Bei einem Schüleraustausch lernte der Reggae- und Dancehall Selector "Don Ulberino" (Alexander Ulbrich) jamaikanische Musik kennen und lieben. Seit 15 Jahren legt er in Bayreuth und vielen weiteren deutschen Städten auf. Im Interview spricht er unter anderem darüber, wie es dazu kam und wie sich die Dancehall-Szene in Bayreuth entwickelte.


Wie kamst du dazu, jamaikanische Musik zu hören?

Ich habe Mitte der Neunziger mal einen Schüleraustausch nach Frankreich mitgemacht. Meine Austauschpartnerin wohnte in einem Viertel, in dem viele karibische Migranten leben. Und da lief ständig diese Mukke um mich rum. Vorher habe ich Hardrock gehört, so wie man das als Teeny in meiner Generation (Ulbrich ist 36 Jahre alt) eben gemacht hat. Aber der Reggae-Sound ist dann irgendwie kleben geblieben.Ich hab da viele coole Leute kennen gelernt und die Musik und die Stimmung haben mich nicht mehr losgelassen. Dann gab es auch eine Phase Mitte bis Ende der Neunziger, wo die Eimsbush-Tapes rauskamen von DJ Dynamite oder Phlatline, die dann auch solche Mukke gespielt haben. Damit war ich angefixt. Eigentlich habe ich seitdem auch nichts anderes mehr gehört.

Wie bist du dann zum Auflegen in Bayreuth gekommen?

Damals war es schwierig, überhaupt an jamaikanische Musik zu kommen. Die gab's ja nicht im "Müller" oder wie heutzutage überall online verfügbar; sondern man musste sich die Seven Inch Vinyl Singles (kleine Schallplatten mit meist nur einem Song) von der Insel bestellen - und wochenlang drauf warten. Und abspielen musste man die ja auch irgendwie. Also hab ich mir ein billiges Set (zwei Plattenspieler und einen Mischer) gekauft und damit damit die Riddims (Bezeichnung für den Beat/ die wiederkehrende Melodie in einem Reggae- oder Dancehall-Song) ineinander gemischt. Das hab ich dann auf Kassette aufgenommen, damit ich es im Auto anhören konnte. Meine Freunde wollten die Musik dann auch haben. Dadurch habe ich viele Mixtapes gemacht und das ziemlich schnell gelernt. Im Jahr 2001 hatten wir unseren ersten Auftritt, auf einer Party in der Schokofabrik. Die war organisiert von den Leuten, die später Hurricane Sound (Bayreuther Soundsystem) wurden . Da habe ich auch Pan Ann getroffen (ehemaliges Mitglied der Soundselectors undBayreuther Drum and Base DJane, die mittlerweile in Berlin lebt und auch auflegt). So hat sich das formiert. Es war auch jemand von Black River Ramps da, die bauen Skateboardrampen, und das waren die ersten, die die Annika (Pan Ann) und mich dann offiziell für eine Party gebucht haben. So ging das los. Beim ersten Mal war ich total nervös, aber es war wohl immerhin soweit OK, dass uns gleich wieder jemand gebucht hat.

Du legst manchmal alleine auf, meistens aber mit deiner Crew, den "Soundselectors" (mit Sebastian Berneth, Carlo Steiner und Yvonne Hanke). Was gefällt dir besser?

Am allerliebsten natürlich mit der Crew. Sieht man mich alleine, ist das meistens deshalb, weil die anderen verhindert waren. Zusammen macht so ein Abend viel mehr Spaß. Allerdings hat Carlo derzeit viel zu tun und selten Zeit.

Carlo ist der MC ("Master of Ceremonies"; im Dancehall bezeichnet der Begriff den Publikumsanheizer; im frühen Rap, als der DJ noch die zentrale Rolle spielte, den Rapper) in deiner Crew. Wie wichtig ist es, als Dancehall-DJ einen MC dabei zu haben?

Das kommt immer drauf an, wo man spielt. Es gibt Locations, wo ein Einpeitscher sehr wichtig ist und das Publikum das auch erwartet. Es gibt aber auch Partys, wo die Leute das als störend empfinden und lieber nur die Musik hören und tanzen wollen, ohne das jemand dazwischen ruft. Das muss man ein bisschen abspüren.

Wo hast du in Bayreuth schon aufgelegt?

Da haben wir mittlerweile alles durch. Unsere Stammlocation ist mittlerweile die Suite. Oft legen wir auch im Glashaus auf, oder in der Lamperie und dem Lamperium. Und jeden Sommer auf dem Afrika-Karibik-Festival.

Wo hast du noch aufgelegt?


Über die Jahre kam schon einiges zusammen, wir sind ganz gut unterwegs. An was ich mich spontan erinnere ist: Würzburg, Dresden, Chemnitz, Augsburg, Stuttgart, Ulm, Fulda, München, Nürnberg, Erlangen und so weiter. Gibt bestimmt auch noch einiges mehr. Und in Coburg haben wir über Jahre regelmäßig im Wooloomooloo Bay Hotel gespielt, einem sehr coolen alternativen Club. Der hat aber leider vor zwei Wochen zugemacht.

