Da ist eine saubere Bagage beieinander in dem oberbayrischen Dorf knapp vor der Wende zum 20. Jahrhundert: Der Posthalter Schlegel hat gar nichts gegen die Hörner, die ihm der Großhändler Rettinger aus München aufsetzt, solange der nur kräftig zahlt. Seine liebe Gattin hält sich fürs Herz und vermutlich noch mehr einen strammen Bauernlackel. Der Pfarrer beteuert, sich in Gemeindeangelegenheiten nicht einmischen zu wollen, und ist doch ein begnadeter Intrigant vor dem Herrn. Der Bürger- ist gleichzeitig Maurermeister, für ein fettes Geschäft immer zu haben und für ein hübsches Sümmchen bereit, dieses Geschäft in die Gänge zu kriegen.

Der Dichter ist ein opportunistischer Spesenjäger, die Gäste sind Spießer, denen die Doppelmoral aus allen Knopflöchern trieft, "Choristinnen" trotz Engelsflügeln sehr leichte Mädchen. Dies alles passt gar nicht zu den wohl bekannten Worten aus dem "Königlich Bayerischen Amtsgericht", die zu Beginn süß aus den Boxen tropfen.

Josef Ruederer hat für sein satirisches Volksstück "Die Fahnenweihe" ein hübsches Panoptikum auf die Bühne gestellt mit 27 Rollen und jeder Menge Statisterie. Auch ein Grund, warum das einst hoch gelobte Drama in der Versenkung verschwunden ist, meint der Intendant der Luisenburg-Festspiele Michael Lerchenberg, der es wiederentdeckt hat, Regie führt (zusammen mit Steffi Baier) und mit dem Posthalter Schlegel auch gleich eine der Hauptrollen spielt. Dieser Posthalter ist aus München in den Fremdenverkehrsort gekommen - wir dürfen Partenkirchen als historisches Vorbild vermuten -, kämpft mit der Pleite und duldet deshalb den Nebenbuhler (schön fies Michael A. Grimm).

Angeblich für ein Findelhaus möchte er eine Gemeindewiese erwerben, in Wahrheit jedoch darauf ein Hotel errichten. Dieses schöne Projekt ist fast in trockenen Tüchern, als das versoffene Gemeinde-Original Seehansele (wunderbar: Alfred Schedl) die Verhältnisse in Schlegels Haushalt ausplaudert. Die schon lange neidischen Bauern wittern Morgenluft. Ein Haberfeldtreiben bahnt sich an, ausgerechnet am Tag der Fahnenweihe für den Findelhausverein ...

In der Komödie bekommen wirklich alle ihr Fett weg. Die korrupten Honoratioren, Hochwürden als Oberstrippenzieher, der geldgierige Hotelier, die holzköpfigen Bauern, der Tingeltangel mit verlogener Alpen- und Bauernromantik, die Gäste aus dem Bürgertum mit ihrer antiquierten Moral. Allerdings dauert es etwas, bis die Farce an Fahrt gewinnt und tumultuarische Szenen schnell aufeinander folgen. Historisch exakt bis ins Detail sind die Kostüme (Ulrike Schlemm), die Touristen - die Frau Rentbeamte (Veronika von Quast), die Frau Spezialkassier (Gabriele Dossi), der Premierleutnant a. D. (Gerd Rigauer) und etliche andere - hoffnungslos verschwundene Sozialcharaktere.

Man fragt sich zunächst schon, ob diese scheinbare Ludwig-Thoma-Szenerie mit listigen Einheimischen hie, bornierten Städtern und Preußen da unbedingt hätte reanimiert werden müssen. Doch abgesehen davon, dass Thoma zur Zeit der "Fahnenweihe"-Uraufführung im Jahre 1896 noch völlig unbekannt war, verblüfft die vollkommene Amoral des Stücks. Ehebruch? Scheißegal, wenn's ums Geld geht. Am Ende sind alle ins Haberfeld getrieben worden. Gut und Böse gibt's hier nicht.

Peter Engel teilte die Freilicht-Bühne klug auf ins Gasthaus Zur Post mit ausgelagerter Wirtsstube und eine Bühne auf der Bühne; denn das Festspiel zur Fahnenweihe ist ein Bonus-Gag. Naturgemäß nutzte Lerchenberg seine finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten aus und engagierte ein potentes Schauspielerensemble. Es gefallen besonders auch Hans Buchwieser als Kederbauer und Rudolf Waldemar Brem, der seinen Mohrenwirt Moosreiner bis in die Schnurrbartspitzen authentisch anlegt. Lerchenberg läuft zu großer Form auf, wenn er den endlich geglückten Deal geradezu ekstatisch feiert. Ganz nebenbei hatte Ruederer mit dem Heimatdichter Götzensperger (Sebastian Edtbauer) eine ätzende Ludwig-Ganghofer-Parodie als "Schnaderhüpfelhanswurst" eingebaut.

Fürs Auge gibt's auf einer der schönsten Freilichtbühnen des Landes naturgemäß auch etwas, wenn die "Haberer" mit Fackeln vor der Felswand ihre düsteren Verse verkünden. Wer aufpasst, der bayerische Dialekt ist auch akustisch nicht immer leicht zu verstehen, bekommt schöne Sätze mit wie "Der Mensch muss leben, des is der Fluch" oder "Ich halt mich immer an das, was die öffentliche Meinung sagt". Auch "Neuwahlen stehen vor der Tür" wurde vom Publikum begeistert goutiert angesichts einer zur Premiere angereisten ganzen Kavalkade von Politikern mit Ministerpräsident Seehofer an der Spitze. Manches bleibt halt gleich, auch wenn es keine Findelhäuser mehr gibt. Der Schlussapplaus war prächtig. Man darf Lerchenberg zu seiner Ruederer-Reanimation beglückwünschen. Der, Ruederer, war übrigens auch eine ambivalente Figur. Werner Ross nennt ihn in seinem Buch über die Münchner Boheme einen "bayrisch hinterfotzigen Intriganten".


Termine und Karten


Weitere Vorstellungen am 29., 30. 6., 2., 3., 6., 7., 13., 14., 19., 20., 23., 25., 26., 28., 30. (Fernsehaufzeichnung mit Publikum), 31. 7., 1., 4. 8.

Karten über Touristinfo Wunsiedel, touristinfo@wunsiedel.de, Tel. 09232/602-162, über www.luisenburg-aktuell.de, Restkarten an der Kasse. Aufführungsdauer ca. 1¾ Stunden.