Bamberg
Geschichte

Vor 70 Jahren: Erste Sonderzüge in den Tod

Sie war 16, als sie verschleppt wurde: Ein zartes Mädchen mit dicken Zöpfen und scheuem Lächeln. Am 25. November 1941 war Ruth Schapiros Geburtstag. Nur zwei Tage später deportierte man sie neben 118 weiteren Bamberger Juden ins KZ Riga-Jungfernhof.
Auch Suse Böhm verschleppte man mit ihren Eltern Josef und Carola Böhm am 27. November 1941 von Bamberg aus nach Riga. Fotos: Stadtarchiv/Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs.
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Vielleicht feierte Ruth Schapiro ihren Geburtstag noch mit den Eltern und anderen Familien, die im einstigen Gasthof "Weiße Taube" zwangseinquartiert waren, in dem der Vater der 16-Jährigen auch unterrichtete. Welche Hoffnungen und Träume das Geburtstagskind auch hatte, sie starben, als Schüler, Lehrer, Eltern und andere Menschen zwei Tage später aus dem "Judenhaus" getrieben und deportiert wurden: Präzise funktionierte das Räderwerk des Todes, das 119 Bamberger vor 70 Jahren neben 890 weiteren Menschen in Sonderzügen vom Bahnhof aus ins Durchgangslager Riga-Jungfernhof transportierte.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden die 16-jährige Ruth und ihre Mutter Eleonora beim Massaker in einem Wald unweit von Riga am 26. März 1942 erschossen - wie etliche andere aus Bamberg Deportierte. "Die Umstände der Ermordung sind nicht bekannt", berichtet das "Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs". Julius Schapiro, der im Ersten Weltkrieg fürs Kaiserreich gekämpft hatte, lebte noch bis zum 26. Januar 1945. Man hatte den Religionslehrer geschunden und misshandelt, bis er in einem Außenlager von Buchenwald an Herzschwäche starb (nach offiziellen Angaben). Nicht mal drei Monate später befreite die US-Army das KZ.

Symbol des Schreckens

Für viele jüdische Familien wurde die "Weiße Taube" (Zinkenwörth 17) an jenem 27. November zum Symbol des Schreckens: Das letzte vieler "Judenhäuser", in die Bamberger mit dem gelben Stern auf der Kleidung ab 1939 ziehen mussten, sollte noch bei drei weiteren Deportationen als Sammelpunkt zur Verschleppung in den Tod dienen. Dabei war der frühere Gasthof ein Zufluchtsort der jüdischen Gemeinde, der als Schule, Versammlungsraum und Ersatz der großen Synagoge diente, die fanatische Nationalsozialisten in der Pogromnacht des 9. Novembers 1938 in Brand steckten.

Als die große Synagoge brannte, hatten Josef und Carola Böhm schon alles verloren, was sich die Familie im Lauf der Jahre aufgebaut hatte: Von der Mützenfabrik, die der Bamberger führte, bis hin zum Hutgeschäft, in dem seine Frau die Mode der Saison präsentierte. Töchterchen Suse besuchte seit 1936 eine "jüdische Sonderklasse", in die die Nazis "nichtarische" Kinder verbannten. 12 Jahre war das Mädchen, als es am 27. November 1941 wie Ruth Schapiro und all die anderen Menschen nach Lettland deportiert wurde.
Die Unterkunft in dem Lager hatte "keine Türen und keinen Ofen", wie sich Herbert Mai als einer von zwei überlebenden Würzburgern erinnerte: "Es waren 45 Grad Kälte und der Schnee fegte durch die Scheune." Rund 800 der insgesamt fast 4000 Gefangenen starben im Winter 1941/42 Wikipedia zufolge an Hunger, Kälte, Typhus und anderen Krankheiten: "Die täglich anfallenden 20 bis 30 Leichen konnten wegen des gefrorenen Bodens (anfangs) nicht mal beerdigt werden."

Im Ersten Weltkrieg gekämpft

Die zwölfjährige Suse verhungerte und erfror nicht, wie viele andere Kinder. "Sie soll vor den Augen ihres Vaters erschossen worden sein", berichtet Herbert Loebl in "Juden in Bamberg". Als Josef Böhm sie noch zu schützen versuchte, wurde auch er ermordet: Ein Familienvater, der ebenfalls im Ersten Weltkrieg kämpfte, aus dem er als Schwerbehinderter zurückkam. Lange noch nach den "Nürnberger Gesetzen", die Juden 1935 entrechteten und zu Menschen zweiter Klasse erklärten, hatte sich Böhm mit seiner Familie in trügerischer Sicherheit gewähnt statt in die USA auszuwandern wie sein Bruder 1937.
Als Hausangestellte hatte Christina Beck zuletzt noch versucht, Suse bei Verwandten in Frensdorf unterzubringen. Ihre Tochter, im gleichen Alter wie das jüdische Mädchen, erinnert sich in "Juden in Bamberg", dass man Suse sicherheitshalber in Maria umbenannte: Allerdings sei sie Dorfbewohnern bereits unter dem wirklichen Namen bekannt gewesen.

Auch Suse entging ihrem Schicksal nicht, das das Mädchen ins Vernichtungslager bei Riga führte. Nicht anders als zahlreiche Kinder und Erwachsene, die dem Rassenwahn einer entmenschlichten Gesellschaft zum Opfer fielen. Viele schrieben vor ihrer Deportation noch an Verwandte, wie die "letzten Lebenszeichen" im "Gedenkbuch der jüdischen Bürger" belegen. Darin liest man auch die Nachricht von Isidor und Rosa Walter an ihren 19-jährigen Sohn Kurt, dem die Flucht in die Niederlande gelang: "Hoffentlich bist Du l. Kind gesund", heißt es in dem Schreiben von 23. November 1941. Und nur die Bitte, auf den Brief nicht zu antworten, bis alle eine neue Adresse hätten, ließ auf die Deportation vier Tage später schließen.

Letzte Lebenszeichen

Übrigens war Kurts Schwester Elisabeth, die ebenfalls nach Lettland verschleppt wurde und mit ihrer Mutter zuvor noch in Bamberger Betrieben als Zwangsarbeiterin schuften musste, 16 - wie Ruth Schapiro. "In Eile viele herzliche Grüße und Küsse. Weiter alles Gute. Deine Dich l. Elisabeth", waren ihre letzten Worte an den drei Jahre älteren Bruder, der den Holocaust überlebte. Von den 1009 am 27. November Deportierten aus Franken entkamen 52 Menschen, darunter drei Bambergerinnen, der "Endlösung der Judenfrage".
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