Beim Zuprosten im "Lamperium" beugt sich "Nasher " über den Tisch und sagt: "Eigentlich reden wir nicht gerne über uns". Deshalb käme dem DJ und Beatproduzenten und seinem Rapper Kollegen "Desto" die Idee einer Kneipentour sehr gelegen. "Bei normalen Interviews wissen wir nie so recht was wir sagen sollen. Wir machen halt einfach Mukke." Also lieber entspanntes Quatschen zum Kaltgetränk. Der Plan: Um zehn Uhr abends im "Rosa Rosa" starten, nach Lust und Laune ein paar weitere Kneipen besuchen und über die Rap-Crew "Desto & Nasher" und Hip Hop in Bayreuth reden. Mit einem Ende rechnete ich gegen ein Uhr nachts. Es kam etwas anders.

Noch einen bevor du gehst./ Die Zeit schmilzt wie Pulverschnee/ Unterwegs ins Paradies am Stufen zählen/ Verdünntes Blut stolpert durch's System/ (...) Schenk's ein, heb's auf, trink's aus/ Ich will Feuer spucken/ Nur ein paar Sekunden - Desto & Nasher: "Feuer spucken" (Sprechblasen, 2015)

Gegen fünf Uhr früh in der Rock-Kneipe "Kanapee". Ich betrete den Laden zum ersten Mal seit 12 Jahren wieder. Meiner Wahrnehmung nach hat sich nicht viel verändert: Enges Treppenhaus mit langen Gängen auf drei Stockwerken, in dem man zu später Stunde auch mal die Orientierung verlieren kann. In der Kneipe selbst: viel Holz, urig, dunkel. Die Getränke sind günstig, das Publikum ist gemischt. An einem kerzenbeleuchteten Tisch nah an der Bar versucht Desto mir kurz vor Ladenschluss noch zu erklären, warum Alkohol ein wiederkehrendes Element in seinen Texten ist. Meine Aufzeichnungen von dieser Zeit sind ein Torkeln in Schriftform, kaum zu entziffern. "Das Trinken hat in der Jugend einfach stattgefunden. So wächst man hier halt auf. Deshalb haben wir das auch thematisiert", sagt Desto, noch fest im Stuhl aber mit schwankendem Kopf. "Man hat Spaß, sitzt an der Bar, gibt nichts auf sich und denkt übers Leben nach. Dann läuft man heim und reflektiert." Das Trinken sei sinnbildlich für Suche und Reflektion zu verstehen. Ein Ausbrechen, um verschwommener und doch momenthaft klarer zu sehen.

Information, Erinnerung und Gedanken/ Die sich in meinem Kopf vermischt in Abstraktion verwandeln - "Durststrecke" (Jalousien, 2012).
Die Realität auf die Waagschale gelegt/ Abgewogen, wie viel davon aus Nebelschwaden besteht - "Feuer spucken"

Im Rap gebe es zudem so viele Texte übers Kiffen, das habe ihn gelangweilt und seiner Lebenswelt nicht entsprochen. Also gibt es bei den 26 Jahre alten Bayreuthern Desto & Nasher eben drei Tracks übers Trinken: "Durstrecke" auf dem Album "Jalousien", "Feuer spucken" auf "Sprechblasen" und "Am besten schmeckt's im Zelt" auf der EP "8888". Im Grunde sprächen die Texte aber für sich. Deshalb haben wir auf der Kneipentour auch kaum über deren Intentionen geredet. "Vor allem geht es um Identifikation und Suche", sagt Desto einmal irgendwann auf dem Weg zwischen Lamperium und Kanapee.

Unsere Träume kennen keine Ordnung, keine Reihenfolge/ Wir treiben auf den reibungsfreien Flächen dieser Eiswolke - "Eiswolke" (Sprechblasen, 2015).

"Träumt ihr denn von ausverkauften Hallen?" frage ich recht früh, gegen elf Uhr im "Lamperium". Wir landeten hier, nachdem wir das "Rosa Rosa" übersprungen haben (kein Platz), in der "Lamperie" nur ein schnelles Helles tranken (zu laut) und das "Funkloch" leider schon geschlossen hatte. "Klar würden wir gerne mehr machen. Das will, denke ich, jeder, der Musik macht", sagt Desto nach längerem Überlegen. Er hat beide Hände um und den Blick auf sein Bierglas gerichtet.