Ist dir ein bestimmter Auftritt besonders im Gedächtnis geblieben?

Also der coolste Auftritt, den wir jemals hatten, war der "Perlen Cup 2012" im Morph Club in Bamberg.
Das war ein Entertainment "Soundclash" (Wettbewerb zwischen Dancehall-DJs) gegen zwei andere Soundsystems aus Fulda und Weiden. Den haben wir gewonnen. Unseren Pokal kann man heute immer noch über dem Tresen in der Lamperie bewundern. Das war auf jeden Fall eine Riesengaudi. Für jeden Sound gab es drei Runden: Eine normale Danehall-Runde, dann Musik, die man früher gehört hat. Da haben wir Hip Hop gewählt, der Burner hat aufgelegt. Und die dritte Runde war eine Mottorunde. Welches Motto verrate ich jetzt nicht; nur so viel: Wir haben uns von einem Kostümverleih Polizeiuniformen besorgt und die dritte Runde als Polizisten verkleidet. Das kam super an und hat uns wahrscheinlich auch den Sieg eingebracht. Es war auch ein Wahnsinnsgig, über 500 Leute. Auch aus Bayreuth sind 100 Fans mitgekommen. Die Stimmung war schon einzigartig. Auch weil es halt um was ging.

Wie hast du die Bayreuther Partyszene in deiner Jugend erlebt? Und was hat sich seitdem verändert?

Ganz früher gab es in Bayreuth wenig, was meinem persönlichen Geschmack entsprochen hat. Was am ehesten noch Richtung Ragga ging waren die Nervous Breakdown Partys, wo Drum and Base lief. Die Musik nutzt ja oft Jungle- und Ragga-Lyrics. Ansonsten gab es eigentlich nichts in die Richtung, bis dann 2001 Hurricane Sound und wir angefangen haben. Plötzlich war das Interesse der Leute da. Früher war das ja eine absolut abgefahrene Randmukke; wen ich das im Auto gehört habe, haben die Leute draußen auf dem Gehweg den Kopf geschüttelt. Es ist einfach was anderes als der übliche Mainstream-Sound. Das muss man schon mögen.

Und heutzutage? Der große Hype, als das Komm (kommunales Jugendzentrum) und das Podium (heute Koco) bei Dancehall-Partys immer bis zum Limit voll waren, ist ja auch wieder vorbei.

Das hätte ich auch nie erwartet, dass es überhaupt so kommt. Früher fanden Dancehall-Partys eher in kleinen Clubs oder Kellern statt. Und dahin ist es mittlerweile auch wieder zurückgegangen. Das ist meiner Meinung nach eine recht gesunde Entwicklung, weil das war für die Musik nicht unbedingt gut, wenn da jeder hinrennt. Eine geile Zeit war es schon, aber mittlerweile hat eben wieder eine Rückkehr zur Normalität stattgefunden.

Bist du zufrieden mit dem Partyangebot in Bayreuth?

Ich selbst bin eigentlich relativ selten auf Partys anzutreffen, weil wir viele Termine haben, wo wir selbst auflegen. Aber wenn ich mal Zeit habe, dann gehe ich eher auf Veranstaltungen mit alternativem Publikum, also ins Glashaus oder auf die Second Rage.

Wo beziehst du deine Musik? Und wie viele Platten hast du?

Die meiste neuere Musik kaufe ich inzwischen online. Mittlerweile benutze ich auch eine DJ Software. Das liegt daran, dass es seit rund 10 Jahren fast keine neuen Releases mehr auf Vinyl gibt, also im Reggae-Bereich. Das hat sich ganz krass geändert, hin zu MP3s. Trotzdem sammle ich immer noch Platten, aber bewusster. Daheim habe ich so knapp 3500 Singles, und eine unbestimmte Zahl an Alben. Im Reggae spielt sich das meiste auf Singles ab. Ich kauf die Platten jetzt nicht mehr mit der Motivation, die im Club zu spielen, sondern eher das, was ich mir gerne ins Regal stelle. Diesen Monat zum Beispiel das neue Album von Gentleman und Ky-Mani Marley, "Conversations". Ich kauf mir auch viel altes Zeugs, was ich schon immer mal haben wollte und wonach man auch ein bisschen "diggen" (umfangreich suchen; sinnbildlich von "to dig" für "graben" in den Kisten in Plattenläden) muss.

Wo würdest du gerne mal auflegen?

Am allerliebsten lege ich in der Suite auf, da macht es mir ehrlich am meisten Spaß. Von daher würde ich mir wünschen, dass ich das noch viele Jahre lang machen kann. Ein Traum wäre, einmal vor so einem richtigen Soundsystem mit mannshohen Boxentürmen in der Countryside in Jamaika aufzulegen; wenn dann die Vögel aus den Bäumen rausfliegen, sobald man den Sound aufdreht. Das wäre schon mal was!

Die nächste Party der Soundselectors ist die "Dancehall Nice Again" in der Suite am 24. September. Als Gäste kommen das "DJango Soundsystem" und "Sheng Peng" aus Nürnberg.