"Wenn Sie perfekt einschenken wollen, dann fangen Sie im 45-Grad-Winkel an", empfiehlt Markus Raupach den zehn Zuhörern, die vor ihren Bildschirmen jeden seiner Schritte verfolgen. "Gießen sie zwei Drittel von dem Bier hinein, das sie trinken wollen, und dann schenken sie den Rest im 90-Grad-Winkel ein. So kriegen Sie immer ein perfektes Bier."

Wer an Raupachs Online-Bierseminaren teilnimmt, hat ein paar Tage vorher ein Paket bekommen. Darin findet sich ein Probierglas - und natürlich Bier in sechs bis sieben Varianten. Das Online-Format ermöglicht es nun, zum Gerstensaft aus aller Herren Länder auch Brauer und Experten aus dem jeweiligen Land, etwa aus Brasilien oder Japan, zur Videokonferenz zuzuschalten.

"Es hat sich entwickelt", sagt Biersommelier Raupach, dessen in Bamberg beheimatete Bierakademie nach eigenen Angaben "der erste Anbieter professioneller Online Tastings in Deutschland" war. 15 000 Euro wurden in Hard- und Software investiert, doch das hat sich gelohnt. Das Angebot sei in Zeiten von Corona gefragter denn je. Allein im September gab es sieben Online-Verkostungen, im Oktober waren es schon zehn. Tendenz steigend.

Mal sind es zehn, mal 30 Teilnehmer, die mit Kennerblick ihr Probierglas heben. Und insgesamt haben bereits mehr als 1000 Bierfreunde an den Online-Verkostungen der Bierakademie teilgenommen. Die einen wollen sich zum Biersommelier fortbilden, andere nur neue Biersorten kennenlernen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Pakete, die den Teilnehmern vorab zugeschickt werden. Wer sich professionell weiterbilden will, bekommt neben Bier auch verschiedene Malz- und Hopfensorten. Wer genießen will, kriegt Tipps, welche Lebensmittel er zu den jeweiligen Bieren bereitstellen sollte. Food Pairing nennt man das und Raupach empfiehlt neben den klassischen Wurst- oder Käsekombinationen gern auch geschmackliche Experimente wie Joghurt oder scharfe Chips.

50 bis 100 Euro kostet die Teilnahme an einem Online-Seminar, je nach Schwerpunkt. Dafür gibt's dann aber auch das eine oder andere internationale Bier der gehobenen Preisklasse, das man sonst schwer im Handel bekommt.

An den normalen Verkostungen nehmen meist Bierfreunde aus dem gesamten deutschsprachigen Raum teil, bei manchen Firmenkunden wird es auch internationaler. Was ins Glas kommt, hängt vom Seminarmotto und von den Wünschen der Kunden ab.

Die einen wollen mehr über fränkische Biere lernen, die anderen auf eine Weltreise von Chile bis Südafrika gehen. Kürzlich wurden die Oktoberfestbiere online verkostet und die moderne Technik machte es möglich, dass sich trotz des abgesagten Festes der eine oder andere Teilnehmer einen Bierzelt- oder Theresienwiesenhintergrund hinzaubern konnte. Mit der Nachfrage nach Online-Verkostungen haben sich für Raupach und seine Kollegen neue Herausforderungen ergeben: "Früher hat uns kaum interessiert, wie ein Bier am besten verschickt wird." Jetzt ist es eine entscheidende Voraussetzung für ein geglücktes Seminar. So hat die Bierakademie den Paketzusteller gewechselt, weil bei einem Anbieter gelegentlich auch sorgfältig verpackte Flaschen zu Bruch gingen.

Inzwischen kommen das Bier wieder so an, wie es sein soll, und die Seminar-Teilnehmer werden auch über alle Details zur Lagerung bis zur Verkostung informiert: Bei den meisten Sorten ist die perfekte Reihenfolge erst Keller, dann Kühlschrank. Es gibt aber auch Spezialitäten, die durchaus etwas wärmer zu genießen sind.

Das Bier wird nicht ausgetrunken

Anderthalb bis drei Stunden dauert eine Verkostung und jedes Bier steht 15 Minuten im Mittelpunkt. "Es fängt damit an, was man sieht, mit der Farbe, der Trübung, dem Schaum." Dann geht's weiter mit der Nase, wo riecht man Zitronennoten heraus, wo Schokolade? "Brombeer!" ruft einer der Teilnehmer, als er an einem Imperial Stout schnuppert. Endlich darf dann getrunken werden. "Geschmack und Geruch stimmen überhaupt nicht überein, ich bin überrascht", ruft ein Schwabe überrascht.

"Professionell trinken heißt mit allen Sinnen genießen", sagt Raupach. Und die verkosteten Biere zwar ausgiebig auf sich wirken lassen, aber nicht austrinken. "Das widerstrebt manchen, aber sonst ist am Ende ja keiner mehr aufnahmefähig." Wer mag, könne sich seine zwei Favoriten noch für den nächsten Tag aufheben. Aber in der Verkostung gehe es darum, viele Sinneseindrücke zu sammeln. Bier sei als Genussmittel und nicht als Rauschmittel zu sehen.

Und so spülen die Teilnehmer ihr Probierglas nach jedem Bier mit Mineralwasser - das sie dann austrinken. "Dadurch schwächt sich auch die Wirkung des Alkohols ab", sagt Raupach. Gegen den intensiven Rauchgeschmack eines Schlenkerla-Doppelbocks kommt aber auch kein Mineralwasser an - weshalb solche Biere meist am Ende der Verkostung stehen.