131 Bundesligatore erzielte Stefan Kießling für Bayer 04 Leverkusen - nur Ulf Kirsten (181) traf häufiger. Doch Kießlings Wirken bei den Rheinländern geht weit über sein Vermächtnis als Fußballspieler hinaus. Im Jahr 2018 beendete der in Bamberg aufgewachsene Kießling seine Laufbahn als Spieler. Und begann die zweite Karriere: Als Assistent der Geschäftsführung lernt "Kieß" den Klub in allen Facetten kennen. Der Job macht ihn glücklich. Auch, weil er im Rheinland längst heimisch geworden ist.

Herr Kießling, wie beeinflusst das Coronavirus Ihre tägliche Arbeit?

Stefan Kießling: Natürlich muss ich mich umstellen. Ich habe alle Termine abgesagt und arbeite von zuhause aus, das ist ganz praktisch. Die Spieler haben Aufgaben mit nach Hause bekommen, bei mir ist es nicht anders. Wir müssen schließlich startklar sein, falls es doch weitergeht. Auch die Planungen für die kommende Saison müssen weitergehen.

Was genau machen Sie bei Bayer Leverkusen?

Ich bin als Assistent der Geschäftsführung das Bindeglied zwischen der Mannschaft und der Geschäftsführung: Ich koordiniere Sponsorentermine der Mannschaft, plane das Trainingslager. Aber ich bin auch in die Kaderplanung eingebunden. Mein E-Mail-Postfach ist jeden Tag voll. Langweilig wird es vorerst nicht.

Ein Jahr vor dem Ende Ihrer Spielerlaufbahn haben Sie ein Studium im Sportmanagement abgeschlossen. War Ihr Weg vorgezeichnet?

In gewisser Weise schon. Mir war es wichtig, meinen Verein nicht nur als Spieler zu kennen. Ich wollte in alle Abteilungen hineinschnuppern, wollte wissen, was die Angestellten des Klubs machen. Ich habe an vielen Meetings aller Abteilungen teilgenommen. Mittlerweile diskutiere ich mit Rudi Völler und Simon Rolfes über mögliche Transfers.

Wie ist die Verbindung zur sportlichen Leitung?

Mit Simon habe ich mehr als zehn Jahre zusammengespielt. In den ersten fünf Jahren habe ich mir ein Zimmer mit ihm geteilt. Wir sind Freunde und wissen, was der andere in bestimmten Situationen fühlt. Wir sind ein Team und vertrauen uns. Das gilt genauso für Rudi, der mich den Großteil meiner Karriere begleitet hat.

Und zum Verein?

Bayer Leverkusen und mich verbindet mehr als das Arbeitsverhältnis. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, hier zu arbeiten. Ich bin seit 14 Jahren in Leverkusen und will gerne länger hier bleiben.

Als Spieler haben Sie mehrere Angebote namhafter Klubs ausgeschlagen. Bereuen Sie es im Nachhinein, keinen anderen Weg eingeschlagen zu haben?

Nein, warum sollte ich? Natürlich hätte ich wechseln können, aber warum sollte ich etwas Ungewisses wagen, wenn ich in Leverkusen alles habe? Ich habe mich hier immer wohl gefühlt, habe viel gespielt. Das war mir wichtig.

Ihr letztes Profijahr 2017/18 lief für Sie alles andere als gut: Sie kämpften mit gesundheitlichen Problemen und liefen nur acht Mal auf.

Die Saison war eine große Herausforderung. Eigentlich wollte ich schon nach der Vorsaison aufhören. Wir schafften 2017 am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt, ich habe in den letzten vier Spielen drei Tore erzielt. Im Sommer kam unser damaliger Trainer Heiko Herrlich auf mich zu und wollte mich im Team halten. Ich sagte zu, weil ich mich körperlich gut fühlte. Doch in der Sommerpause habe ich gemerkt, wie schnell es gehen kann. Meine Hüftprobleme wurden schlimmer, ich konnte kaum trainieren. Ich habe zwei, drei Monate gebraucht, um zu realisieren, dass ich auf dem Platz nicht mehr so viel beitragen kann. Aber ich wollte für die Mannschaft da sein. Wenn nicht auf dem Platz, dann wenigstens in der Kabine. Also habe ich es durchgezogen. Aber ich wusste, dass ich nach der Spielzeit definitiv aufhöre.

