Ultramarathon. Das heißt, mehr laufen als "nur" 42,195 Kilometer. Die Skala ist nach oben offen. Rennsteiglauf: 72,7 Kilometer. Zugspitz-Gipfelsturm: 115 Kilometer, mehr als 3000 Höhenmeter. Swiss Irontrail: 125 Kilometer, 7000 Höhenmeter. Man kriegt schon bei der Recherche Herzaussetzer. Hat er alles schon gemacht, der Michael Panzer aus Drosendorf.

Er hat zwei Schuhkartons aus dem Keller geholt: einer voller Medaillen, der andere voller Urkunden. Wenn die Medaillen alle aus Gold wären, sagt Frau Silvia, wäre man reich. Aber Michael Panzer wirkt auch so wie ein glücklicher Mensch.

Michael, wie oft bist du den Weltkulturerbelauf gelaufen?
Michael Panzer: Jedes Mal, seit 2003, volle Distanz. Da ich seit 30 Jahren in der Stadt Bamberg beim EBB arbeite, rutscht man da so rein. Mein Arbeitskollege, der Ottmar, und ich betreuen das Team der Stadt Bamberg. Dann bin ich nach Gaustadt zur Teutonia, Triathletenverein. So kam das alles.

Was war dein erfolgreichstes Jahr? Oder achtest du da gar nicht so drauf?
Doch! Also, vorletztes Jahr war ich bei 1:43. Das ist für mich - ich werde heuer im Juli 50 Jahre alt - eine Superzeit gewesen. Die Bestzeit war 1:37. Da bist du schon ziemlich im vorderen Feld dabei. Der Zieleinlauf ist der Hammer!

Du läufst aber vor allem eher längere Strecken...
Ich habe vor knapp 20 Jahren angefangen und seitdem eigentlich jedes Jahr... Das ging los mit dem Fränkische-Schweiz-Marathon. Dann war ich das erste Mal beim Jungfrauenmarathon in Interlaken, ein normaler Marathon, 42 Kilometer, aber 1800 Höhenmeter, mein erster Berglauf. Dann Swiss Alpine, das sind 78 Kilometer. Den habe ich sechs oder sieben Mal gemacht. Dann war ich beim Müritz-Ultra, das ist einmal um die Müritz rum. Rennsteig-Ultra habe ich zweimal gemacht. Dann war ich in Biel, Bieler-Lauftage, das sind dann 100 Kilometer. So hat sich das immer weiter gesteigert. Ich habe gemerkt, dass ich auf die lange Distanz gut durchhalten und regenerieren kann. Vor drei Jahren habe ich die Alpen überquert, von Ruhpolding nach Sexten. Und dann ging es los: Ich habe gelesen, UTMB (Ultra-Trail du Montblanc), dafür muss man Punkte sammeln. Du brauchst 15 Punkte aus drei Läufen. Für dieses Jahr habe ich mich qualifiziert. Unter anderem durch den Swiss Irontrail, das sind 125 Kilometer und 7000 Höhenmeter, Zeitfenster 31 Stunden.

Die man durchläuft?
Man könnte schlafen, aber da schläft keiner. Der Start ist nachts, die Nacht läuft man dann durch...

Und ist dann 31 Stunden in Bewegung?
Beim UTMB, das sind 170 Kilometer und 10 000 Höhenmeter, kannst du auch mal schlafen. Jeder Ultraläufer will zum UTMB, deswegen muss man da so lange drauf warten. Ich habe es jetzt dreieinhalb Jahre versucht.
Moment. Du hast also mit einigermaßen "normalen" Strecken angefangen und dann gibt es diesen Anreiz, immer noch mehr zu machen?
Ja, das ist das Adrenalin. Du strebst immer nach mehr. Eigentlich habe ich jetzt das Ende erreicht. Der UTMB ist für mich der größte Lauf. Ich werde im Juli 50, ich weiß, dass ich nicht mehr weiter als 170 Kilometer laufe. Vielleicht kommt dann etwas anderes. Vielleicht gehe ich dann beim Triathlon auf die Langdistanz. Aber vom Läuferischen her ist dann Ende.

Irgendwo muss der Ehrgeiz dann wahrscheinlich hin, oder?
Ja, ich weiß auch nicht... Jedenfalls war das mein Ziel. Ich habe es mir vorgenommen und das drei, vier Jahre nicht aus den Augen verloren. Beim ersten Mal haben die Punkte nicht gereicht. Da hätte ich mir fast in den Arsch gebissen: Scheiße, wegen zwei Punkten! Letztes Jahr habe ich dann noch die Zugspitze umrundet, das waren 100 Kilometer. Da läufst du am Samstag früh um 6 los und am Sonntagnachmittag bist du im Ziel. Bei strömendem Regen. Aber ich habe die Punkte gebraucht! Das gab fünf Punkte!

Wie geht es einem nach 130 Kilometern Berg-Hoch-Rennen?
Die letzten 30 Kilometer vorm Ziel, da bist du platt wie Sau. Klar, du hast dauernd Downhill. Da musst du dich teilweise an Seilen rumhangeln. Ab Kilometer 100 bist du an der Grenze. Wenn es bergauf geht, kannst du nur noch zu Fuß gehen. Viele hören auf, die sind an ihrer Grenze. Ich habe Leute gesehen, die musste ich halten, die wären fast umgekippt. Du musst wirklich gut trainiert sein. Ich könnte aus dem Stand jederzeit einen Marathon unter vier Stunden laufen.

