Milan Krieglstein steht im Gang der frisch sanierten ehemaligen Jugendherberge Wolfsschlucht im Bamberger Stadtteil Bug, die fünf Jahre lang leer stand. Die Jugendsozialeinrichtung Don Bosco, die die ehemalige Herberge künftig nutzt, hat die Buger Nachbarn eingeladen. Etwa 70 Bürger sind gekommen. Sie sind die ersten, die hineinsehen dürfen. Zwei Frauen drängen den künftigen Einrichtungsleiter Krieglstein mit skeptischen Fragen an die Wand. Sind wir, unsere Kinder, unsere Habseligkeiten sicher? Und wie soll die Integration der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten funktionieren?

Krieglstein spricht von tiefen, verbindenden Momenten, wenn sich die Jugendlichen beim Klettern sichern oder gemeinsam Kayak fahren und Sprachbarrieren durch gegenseitiges Vertrauen überwinden. "Haben bitte auch Sie Vertrauen", sagt er. "Toll!", sagt eine Frau. "Wir werden sehen", sagt die andere. Sie dreht sich weg und betrachtet skeptisch die moderne aber noch klinische Einrichtung eines Doppelzimmers: zwei kleine Betten, ein Schreibtisch, die Matratzen und Stühle noch in Plastikfolie, eine Tür zum Badezimmer.

Begegnung ermöglichen

20 Jugendliche werden das neue erlebnispädagogische Kompetenzzentrum Wolfsschlucht in zwei Wochen beziehen. Elf unbegleitete Minderjährige bilden die eine Wohngruppe im Dachgeschoss. Neun deutsche Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben können, beziehen den ersten Stock. Zusätzlich zu den zwei Wohngruppen gibt es einen integrativen Bereich im Erdgeschoss, der Begegnungen zwischen Geflüchteten, einheimischen Hausbewohnern und Jugendlichen aus der Stadt ermöglicht - durch gemeinsame Aktivitäten.

"Ich sehe darin eine wichtige Aufgabe für die gesellschaftliche Entwicklung", sagt Krieglstein. Alle sollen teilhaben können. Es muss eine Begegnung geben, "damit die Jugendlichen mit unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen sozialen Milieus durch gemeinsame Erfahrungen zusammenwachsen."

Krieglstein befürchtet, dass es künftig jedes Mal auf die Jugendlichen aus der Wolfsschlucht zurückfällt, wenn im Hainpark oder im Stadtteil Bug Lärmbelästigungen, Müll und Sachbeschädigungen auftreten. "Die Vorurteile sind aber unbegründet", sagt er. Krieglstein kennt die Jugendlichen gut, die bald in die Wolfsschlucht ziehen. Seit sechs Jahren arbeitet er bei Don Bosco, auch am neuen Konzept hat er mitgearbeitet. "Jugendliche machen manchmal Blödsinn", räumt er ein, "aber das hat nichts mit der Herkunft oder Religion zu tun, es sind eben Jugendliche." Entsprechend mache es keinen Unterschied, ob hier nun eine Jugendherberge sei oder ein pädagogisches Zentrum. Gute Nachbarschaft sei Krieglstein aber sehr wichtig. Entsprechend werde er sich weiter um Dialog bemühen und die Buger in die Entwicklung einbeziehen.

Den Dialog sucht auch der Bürgerverein Bamberg-Bug. "Wir sind einerseits froh, dass hier wieder Leben einkehrt", sagt deren Vorsitzender Manfred Drescher. "Andererseits gibt es aber auch Vorbehalte, vor allem die Älteren haben Angst." Etwa, dass die Jugendlichen die Briefkästen zerstören oder die Leute anpöbeln. Anfeindungen befürchte Drescher von beiden Seiten. Einige Bürger gingen sehr engstirnig auf Unbekannte zu. "Aber aufeinander zugehen müssen wir. Das wollen wir auch, und das unterstützen wir auch."

Von den 300 Mitgliedern des Bürgervereins sind sehr viele heute hier. Neben den skeptischen gibt es aber auch viele neugierige Blicke in die Zimmer, offene Ohren für das pädagogische Konzept. Ein Buger Feuerwehrmann klopft Krieglstein auf die Schulter. "Ich freue mich auf den Sommer", sagt er. "Dann komm ich mit meinem Sohn zur Bootstour vorbei."

Starke ist stolz auf das Projekt

"Die Wolfsschlucht gehört wieder der Jugend", freut sich auch Oberbürgermeister Andreas Starke. In seiner eigenen Jugend habe er hier viel Zeit verbracht. "Die Pächter hatten ein großes Herz für alle Jugendlichen", erinnert sich Starke. Sein bester Freund habe in der Jugend in der Nähe gewohnt. Gemeinsam besuchten sie "die legendären Feten" in der Jugendherberge, sie machten Ausflüge "und den Hain unsicher", besuchten Jugendveranstaltungen. Starke schwärmt von dem "wunderbaren Sozialprojekt, das deutsche und ausländische Jugendliche verbinden soll. Der Bedarf ist da und bei dieser einfühlsamen Architektur fehlt es an nichts."

Diese "einfühlsame Architektur" war nicht billig: Vier Millionen Euro kostete die umfangreiche Sanierung. Doch Starke handelte eine sehr großzügige Förderung von Bund und Freistaat heraus: 3,6 Millionen Euro gab es als Zuschuss. "Das haben wir ein bisschen als Gegenleistung für die Aufnahmeeinrichtung herausgehandelt", klärt Starke auf. "Auf meine Forderung hin wurde das Projekt als bayernweit höchste Priorität eingestuft." Wenn das Konzept Erfolg hat, kann es ein Vorbild für soziale Einrichtungen in anderen Städten sein.

Info Wolfsschlucht: Sanierung und Historie

Vier Millionen Euro hat die Sanierung des Gebäudes gekostet. 3,6 Millionen Euro Förderung bekam die Stadt von Bund und Freistaat.

1923 - 1950 wurde die Wolfsschlucht vom Ruderverein als Bootshaus genutzt.

1950 - 2011 war dort eine Jugendherberge.

2011 - 2013 diente das Gebäude als Asylunterkunft. Danach stand es leer.

Im Juni 2017 begannen die umfangreichen Sanierungsarbeiten.