Norbert Tscherner erhielt bei der Stadtratswahl 2008 von allen Kandidaten mit Abstand die meisten Stimmen. Vier Fraktionskollegen zog er in seinem Windschatten mit ins Rathaus. Doch seit Montag steht der 70-jährige Bauunternehmer wieder alleine da. Die Fraktion des Bürger-Blocks gibt es nicht mehr. Grund ist ein Zerwürfnis zwischen Tscherner und seinen Fraktionskollegen Matthias Alt, Barbara Blecha, Christina Keidel und Eddy Weiß. Die vier Stadträte des Bürger-Blocks haben mit sofortiger Wirkung ihren Austritt aus der Fraktion der BBB-Fraktion erklärt. Gleichzeitig gründen sie eine neue mit dem Namen "Pro Bamberg" unter dem Vorsitz des 35-jährigen Gastronomen Eddy Weiß.

Der Konflikt zwischen Tscherner und seinen Kollegen schwelte offenbar schon länger. "Es gab Alleingänge, und der Informationsfluss war dürftig", erklärte Weiß unserer Zeitung. Genauere Gründe wollte er nicht nennen: "Wir wollen eine Schlammschlacht vermeiden", sagte Weiß.

Dass es jetzt zum Bruch kam, begründen Matthias Alt, 48-jähriger Inhaber eines Metzgereibetriebs in der Wunderburg, und die 32-jährige Sparkassenkauffrau Christina Keidel mit der nicht abgesprochenen Nominierung des CSU-Kandidaten Gerhard Seitz. "Wir haben in der Fraktion vor den Sommerferien einstimmig vereinbart, in der anstehenden OB-Wahl neutral zu bleiben. Erst aus der Zeitung erfuhren wir, dass der Bürger-Block die Wahl des CSU-Kandidaten unterstützt." Zwar war es der Bürger-Block-Verein, der Seitz nominierte, dennoch habe der Bürger diesen Widerspruch nicht verstanden. "Wir haben jetzt gar keine andere Wahl mehr als zu reagieren", sagt Keidel.

Diese Sicht der Dinge streitet Norbert Tscherner als unzutreffend ab. In der von Weiß erwähnten Diskussion vor der Sommerpause habe er lediglich deutlich gemacht, dass er sich die Unterstützung eines Kandidaten offenhalten wolle. Der Bürger-Block-Chef sieht es außerdem als natürliches Recht des gleichnamigen Vereins mit ca. 50 Mitgliedern an, eine Nominierung wie in dem Fall von Gerhard Seitz auszusprechen.

Das Verhalten seiner Fraktionskollegen hat Norbert Tscherner tief getroffen, wie er in einem Redaktionsgespräch bekannte. Dass Christina Keidel und Barbara Blecha dem politischen Druck nicht gewachsen gewesen seien, habe sich seit Langem abgezeichnet. Er, Tscherner, sei von ihnen wiederholt aufgefordert worden, Angriffe gegen die Stadtverwaltung zu unterlassen oder abzumildern. Auch die Vorwürfe, schlecht informiert zu haben, weist Tscherner zurück. Nicht alle Mitglieder der Fraktion seien immer in allen Sitzungen da gewesen; im Gegenteil, bei der Besetzung von Terminen hätten sich alle vornehm zurückgehalten. "Schon bald war abzusehen, dass es Eddy Weiß und Matthias Alt beim Stadtratsmandat vor allem um den eigenen Vorteil ging", urteilt Tscherner.

Der Bürger-Block-Chef ist auch deshalb schwer enttäuscht, weil er sich bereits zum zweiten Mal als Opfer politischer Trittbrettfahrerei fühlt. Bereits 2003 verließen drei seiner damaligen Fraktionskollegen den Bürger-Block, um eine eigene Fraktion, "Die Bamberger", zu gründen.

Aus dieser Erfahrung heraus ließ Tscherner alle Stadtratskandidaten, die sich 2008 auf seiner Liste aufstellen ließen, eine Verpflichtungserklärung unterschreiben. Darin versprachen auch die Fraktionsmitglieder, die jetzt ausgetreten sind, ""bei einem Partei- oder Fraktionswechsel innerhalb der Wahlperiode das Stadtratsmandat für das Nachrücken eines Listennachfolgers umgehend zur Verfügung zu stellen". Diese Erklärung, das weiß Tscherner, ist rechtlich nicht bindend, da das Mandat nach Gemeindeordnung an die Person gebunden ist. Dennoch lasse es tief blicken, wenn der eigene Vorteil stärker wiege als ein schriftlich gegebenes Ehrenwort.
Eddy Weiß, den wir dazu befragt haben, bestätigt, die Erklärung unterschrieben zu haben. Dennoch sieht er sich durch das Papier nicht gebunden. "Wir wollen einfach weitermachen und haben auch nicht die Fraktion oder Partei gewechselt, sondern eine neue gegründet. Außerdem sahen wir keine andere Chance als den Austrit, um unserer Aufgabe als Stadtrat gerecht zu werden. "

Für Tscherner hat der Austritt seiner Kollegen empfindliche Konsequenzen. Durch den Verlust des Fraktionsstatus bleibt dem Stadtrat wieder einmal nur die Rolle eines Einzelkämpfer übrig. Er verliert das Stimmrecht in den Senaten und könnte auch seine Funktion im Stiftungsrat der Sozialstiftung und im Aufsichtsrat der Stadtbau GmbH einbüßen. Dennoch zeigte sich Tscherner entschlossen, als Bürger-Block-Stadtrat weiterzumachen. "Ich habe schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Und ich lasse mich auch dadurch nicht unterkriegen."