Beim 2:1-Sieg in Wolfsburg im März 2018 wurden Sie kurz vor Schluss eingewechselt und kamen zu ihrem 400. Bundesligaeinsatz.

Das war großartig. Nicht jeder Fußballer bekommt die Chance, 400 Spiele in der höchsten deutschen Liga zu absolvieren. Es hat mir viel bedeutet, weil es mir zeigte, dass ich noch Ziele erreichen kann.

Was hätten Sie als Spieler gerne erreicht?

Natürlich hätte ich gerne einen Titel mit Leverkusen geholt. Als Spieler hat das nicht geklappt, aber ich glaube, dass das in meiner neuen Funktion durchaus möglich ist.

Einen persönlichen Titel haben Sie geholt: In der Saison 2012/13 wurden Sie mit 25 Treffern Bundesliga-Torschützenkönig.

Das stimmt, darauf bin ich auch stolz. Es ist zwar ein kleiner Titel, trotzdem hat die Torjägerkanone bei mir zuhause einen Ehrenplatz bekommen. Ich finde übrigens nicht, dass es eine reine Individualauszeichnung ist.

Sondern?

Wir haben diese Leistung damals als Mannschaft erreicht. Ohne mein Team hätte ich die Tore nicht schießen können. Daher habe ich damals für jeden Spieler eine kleine Torjägerkanone nachmachen lassen. Sie steht bei einigen Ex-Kollegen noch heute im Büro.

Glauben Sie, dass Sie den richtigen Zeitpunkt für Ihr Karriereende verpasst haben? Gibt es diesen Moment überhaupt?

Jeder Spieler stellt sich das so schön vor: Man hört auf dem Zenit auf, verabschiedet sich mit einem guten Spiel. Das hätte ich mir auch gewünscht, leider hat meine Hüfte das nicht zugelassen. Trotzdem kann es den richtigen Zeitpunkt geben. Für mich war das 2018 der Fall. Auch wenn ich kaum gespielt habe, konnte ich meinen Mannschaftskameraden helfen.

Wie geht es Ihnen heute?

Im vergangenen Oktober habe ich eine neue Hüfte bekommen. Seitdem ist es deutlich besser geworden. Vorher hatte ich fast immer Schmerzen, egal, ob auf der Couch oder beim Joggen. Jetzt bin ich schmerzfrei und kann mich auf meine Rehapläne konzentrieren. Leider bin ich diesbezüglich durch die aktuelle Situation etwas eingeschränkt.

Ich hatte gehofft, Ende Mai wenigstens Fußballtennis spielen zu können. Das wird sich angesichts der Situation wohl ein wenig verzögern.

Umso mehr Zeit haben Sie, Ihr Familienglück zu genießen. Ist Leverkusen zu Ihrer Heimat geworden?

Ich würde das eher auf das Rheinland beziehen. Meine Frau kommt aus Köln, meine Kinder sind in Leverkusen geboren. Wir wohnen aber in Düsseldorf, weil die Kinder dort zur Schule gehen. Das Besondere ist die hervorragende Infrastruktur: Man besitzt hier eine hohe Lebensqualität und hat große Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Auch und gerade mit Kindern. Ich bin jetzt 14 Jahre hier und bin im Rheinland sehr glücklich geworden.

Welchen Bezug haben Sie zu Franken und wie oft kommen Sie im Jahr nach Bamberg?

Grundsätzlich komme ich immer gerne nach Bamberg zurück. Vor Weihnachten bin ich jedes Jahr ein paar Tage da. Dann besuche ich meine Familie und Freunde. Meine Eltern und meine Schwester mit ihren zwei Kindern leben in Bamberg. Außerdem habe ich noch Freunde aus früheren Zeiten beim TSV Eintracht Bamberg.

In der Vergangenheit traten Sie als Botschafter des"goolkids e.V." auf, der als gemeinnütziger Bamberger Verein zur Integration sozial benachteiligter Kinder beiträgt.

Dieses Projekt unterstütze ich sehr gerne. 2018 kam ich zur Sportgala nach Bamberg. In Abstimmung mit den Vorstandsmitgliedern Robert Bartsch und Anna Niedermaier wollten wir mehrere Projekte in Angriff nehmen. Leider hat es bei mir zeitlich nicht gepasst. Aber ich stehe in Kontakt zur Organisation und werde auf dem Laufenden gehalten. Der Verein ist jederzeit herzlich ins Rheinland eingeladen.