Immer wieder enden Beziehungen tödlich. Den Fall in Bayreuth wertet der Amok- und Suizidforscher Professor Armin Schmidtke als Mord- oder Rachesuizid - aus einer heftigen Kränkung oder aus extremen Besitzansprüchen heraus.

Einschränkend meint der Psychologe und Würzburger Seniorprofessor: "Allerdings weiß man nicht, wie lange und wie genau die Tat vorher überlegt worden ist." Es könnte sein, dass der Mann gar nicht vorhatte, sich selbst zu richten. Laut Schmidtke, der seit vielen Jahren das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland leitet, kann dieser Entschluss kurzfristig erfolgt sein, "weil ihm leid tat, was er getan hat und er deshalb nicht weiterleben wollte."

Die genauen Umstände herauszufinden, sei jedoch schwer wenn nicht sogar unmöglich. Eines würde der tragische Fall in Bayreuth, bei dem der mutmaßliche Täter ein Jäger war, jedoch erneut bestätigen: "Waffen im Haus erhöhen das Suizidrisiko", so Armin Schmidtke. "Bei strengeren Waffengesetzen gehen die Suizidzahlen zurück." Dies hätten internationale Studien gezeigt. Dies treffe auch auf Amokläufe zu.


Eheprobleme sind häufig die Ursache

Schmidtke erforscht allgemein Motive und Umstände, die dazu führen, dass Menschen keinen Ausweg mehr sehen und sich deshalb das Leben nehmen. Neben Depressionen sind seinen Angaben zufolge Eheprobleme und Rachegefühle aufgrund von Kränkungen mögliche Motive - vor allem bei Männern, die zu Gewalt neigen.

Wenn sich die Partnerin trennen möchte oder getrennt hat, dann könnten das manche Männer nicht tolerieren. Sie möchten in diesem Fall nicht nur ihre Frau oder Ex-Frau umbringen, sondern sie auch für ihr Verhalten bestrafen und töten deshalb das Liebste, was die Partnerin hat: die Kinder und immer wieder auch den neuen Partner. Ob es im Fall von Bayreuth gemeinsame Kinder gibt, wollte die Polizei allerdings aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht sagen.

Von erweiterten Suizid könne man bei dem Bayreuther Beziehungsdrama nicht sprechen. "Hier geht es darum, dass lebensmüde Menschen niemanden zurücklassen möchten, etwa ihre Kinder, weil sie glauben, dass diese nicht alleine zurechtkommen, und das wollen sie ihnen ersparen." Häufig sind laut Schmidtke bei solchen Fällen Depressionen die Ursache. Das Gefühl der Sinn- und Hoffnungslosigkeit und Zukunftsängste könne aber auch bei nicht-depressiven Menschen zu Lebensmüdigkeit führen. Aber gerade depressive Menschen würden im Tod und manchmal auch im gemeinsamen Tod die einzige Lösung für ihre Probleme sehen, weil ihr Denken und Fühlen eingeschränkt sei.


Wahrscheinlich keine zufälligen Opfer

Bei Amok spielen zwar auch Rache und Kränkung eine Rolle, informiert Schmidtke weiter. In Bayreuth gebe es aber vermutlich keine zufälligen Opfer. Zudem sei klassischer Amok kein spontaner Entschluss. "Nur für Außenstehende geschieht er ohne äußerlich ersichtlichen Grund." Es gebe jedoch mehrere Phasen, informiert Schmidtke, der sich auch intensiv mit Amokhandlungen beschäftigt hat. Demnach würde nach anfänglichem Brüten und intensivem Nachdenken der "Mordausbruch" ohne offenkundiges Motiv erfolgen. Häufig geschehe dies aus einer Psychose oder aus einem geistig verwirrten Zustand heraus. Und häufig würden Amoktäter ihren eigenen Tod miteinkalkulieren.

Die Weihnachtszeit als ein Auslöser für Suizid verbunden mit der Angst, an den Feiertagen alleine zu sein, trifft laut Schmidtke nicht zu. Untersuchungen hätten vielmehr gezeigt, dass nicht vor, sondern nach dem Fest bis einschließlich der ersten Januarwoche die Suizidrate steigt - wegen gebrochenen Versprechen - "also wegen den viel zu hohen Erwartungen, die meist nicht gehalten werden können. Dann enden Familienfeiern in Aggressionen." Christine Jeske