Bamberg
Mahnung

Warnsignal für die Gegenwart

Vor 74 Jahren brannte am 9. November auch in Bamberg die Synagoge. Zeitzeugen erinnern sich. Rabbinerin Antje Yael Deusel will jedoch keinen "Gedenktag im Rückblick", sondern erkennt eine aktuelle Botschaft.
Die brennende Synagoge in der Herzog-Max-Straße (jetzt Synagogenplatz) nach der "Reichskristallnacht" am 9./10. November 1938.       Foto:  Stadtarchiv Bamberg
Die brennende Synagoge in der Herzog-Max-Straße (jetzt Synagogenplatz) nach der "Reichskristallnacht" am 9./10. November 1938. Foto: Stadtarchiv Bamberg
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Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge in der Herzog-Max-Straße brennt, ist Hans Müller gerade zehn Jahre alt. Er wohnt mit seiner Familie in der nahen Dientzenhoferstraße. Was unter dem Begriff "Reichskristallnacht" in die Annalen eingeht, ist für den heute 84-jährigen pensionierten Studiendirektor des Franz-Ludwig-Gymnasiums ein grausames Kapitel Stadtgeschichte: "eines, das fast totgeschwiegen wurde", wie Hans Müller beklagt. Er habe mitbekommen, "dass die Synagoge brannte". Und dass Nationalsozialisten damit zu tun hatten. "Mein Vater war seit 1933 in der NSDAP", bekennt Müller freimütig. Doch von der Judenhatz "hat sich mein Vater distanziert, und weil er als konservativ bekannt war, haben ihn die Parteigenossen auch aus dem Pogrom rausgehalten", erzählt der Bamberger.
Als aktiver Sportschütze und Sportlehrer habe sein Vater "viele jüdische Freunde gehabt".

Die "Synagoge als bloßes Gerippe" steht Hans Müller noch vor Augen. Dieses Bild sahen damals sogar Kindergartenkinder, die eigens an dem zerstörten Gotteshaus vorbeigeführt worden sind, wie eine weitere Zeitzeugin weiß. Sie möchte namentlich nicht genannt werden. "Ich war 1938 erst vier Jahre alt, aber ich erinnere mich, dass über diese Kinder berichtet wurde", sagt die Bambergerin.

Auch Prälat Hans Wich, in Bug aufgewachsen und damals neun Jahre alt, hat noch lebhafte Erinnerungen an oftmals hinter vorgehaltener Hand gemachte Äußerungen über die "angezündete Synagoge": "Mein Vater hat laut über die Nazis geschimpft", so Wich. Und er hat noch die Worte seiner Mutter an den Vater in den Ohren: "Sei ruhig, sonst kommst du nach Dachau."

Damals keine große Meldung

Gerade mal einen Einspalter war dem "Bamberger Tagblatt" am 11. November 1938 das Geschehen um die Synagoge wert. Die "Einzige Amtliche Nationalsozialistische Tageszeitung des Gaues Bayerische Ostmark" geiferte in diesem Artikel gegen "die hiesige Judenschaft". Diese habe "sich selbst zuzuschreiben, dass dabei ihre Erholungsstätte im Zinkenwörth dran glauben musste...das Lokal wurde kurz und klein geschlagen".

Lapidar schrieb das Tagblatt, dass "gegen ein Uhr morgens in der Synagoge Feuer ausbrach, das in den hölzernen Einrichtungsgegenständen rasch Nahrung fand und bald den ganzen Innenraum in Brand setzte". Polizei und Feuerwehr seien "alsbald zur Stelle" gewesen, "wobei die Wehr sich auf den Schutz der Nachbargebäude beschränkte". Die Juden hätten "eine Lehre empfangen, die ihnen hoffentlich genügen wird!", hetzte das Tagblatt weiter.

In nationalsozialistischer Manier verschwieg diese Zeitung, dass tatsächlich SA- und SS-Horden die Synagoge in einer organisierten Aktion geschändet hatten. Und dass NS-Funktionäre die Feuerwehr zurück hielten. Auch schrieb das Tagblatt beschönigend von "vorläufiger Schutzhaft der männlichen Juden" in Folge der Ereignisse. Tatsächlich wurden 168 jüdische Bamberger festgenommen und in das Landgerichtsgefängnis, 81 davon weiter in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Im Zuge des Pogroms nahmen sich zwei jüdische Bambergerinnen, Grete Bing und Anna Engelmann, das Leben.

Keine Zeile verliert das Tagblatt auch über die brutalen Misshandlungen Willy Lessings, des Vorstehers der Israelitischen Kultusgemeinde, unweit der brennenden Synagoge. "Ich wusste nicht, dass jemand erschlagen wurde", blickt Hans Müller zurück. Willy Lessing starb am 17. Januar 1939 an den Folgen der Schläge, die ihm Uniformierte zugefügt hatten.

"Letztlich ist nicht ganz geklärt, was genau Willy Lessings Absicht war, als er zur brennenden Synagoge unterwegs war", räumt Rabbinerin Antje Yael Deusel ein. Ob er, wie es bisher heißt, die Tora-Rollen retten wollte, sei dahingestellt. Auf jeden Fall habe Willy Lessing wohl an einen Unglücksfall gedacht und nicht an organisierte Brandstiftung, als er zur Synagoge eilte, vermutet die Rabbinerin. Sicher sei, dass er bis in die Nähe der Synagoge gekommen ist, allerdings nicht mehr die Möglichkeit hatte, dort hineinzugelangen, weil er vorher erkannt und massiv tätlich angegriffen wurde.

Für die Rabbinerin ist der 9. November jedoch alles andere als ein "Gedenktag im Rückblick", als ein "Erinnern an etwas Vergangenes". Der 9. November hat eine "Botschaft für die Gegenwart", betont Antje Yael Deusel. Und zwar "jedes Jahr neu, wie ein konstantes Warnsignal". Darüber will die Rabbinerin am Freitag um 16.30 Uhr vor dem Mahnmal am Synagogenplatz sprechen, wenn sie gemeinsam mit Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) die Gedenkstunde an die sogenannte Reichspogromnacht hält. Sie hofft, dass viele Bamberger diese "Botschaft für die Gegenwart" hören und begreifen.