Hatten Hilde und Lotte alle Hoffnung aufgegeben, als sie mit Mutter Grete im März 1942 letzte Habseligkeiten zusammenpackten? Man zwang die Bambergerinnen aus dem Haus, weil sie Jüdinnen waren. Und verschleppte die Schwestern neben knapp 1000 anderen Franken vor fast genau 70 Jahren von Nürnberg aus Richtung Lublin. Ob Hilde ihren 17. Geburtstag noch erlebte, ist nicht bekannt. Lotte war 19, als die Reise ins Ungewisse begann, an deren Ende die Gaskammern eines Konzentrationslagers standen. Wie zahllose andere Fami-lien fielen Hilde, Lotte, Grete und Ludwig Samson, der Vater der Mädchen, dem Rassenwahn einer entmenschlichten Gesellschaft zum Opfer.

Die "Endlösung der Judenfrage" wurde 1942 vorangetrieben. Und wie die "Herrenrasse" dabei auch die Ermordung zahlloser Mädchen und Jungen ihres Alters akzeptierte, kann Paula Schardt sieben Jahrzehnte später kaum fassen: "Juden waren doch ganz normale Leute. Was hatten die denn verbrochen? Warum hasste man sie so und brachte all diese Menschen um?" Die 14-Jährige engagiert sich an der Maria-Ward-Realschule fürs Projekt "Stolpersteine", das am Holocaust-Gedenktag wieder im Fokus steht. Und blickt wie etliche andere Jugendliche, die sich mit dem grausigen Kapitel deutscher Vergangenheit befassen, angesichts des heutigen Verständnisses von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde voller Entsetzen zurück: Auf eine Ideologie, die "Untermenschen" wie Hilde und Lotte Samson von "Herrenmenschen" unterschied, die sich allen Ernstes das Recht herausnahmen, Männer, Frauen und Kinder als "lebensunwert" abzustempeln.

Mit vielen Informationen


"Man muss mit vielen Informationen dafür sorgen, dass sich die Dinge nicht mehr in diese Richtung entwickeln", meint die 17-jährige Katharina Schuh und spielt auf ausländerfeindliche Tendenzen an. Auch die Amlingstadter Gymnasiastin beteiligt sich an Projekten, die für das Ideal einer "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" stehen. Und gestaltet neben anderen Jugendlichen in der Institutskirche der Maria-Ward- Schulen den Holocaust-Gedenktag mit Bambergs OB, Vertretern der Kirchen, anderer Schulen, der Israelitischen Kultusgemeinde und der Willy-Aron-Gesellschaft mit. "Wir wollen schließlich zeigen, dass wir anders sind und anders denken als die damalige Gesellschaft."

Eine fast drei Meter hohe Installation präsentieren Schülerinnen des Eichendorff-Gymnasiums am Freitag. "Ich denke, Rassismus und Intoleranz sind heute noch allgegenwärtig", sagt Sophie Keller, die mit vier anderen Zwölftklässlerinnen das "Licht gegen das Vergessen" ersann, erarbeitete und vorstellt. "Auch in Bamberg gibt's Skinheads, wird der NPD-Parteitag veranstaltet", so die 17-Jährige. Damit müsse man sich auseinandersetzen. "Ich habe auch schon erlebt, dass Freunde mit anderer Hautfarbe komisch behandelt wurden", meint Laura Rockmann. Die Vergangenheit dürfe sich jedoch unter keinen Umständen wiederholen. "Haben wir im Unterricht über den Holocaust gesprochen, dann hat mich das Thema darum in der Freizeit mit Freundinnen oft noch weiter beschäftigt", sagt die 18-Jährige. Das Mäntelchen des Schweigens über die Verbrechen der NS-Zeit zu breiten, was Ewiggestrige ja mit lähmender Kontinuität fordern, ist jedenfalls nicht im Sinne der Mädchen, die sich an den drei Bamberger Schulen mit dem "Tausendjährigen Reich", das nach zwölf Jahren in Schutt und Asche fiel, befassten.

Wie Hilde und Lotte Samson hat Rita Rabi das Kriegsende nicht mehr erlebt. Weil sie Jüdin war. Die 18-Jährige, die mit ihren Eltern am Zinkenwörth lebte und schon 1939 nach Brüssel floh, wurde 1942 nach Au-schwitz deportiert und ermordet. Weil die "Herrenrasse" auch sie als "Untermenschen" ansah.