Karim Karimi reicht Tee und lächelt. Obwohl er Angst hat. "Jeden Tag gibt es Anschläge in Afghanistan", sagt er. "Ich verstehe das nicht. Alle wissen, was in meinem Land passiert." Man müsse dort entweder gegen oder für die Taliban kämpfen, ein Dazwischen gebe es nicht. "Wollen die, dass wir sterben?"

Die Sicherheitslage in Afghanistan bleibe nicht einfach, räumte Bundesinneniminister Thomas de Maizière gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR) ein. Aber in verschiedenen Gebieten sei sie für die Zivilbevölkerung hinreichend sicher. "Welche Regionen das sind wollte de Maizière nicht sagen", meldete der BR gestern (15. Dezember), einen Tag nach der ersten Rückführungsaktion von 34 in Deutschland lebenden Afghanen.

Karimi wohnt in der Gemeinschaftsunterkunft in der Wilhelm-Busch-Straße am Röhrensee. Seit sechs Jahren ist der gebürtige Afghane in Bayreuth. Er spricht Persisch, Dari und Deutsch. Er ist Integrationsbeirat der Stadt Bayreuth. Er übersetzt ehrenamtlich für andere Geflüchtete, bei der Caritas, beim Arzt, bei der Polizei, beim Amt. Eine Arbeitserlaubnis hat er in all den Jahren nicht bekommen. Vor wenigen Wochen kam der Brief. Kommende Woche soll er zur Regierung von Oberfranken, um "über die Möglichkeit einer freiwilligen Ausreise" zu sprechen, wie eine Pressesprecherin mitteilte.

"Das Instrument der freiwilligen Rückkehr funktioniert aber nur dann, wenn wir auch ausreisepflichtige Personen, die nicht freiwillig rückkehren, unfreiwillig durch Abschiebung in ihr Heimatland zurückführen", sagte de Maizière dem BR.

"Wenn ich ausgewiesen werde, welche Chance haben dann die Anderen?", fragt er sich. Die Regierung von Oberfranken sagt dazu, dass eine "mögliche Rückführung" Karimis lediglich geprüft werde. Und dass es nicht der Praxis der ZAB (Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen) entspreche, "dass Personen bei einer Vorsprache aufgegriffen werden, um Abschiebungen durchzuführen."


Auch nach Jahren schwierig, eine Arbeit zu finden

Barjalai Salimi hat Schweißer gelernt und Praktika in einer KFZ-Werkstatt gemacht. Neben der Berufsschule arbeitete er in einem Imbiss. Nun hat er die Arbeitserlaubnis entzogen bekommen. Der Grund: Seine Duldung wurde nicht verlängert. Den Antrag dafür habe er schon vor zwei Jahren eingereicht, vom Amt gehört hat er erst jetzt, mit dem Brief, den er mir mit zittrigen Händen reicht. Wie es weitergeht, wisse er nicht. Eine Perspektive sehe er nicht in Afghanistan. "Ich habe Angst", sagt er. Und er könne die Aufregung in Deutschland nicht nachvollziehen: "Wir sind doch gar nicht so viele [Afghanen], wo ist das Problem?" Derzeit befinden sich rund 40 000 Geflüchtete aus Afghanistan in Deutschland.

Einer davon, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, "weil es mich deprimiert, dass es eh nichts bringt", zieht seine Baseball-Kappe vom Kopf. Er deutet auf die tellergroße haarlose Fläche in der Mitte seines Hauptes. "Was schätzt du wie alt ich bin?", fragt er. "Ich sehe doch aus wie 40!" Im Alter von 18 Jahren kam er nach Deutschland, das ist sieben Jahre her. "Ich hatte ein Ziel, ich wollte mir ein Leben aufbauen", sagt er mit einer Schwingung in der Stimme, die nach Verzweiflung klingt. "Ich wollte arbeiten, heiraten, Kinder bekommen". Doch seit sieben Jahren bekommt er stets nur eine auf wenige Monate befristete Duldung nach der anderen. "Die deutschen Arbeitgeber lachen mich aus, wenn ich ihnen das zeige", sagt er. "Die würden mich schon anstellen, aber das sei zu viel Ungewissheit und zu viel Aufwand." Gearbeitet habe er trotzdem ab und zu, meistens in Restaurants von Migranten. "Die sehen das nicht so eng", meint er. Er kocht gerne, in einem Restaurant sei er sogar Küchenchef gewesen. Nach ein paar Monaten sei er gekündigt worden. Grundlos, meint er.


"Ein Mensch wie du"


Auch er übersetze stets für seine Zimmernachbarn. "Die kommen rein, bleiben ein paar Monate, gehen wieder, und ich bleib immer zurück", sagt er. "Was glaubst du, was das mit einem macht?" Ihn mache es krank, er könne nicht mehr schlafen, die Träume von einst habe er verloren. "Ich gehe manchmal nachts an den Röhrensee, schreie und schlage gegen die Bäume." Seit ein paar Monaten ist er in psychiatrischer Behandlung.

Bei einem Drittel der am Mittwoch abgeschobenen Afghanen handelte es sich um Straftäter.

"Ich habe nie irgendwas angestellt", sagt der 25 Jahre alte Afghane. "Ich bin doch auch nur ein Mensch. Ich habe einen Mund, eine Nase und Ohren. Wie du."

Die drei sind gemeinsam mit fünf weiteren Afghanen und fünf Mitgliedern des Aktionsbündnisses "KUnterBunT" in einem hohen Raum mit kargen Wänden in der Gemeinschaftsunterkunft. An den Wänden liegen dünne Matratzen zum Sitzen. In der Mitte des weitläufigen Raumes ist ein großes Transparent, dass die Anwesenden gemeinsam bemalen. "Keine Abschiebung nach Afghanistan", steht darauf. Für Samstag (17. Dezember) hat das Bündnis eine Kundgebung angemeldet. Sie beginnt um 14 Uhr auf dem La-Spezia-Platz.

Das Bündnis mit den Verkehrszeichen von Kulmbach (KU) und Bayreuth (BT) im Namen gibt es seit dem Jahr 2011. Gegründet worden sei es ursprünglich, um gegen Neonazis in der Region vorzugehen, sagt Mitglied Tina Krause. Mehrere Veranstaltungen und Aktionen mit teils bis zu 1000 Unterstützern seien seitdem organisiert worden. Seit im Jahr 2014 das Asylrecht verschärft wurde, hat sich das Bündnis auch dagegen stark gemacht. Für Tina Krause ist es auch ein persönlicher Kampf: Sie ist mit Karim Karimi verlobt.

"Wir können nicht einfach aufgeben", sagt sie. "Um unsere Familie zu retten, hilft jetzt nur noch eine politische Lösung."