Aber wenn man im Ziel ankommt, kippt man dann um?
Nein, da bist so aufgepowert. Die Leute peitschen dich. Es kommt natürlich drauf an, wie teilnehmerstark das Feld ist. Wenn du einen kleinen Lauf hast, mit 400 Ultraläufern, sind im Ziel nur wenige Leute, die dich begrüßen. Aber du fällst nicht um und bist tot, im Gegenteil. Als ich letztes Jahr die 100 Kilometer Zugspitze gemacht habe - ich konnte nicht schlafen. Ich hatte meinen Kangoo dabei, da kann ich eine Matratze reinlegen. Aber da schläfst du nicht! Da bist du so aufgewühlt! Ich bin dann heimgefahren. Aber dass man da umkippt und beatmet werden muss, so geht es keinem. Jeder Ultraläufer weiß, wann es genug ist. Es ist keine Schande, wenn einer aufhört, eher ein Zeichen von Stärke. Auch beim Weltkulturerbelauf: Wenn einer bei 19 Kilometern sagt, er bricht ab: Hut ab.

Was war das Schönste bisher?
Die Alpenüberquerung. Ich hatte ein Superwetter. Wenn du nach Italien rüberkommst, die Dolomiten, das ist absolut super. Du hast auch nicht so lange Etappen: mal 46 Kilometer, dann schläfst du wieder. Natürlich mit den Läufern in einer Turnhalle, 300 Läufer, 46 Nationen, vier Duschen, kann man sich vorstellen, wie es da zugeht. Das war schön, weil du da Leute kennenlernst. Neben mir hat ein Engländer geschlafen. Auf der anderen Seite der älteste Teilnehmer, 75, aus Thüringen...

Wenn du in zwei Wochen beim Weltkulturerbelauf mitmachst, ist das dann ein besserer Spaziergang für dich?
Nein. Da kommst du schon auch an deine Grenze. Ich persönlich schaue, dass ich unter Minute 30 um die Burg rum bin, dann weiß ich, dass ich eine 1:40er-Zeit laufe. Und die Berge: Erst in Gaustadt, dann wieder runter, dann St. Getreu, dann bist du platt wie Sau. Dann die Wildensorger Straße und die Burg hoch... Meine Devise ist, wenn du um die Burg rum bist, kannst du es laufen lassen. Um die Jakobskirche rum trägt dich dann dein Wille. Da bist du eigentlich schon im Ziel. Und das Publikum - das ist, wie wenn du in Rom als Gladiator ins Kolosseum einläufst. Wenn du einem da den Zeh abschneidest, läuft er genauso noch ins Ziel.

Würdest du sagen, es geht für dich mehr um das Unterwegssein oder darum, es zu schaffen und abzuhaken?
Um den Weg. Und auch darum, viele Leute zu motivieren. Zwei Mädels aus unserem Verein sind neulich am Obermain auf den ersten und zweiten Platz gelaufen. Das ist schon schön.

Wie trainierst du?
Ich trainiere montags eine bis eineinhalb Stunden mit dem Stadtlaufteam. Dienstag ist Ruhetag. Mittwoch habe ich den Lauf mit der Teutonia, eine oder eineinhalb Stunden. An den Wochenenden mache ich meine langen Läufe. Sonntags lasse ich mich von meiner Frau irgendwo aussetzen oder holen. Zurzeit laufen wir gern zur Schrepfersmühle im Kleinziegenfelder Tal. Die langen Läufe zählen. Jeden zweiten Sonntag laufe ich auf Giechburg und Gügel. Du musst schauen, dass du pro Woche 80 bis 100 Kilometer zusammenkriegst und ein paar Berge dabei hast. Und die Wettkämpfe: Ich hatte den Coburger Wintermarathon, Priegendorf, Crossläufe, Weltkulturerbelauf, Obermain, Stilfser Joch, Osterlauf in Scheßlitz... Die Zehn-Kilometer-Läufe werden immer weniger. Übers Jahr laufe ich vielleicht zehn, 15 Marathons, inklusive Training.

Bist du momentan schon fit genug für den Montblanc?
Ja... jein... ein bisschen was muss ich noch machen. Aber ich könnte ihn schon laufen. Auf der Arbeit pflastere ich ja. Ich bin ständig in der Hocke, da beanspruche ich die Beine ja eh. Also, ich bin fast so weit. Der Läufer sagt immer, Wettkampf ist das beste Training.

Ist es eine Sucht?
(schaut in die Küche) Frau nickt, kannst du schreiben. Ja, es ist eine Sucht. Aber es ist eine schöne Sucht. Ich würde mich auch zu sagen trauen, falls ich mal ein Bein verliere, muss ich halt mit Gummibein laufen. Mir hat neulich ein älterer Mann, der viel mit mir gelaufen ist, gesagt: Alles hat seine Zeit, auch die Lauferei. Mach das, was du machen kannst. Irgendwann kannst du es nicht mehr, aber dann zehrst du im Alter davon, was du gemacht hast. Das hat mich berührt.