Das Basswummern aus dem "Zauberwäldchen", einer Bühne in der Nähe des Zeltplatzes, belebt den noch steifen Körper und beantwortet die "Wo-bin-ich?"-Frage. Das leichte Pochen an der Schädeldecke erklärt, wieso die Frage überhaupt aufkam. Beim Kriechen aus dem Schlafsack macht sich ein leichter Muskelkater in den Waden bemerkbar, der an das Tanzen auf Sand erinnert; vor der Freilichtbühne in der Mitte des Festivalgeländes, dem "Sandpalast".

Auf dem Weg zur nächsten Wasserstelle muss man am Sonntagmorgen nicht mehr durch tiefen Matsch waten wie an den Tagen zuvor. Sonnenschein und warme Luft haben den Erdboden wieder fester werden lassen auf dem Acker in Scherleithen bei Plankenfels (Landkreis Bayreuth), auf dem zum 13. Mal die Klangtherapie stattgefunden hat. Die Zeltnachbarn wünschen mit breitem Grinsen einen guten Morgen. Erinnerungen an Gespräche über Menschsein und die Welt, an gemeinsames Tanzen und Singen, werden zusammen mit dem Körper wach.

Auf den Wegen zwischen den Zeltplätzen und dem Gelände tummeln sich auch am Morgen schon jede Menge Festival-Besucher und strömen in alle Richtungen. Manche waschen sich gerade den Schlaf aus den Augen, andere gehen bereits bunt bemalt, dekoriert und mit vorfreudigen Gesichtern in Richtung Tanzfläche. Eine Gruppe taumelt mit müden Augen vom Gelände Richtung Schlafplatz, eine andere läuft mit umgehängtem Handtuch zur täglichen Yoga-Stunde ins "Tal der Sinne".

"Die Freiheit sein zu können wie wir sind" ist seit der ersten Klangtherapie im Jahr 2003 das Motto des Festivals inmitten der Fränkischen Schweiz, das sich weder vom Line-Up noch von der liebevollen Dekoration und Stimmung vor vergleichbaren Festen in Großstädten verstecken muss.


Eine Gemeinschaft der unterschiedlichsten Menschen

Am Stand der "Volxküche" gibt es Kaffee, ein willkommener Ort, um gemütlich warm zu werden und die Atmosphäre zu genießen. Einen Preis im herkömmlichen Sinne hat an diesem Stand nichts, stattdessen gibt es eine Spendenbox. Die Frau hinter der Theke bietet frisch zubereitete Gemüsesuppe an, die leichte Schärfe belebt noch mehr als der Kaffee. Die Helfer in der "Volxküche" kochen nach Lust und Laune frisches vegetarisches Essen und verteilen es an die Besucher, das benutzte Geschirr wird von den Bekochten selbst gespült. Die Schlagworte "Liebe" und "Gemeinsamkeit" fallen von Besuchern, Künstlern und Veranstaltern häufig - und sind tatsächlich nicht nur eine Rechtfertigung für Rausch und Party.

Auf dem weichen Boden zwischen den Bühnen fängt ein kleines Mädchen riesige Seifenblasen, die ein etwa vierzig Jahre alter Mann an einer Schnur zwischen zwei Holzstäben entstehen lässt. Ein als Amor verkleideter Mann mitte Dreißig freut sich ebenso sehr über die Seifenblasen wie das Mädchen. Er ist von den Turnschuhen über die Flügel bis ins Haar mit weißen Federn bedeckt und mit einem kleinen Bogen und Pfeilen mit Herzspitze ausgerüstet. Gestern stieg er beim Auftritt der Nürnberger Hip-Hop-Kombo "Flying Penguin" begeistert in die Rufe nach Liebe mit ein. Auf einem großen Baumhaus am Waldrand spielt die Hollfelder Blaskapelle Eigeninterpretationen von Popsongs und anschließend einen Marsch. Spontan bildet sich dazu eine Polonaise aus rund 50 buntgekleideten Festbesuchern gemischten Alters. Vor dem Baumhaus balanciert ein Mann mit kurzer Hose und Wintermütze auf einer Slackline.
 

 


Festival der Ideen

Sich treiben lassen, bis der Bass den Körper einnimmt und ihn durch Tanzbewegungen in der Musik auflöst. Gemeinsam mit Freunden und schnell liebgewonnen Fremden beim Tanzen mit der Umgebung verschmelzen. Eins werden. Solche Gefühle sind für viele der Hauptgrund, ein Techno-Festival zu besuchen. Doch es geht auch um mehr. Auf Vorträgen, etwa zu "Postwachstum und Gemeinwohlökonomie", wird das Erlebte weiter gedacht. Die "Yunity"-Gemeinschaft hat sich am Sonntag vorgestellt. Die jungen engagierten Menschen möchten eine Internetplattform schaffen, auf der sich Benutzer gegenseitig Essen, Gegenstände, Zeit und Fähigkeiten schenken können. Einer der Mitgründer ist Raphael Fellmer, der ohne Geld lebt. Es ist auch ein Festival des Austauschs über Ideen - und deren Realisierung.

