Anna Döing, 29, hat sich diese diesen Schritt nicht leicht gemacht, hieß es doch, das gesamte Umfeld zurückzulassen - die Familie, die Freunde, das berufliches Netzwerk - all das, was sie sich über die Jahre im Ruhrpott, in Bochum, aufgebaut hatte. "Ich hab ein paar Monate überlegen müssen", erinnert sie sich. Doch dann fiel die Entscheidung. Sie wollte einen Tapetenwechsel. Sie nahm das Angebot des E.T.A.-Hoffmann-Theaters an und ging im Sommer 2015 nach Bamberg.

Damit verließ sie auch Bottrop, die Stadt in der sie aufwuchs, zur Schule ging und 2006 ihr Abitur bestand. Hier, im Ruhrgebiet, stand Anna Döing das erste Mal auf den knarzenden Brettern einer Theaterbühne - im Jugendclub des Oberhausener Theaters. Der Groschen über ihre berufliche Zukunft war damit gefallen. Sie entschied sich für ein Schauspielstudium, sprach an zahlreichen Universitäten vor und bekam schließlich die Zusage von der Folkwang Universität der Künste in Bochum. Vier Jahre lang studierte sie dort, spielte nach dem erfolgreichen Abschluss mal fest, mal frei an Häusern in Düsseldorf, Oberhausen und Essen.

In Bochum lernte Anna Döing Sibylle Broll-Pape kennen. Für die neue Intendantin des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theaters stand sie bereits damals in verschiedenen Inszenierungen auf der Bühne, verkörperte Luise in Schillers "Kabale und Liebe" und Kitty in "Anna Karenina". Das zierliche, fast jugendliche Erscheinungsbild der 29-Jährigen definiert dabei - rein oberflächlich gesehen - die Rollen, in die sie in der Regel schlüpft: die einer noch jungen, heranwachsenden Frau.


Studium ihrer selbst

Das Handwerk, das ihr heute noch bei der Entwicklung ihrer Rollen hilft, erlernte Anna Döing vor allem in den vier Jahren des Studiums, das mehr einem Studium ihrer selbst glich. "Man beobachtet sein Reden und Handeln ununterbrochen - das ist einerseits spannend, kann auf Dauer aber auch furchtbar sein, wenn man auch in seiner Freizeit darüber nachdenkt: Wie spreche ich? Wie verhalte ich mich? Dieses Handwerk gilt es zu verinnerlichen und damit zu vergessen" - eine Kontrolle, ohne sich selbst zu kontrollieren. "Das ist spannender für den Zuschauer, aber auch für die Kollegen und für einen selbst", sagt Anna Döing.

Doch trotz dieser Kontrolle ist Theater immer auch abhängig von der Tagesform eines jeden Schauspielers: "Nicht jeder hat jeden Tag immer dieselbe Energie, dieselbe Spannung in sich", erzählt Anna Döing. "Bei mir kam schon auch mal vor, dass ich den Text vergessen hab, weil ich vom Kopf her nicht ganz dabei war."


Notwendige Fleißarbeit

Text lernen, das sieht sie als die notwendige Fleißarbeit, vor allem dann, wenn es sich um lange Monologe handelt, wie im zeitgenössischen Stück "rechtes denken": "Dialoge sind da einfacher zu lernen. Bei einem Gespräch kann man Antworten ja erahnen."

Theater ist für Anna Döing ein einzigartiges Instrument gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Es soll Spiegel der Gesellschaft sein, kein Ort, an dem von oben herab doziert wird und das mit erhobenem Zeigefinger. "Wichtig ist, dem Zuschauer nicht vorzukauen, was er zu denken hat. Theater soll vielmehr einen Denkanstoß geben, dass sie sich auch zu Hause Gedanken machen."

Nach Hause gehen und zur Ruhe kommen, das ist nach einer aufwühlenden Aufführung nicht immer möglich. Manchmal muss Anna Döing erst den zurückliegenden Abend verarbeiten, einfach abschalten. "Man setzt sich mit den Kollegen zusammen, man trinkt noch was, man spricht über alles - dann geht man nach Hause."