Wir steigen hoch und lassen nicht mehr los/ Wir halten uns an Sprechblasen fest - "Sprechblasen" (Sprechblasen)

"Die Erwartungen sind mit der Zeit auch gestiegen", fügt Desto dann nach einer Weile hinzu. "Am Anfang dachten wir, es wäre cool, mal in Bayreuth aufzutreten" - Ihren ersten Auftritt hatten die beiden schon vor zehn Jahren, damals noch unter dem Namen "AlphaBeat", bei der ehemaligen Bayreuther Live-Rap-Reihe "Beatz aus dem Hasenstall". "Danach hofften wir, irgendwann mal eine Platte auf Vinyl rauszubringen", so Desto weiter über die gestiegenen Erwartungen. Das gelang zum ersten Mal vor vier Jahren mit dem Album "Jalousien", auf dem Label "Expanded Art Records" vom Besitzer des Plattenladens "Coast 2 Coast", Matthias "ties" Knörrer. "Ja und heute fänden wir es schön, wenn wir ein paar Platten mehr verkaufen würden und nicht immer nur fürs
Benzingeld und 'nen Kasten Bier aufträten. Ein bisschen mehr Anerkennung wäre schon schön." Das Kleinstadt-Musikerleben sei teilweise deprimierend. Etwa, wenn die Hip-Hop-Magazine nicht auf Anfragen reagierten. Oder nach einem Auftritt ein Besucher komme und direkt sage, er fände die beiden gut, würde seinen letzten Fünfer aber lieber in Bier als in die Platte investieren. Oder sie auf Facebook-Plattenbörsen ihre Alben zum Verkauf entdeckten.

Perspektive durch den Tunnel, eingeschränkte Sicht/ Und alles ist gut, alle Zweifel lächerlich - "Durststrecke"

"Das klingt jetzt alles so traurig. Aber eigentlich sind wir gar nicht so deprimiert", sagt Nasher dann draußen bei einer Zigarette. "Im Grunde würde ich alles genauso wieder machen." So zum Beispiel ein Auftritt in Wien. "Wien klingt toll, aber es war nicht mal das Benzingeld drin", erzählt er. Zehn Euro Taxigeld hätten die beiden gerade so heraushandeln können. "Wir hatten aber auch ein Konzert im Glashaus (Kulturraum auf dem Mensagelände der Universität Bayreuth). Da war's voll bis zum Einlassstopp", erzählt Desto. Eine schöne Erfahrung war auch ein weitgehend gagenloser Auftritt in Leipzig. Zusammen mit Künstlern aus New York, die dort ebenfalls spielten, saßen sie noch bis sieben Uhr in der Früh in einer WG-Küche zusammen. "Die haben dann auch Platten von uns gekauft, obwohl sie gar nichts verstanden haben", erzählt Desto. "Die haben einfach die Idee dahinter kapiert."


Romantisches Tourleben?


Die beiden 26-jährigen Bayreuther sind viel rumgekommen, etwa in Wien, Leipzig, Jena, München und Würzburg. Das Tourleben werde aber prinzipiell romantisiert. "Man ist ja selbst Fan geblieben und freut sich drauf", sagt Nasher. "Aber dann kommt man dahin und RA the Rugged Man ist halt voll der Penner", so Desto, mit einer Stimme zwischen Belustigung und Enttäuschung. Die beiden hatten Gelegenheit, in Würzburg vor dem New Yorker Underground-Rap-Idol zu spielen. "Da komm ich als Fanboy mit großen Augen rein, RA steht da, gefühlt zwei Meter groß, mit Zylinder und Mantel, und befiehlt mir, wie ich ihn anzusagen haben." Einen Würzburger DJ habe RA dann auf der Bühne zusammengestaucht, weil der Sound nicht passte. "Dabei hat der den höchstens fünf Minuten eingewiesen", sagt Nasher. "Im Nachhinein bin ich froh, dass ich dann noch die Box geschossen hab, weil unser Bass so hart war."

Der Bayreuther Liedermacher Steffen Krafft kommt an den Tisch im Lamperium. Die drei reden über einen gemeinsamen Auftritt im "Zentrum". "Echt, wir bekommen Gage?", fragt Krafft. "Ich schuld dir übrigens noch Geld", sagt er dann zu Nasher. Heute könne er es allerdings nicht zurückgeben. Zu viert reden wir dann über Hip Hop in Franken, über das "Beatz and Pieces" Festival in der Fränkischen Schweiz, das es leider nicht mehr gibt und wie Nasher dort einen Rapper der ehemaligen Bamberger Rapband "Phyxe" aus Spaß zum Breakdance-Battle herausforderte. "Dann hat der voll die Powermoves ausgepackt", erzählt Nasher. "Und ich kann nur die Raupe."