Das muss auch nicht gleich die Weltrevolution sein. Kajetan Glückert und Nora Bieker, ein Studenten-Pärchen aus Bamberg, betreibt einen vegetarischen Essensstand und bietet fritierte gezwirbelte Kartoffeln am Stäbchen an. "Die Idee für einen Essensstand ist uns in Indien gekommen", sagt Kajetan. "Wir hatten da anscheinend zu viel Zeit." Auch hier auf dem Acker in Scherleithen sprießen die Gedanken, weil man viel Zeit hat, sich treiben zu lassen. Die Atmosphäre und das breit gemischte Publikum geben vielfältige Impulse. Seit dem diesjährigen Sommer betreiben Glückert und Bieker ihren Stand, die Klangtherapie ist bereits ihr sechstes Festival in diesem Sommer. Mit dabei sind auch Kajetans ältere Schwester und deren Tochter. Das Mädchen staunt über die riesige Traumfänger, die von einem Netz über dem "Sandpalast" herabhängen. Überall auf dem Gelände ist die Liebe zum Detail spürbar. Die Dekoration wurde fast ausschließlich aus dem Müll der Vorjahre gebastelt.

 

 


Müll und Drogen

Soweit, so idealistisch. Natürlich kann man auch aus anderen Perspektiven auf die Klangtherapie blicken. Zum Beispiel liegt trotz vieler Worte über Umweltschutz am Sonntag mehr als genug Müll herum, um im kommenden Jahr zehn Festivals zu schmücken. Doch neben einigen Sündern gibt es auch nicht wenige überzeugte Besucher, die alles aufsammeln, was sie finden; bis hin zu einzelnen Zigarettenstummeln. Auch die Veranstalter bemühen sich um Müllvermeidung und Nachhaltigkeit: Beim Eintritt bekommt jeder Besucher zwei Tüten, eine für Restmüll, eine für Flaschen. Am Ende erhält man für den gesammelten Müll fünf Euro vom Ticketpreis zurück. Im Vergleich zu anderen Festivals bleibt es dadurch zumindest einigermaßen sauber. An einem kleinen Fluss in Scherleithen, den die Besucher gerne zur Erfrischung und Regeneration aufsuchen, steht ein Schild mit dem Hinweis, der Umwelt zuliebe keine Shampoos zu verwenden.

Und das Thema Drogen? Ein paar Besucher landeten schon bewusstlos im Zelt des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). "Aber auch nicht mehr als bei irgendeinem anderen Fest", sagt Marco Schreck, der den Einsatz des BRK-Hollfeld auf dem Festival geleitet hat. "Drogen sind kein spezielles Problem der Klangtherapie."

Gewalt ist hier kein Thema: "Es ist äußerst friedlich. Wir haben hier nie Verletzungen durch Schlägereien, ganz im Gegensatz zu anderen Einsätzen in der Region", erzählt Schreck.

37 BRK-Helfer waren in 12-Stunden-Schichten auf dem Festival beschäftigt, rund 220 Patienten haben sie behandelt. "Da war querbeet alles dabei", berichtet der Einsatzleiter. Ein Besucher hat sich etwa beim Sturz vom Baumhaus das Bein gebrochen, ein anderer ist von einer eingeatmeten Wespe in die Lunge gestochen worden und musste in die Klinik gebracht werden, eine Besucherin ist in eine Glasscherbe getreten. Regen und Matsch erschwerten die vielen Einsätze an den ersten beiden Tagen. "Es war schon sehr viel zu tun", sagt Schreck. Dennoch konnten er und seine Kollegen sich auch an dem Festival erfreuen: "Einige von den Helfern sind nach der Schicht auch noch privat aufs Gelände gegangen. Die Musik ist Geschmackssache, die Deko ist wunderschön und mit Liebe gemacht. Die Veranstalter sind wahnsinnig nett und geben sich sehr viel Mühe, es allen recht zu machen und ein breites Angebot zu haben. Die haben das wirklich sehr gut organisiert", meint Schreck.

Auch eine Parallelwelt braucht schließlich ein gewisses Maß an Organisation. Und auch wenn man sich auf die Dusche, saubere Klamotten und ein weiches Bett freut, verlässt man am Sonntagabend doch wehmütig das Fest, auf dem man gemeinsam verrückt und ekstatisch sein durfte, und kehrt zurück in eine geteilte Welt.