letztendlich wurde es abgesagt."

Seitdem wartet Ndolo. Im September wollen die deutschen Fechterinnen zum normalen Trainingsbetrieb zurückkehren. Derzeit findet Training noch ohne Nahkampf statt. Der Welt-Fechtverband (FIE) erklärt, keine Turniere austragen zu wollen, ehe sich die Pandemie-Lage auf der Welt nicht entspannt hat. "Danach soll es noch ein bis zwei Monate dauern, bis es mit der Quali weitergeht", sagt Ndolo. Angepeilt ist März 2021. Trotz unterbrochener Qualifikation ist Ndolo zuversichtlich, in Tokio dabei zu sein.

Mit einem Jahr Verspätung könnte sich die Wahl-Kölnerin ihren Traum von Olympia verwirklichen. Dann ist sie 34 Jahre alt. Ans Aufhören denkt sie aber noch nicht. "Degenfechten ist langlebig", sagt sie. "Solange ich nicht abbaue, werde ich weitermachen." Ihr Fernziel ist Paris, Austragungsort der Olympischen Spiele 2024. "Die möchte auf jeden Fall noch mitmachen." Was danach kommt, müsse man sehen. Vielleicht Los Angeles 2028?

Mit dann 42 Jahren wäre Ndolo im Fechtsport keine Ausnahme. Die Italienerin Valentina Vezzali holte in Rio 2016 noch einmal Silber im Florettfechten - mit 42 Jahren.

Das ist Alexandra Ndolo

  • Geburtstag: 13. August 1986
  • Geburtsort: Bayreuth
  • Vereine: TS Bayreuth (2005 - 2009), OFC Bonn ( 2009 - 2012), Bayer Leverkusen (seit 2012)
  • Größte Erfolge: EM-Silber 2017, EM-Bronze 2019