Eine weitere Anekdote aus dem nicht ganz so romantischen Tour-Leben einer Bayreuther Rapband folgt. Im Jahr 2014 spielten Desto & Nasher bei "Living Hip Hop" in München. "Wir haben uns da sehr drauf gefreut, aber dann war das so nach dem Motto: Spielt halt und geht wieder", meint Nasher. Eine Stunde hätten sie in der Schlange anstehen müssen, und dann noch eine Viertelstunde diskutieren, um wenigstens ein paar Gästelistenplätze herauszuhandeln. Aber auch hier hätten sie wieder das Beste draus gemacht: "Nach dem Auftritt haben wir einen Raum gefunden, in dem Bier gelagert wurde", sagt Nasher mit schwunghafter Schlitzohrstimme. Er sei dann durch die Menge gelaufen, habe alle angesprochen und dabei ein paar Platten verkauft. Eine davon an den Rapper "Schu" von der Münchner Rap-Band Blumentopf. Mit "Roger & Schu" spielten sie heuer auch in Würzburg. "Das ist schon geil, wenn man mit Leuten spielen kann, deren Musik man immer gefeiert hat", sagt Desto.


"Boah Opa bist du Oldschool"


Das hätten sich die beiden nie vorstellen können. Damals, als alles angefangen hat, mit den Rap-Kassetten und -CDs von Nashers großem Bruder, vor 14 Jahren in einem Kinderzimmer in Mistelgau. Den beiden damals 12-Jährigen gefiel alles an der Hip Hop Kultur. "Es war eine neue Welt", beschreibt es Nasher. Am Anfang hätten sie alles ausprobiert: Breakdance, Graffiti, DJing und Rappen. Irgendwann habe sich dann herauskristallisiert, wem was liege. Die ersten Aufnahmen auf Kassetten folgten. Als sie so etwa 14 Jahre alt waren, kam dann die Musikplattform "MySpace". Für die beiden der erste Schritt in die Öffentlichkeit. "Zum Glück war unsere Musik da schon annehmbar. Wir sind froh, dass es das noch nicht gab, als wir zwölf waren", sagt Desto. Über die Plattform sind die Bayreuther Rapbands von damals, "Soweitsogut" und "Meine Allee" (mit dem Rapper "Superphad"), auf die beiden aufmerksam geworden. Denen haben Desto und Nasher auch ihre ersten Auftritte zu verdanken. So standen sie schon mit 16 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. Zwar hätten beide kein klares Vorbild und seien von unterschiedlicher Musik beeinflusst, doch "eins habe ich damals rauf- und runtergehört: 'Piratensender' von Purkwa (2007 erschienenes Album eines Bayreuther Rapper aus der Crew 'Soweitsogut')", sagt Desto. Den Einfluss hört man deutlich, eine Kopie ist es nicht. "Das Album kam einfach zur richtigen Zeit für mich." - "Und war einfach unvorstellbar gut für Bayreuther Szene. Sowohl von den Texten als auch von den Beats von Crada", fügt Nasher hinzu.

Auch die Idee der ersten Vinyl kam von außen: "Wäre ties nicht auf uns zugekommen, hätte es die nie gegeben", meint Nasher. "Wir sind selbst einfach zu faul für sowas. Wir schaffen es auch nicht, Facebook und Instagram richtig zu pflegen, Öffentlichkeit zu fokussieren und so. Wir machen eben einfach nur gerne Musik."

Also geht es weiter? "Klar, wir machen immer was", sagt Nasher. Das nächste Album könnte im Jahr 2017 kommen. Und auch wenn der große Erfolg bisher ausblieb, haben Desto & Nasher neben vielen Anekdoten auch etwas Handfestes, auf das sie später zurückblicken können: Drei Platten (zwei Alben, eine EP). "Die können wir später unseren Enkeln vor dem Kamin vorspielen. Die sagen dann 'boah Opa, bist du Oldschool'", scherzt Nasher.

Der Augenblick wird festgehalten wie mit einem Schnappschuss/ Ich gönn mir noch nen Schuss Schnaps, mein Schädel sticht wie'n Kaktus - "Durststrecke"

Beim Nachhausetorkeln gegen sechs Uhr in der früh. In den Bäckereien brennt Licht, ein paar Menschen sind schon mit ihren Hunden unterwegs. Nach einer langen Nacht voller fetzenhafter Überlegungen, Begegnungen und Gespräche merkt man dann, wie "Oldschool" man selbst jetzt schon ist.

Der Körper streikt und erbricht sich aus purer Schadenfreude/ Während ich mir die Zähne putze mit Magensäure - "Feuer spucken"