12 000 Fähren gab es im Deutschen Reich, als Elsaß-Lothringen und Pommern noch dazu gehörten. Mittlerweile verkehren in der Bundesrepublik noch 350 Binnen-Fähren und um deren Zukunft ist es durchaus nicht schlecht bestellt. Zumindest haben die 60 Fährleute, die zum Jahrestreffen ihrer Gilde übers Wochenende nach Pettstadt gekommen sind, nach wie vor viel zu tun.

Seit 1. November herrscht traditionell an fast allen Schiffsbrücken Winterruhe, sie dauert meist bis 1. März des folgenden Jahres: Eine hochverdiente lange Pause nach den vielen Sieben-Tage-Wochen im Frühjahr, Sommer und Herbst. Ein Fährmann aus dem Rheinland rollte denn auch mit Wohnmobil plus Anhänger an, um sich nach der Zwischenstation an der Regnitz bis zum Frühling nach Valencia zu verabschieden. Ist Fährmann ein aussterbender Beruf? Diese Frage erübrigt sich bei dem Treffen der Schiffsführer an der Pettstadter Fähre: Wer professionell mit Hilfe einer Schiffsbrücke Menschen, Tiere, Fahrzeuge und Maschinen von einem Ufer zum anderen transportiert, leidet heutzutage jedenfalls keine Not (und findet bei Bedarf verhältnismäßig leicht auch einen Nachfolger). Denn die Freizeitgesellschaft hat - wo immer die Chance geboten wird - ihren Spaß daran, auf ganz nostalgische Weise über Flüsse oder Seen zu setzen. Wer in unseren Tagen eine Fähre führt, ist ordentlich bestallter Mitarbeiter einer Gemeinde oder eines Fremdenverkehrsverbandes, ist sozial abgesichert, hat geregelte Dienstzeiten und ein vernünftiges Einkommen.

Reinhold Schuhmann hat bei früheren Jahrestreffen seiner Gilde in Wipfeld oder Lensen eingeladen, anlässlich des 550-jährigen Bestehens seiner Fähre nach Pettstadt zu kommen. Und für seine Gäste legte er gerne eine Extraschicht ein, denn eigentlich ist auch er schon in den Ferien. Schuhmanns Freund Michael Kreiner organisierte das seit 1988 obligatorische Treffen, das nicht nur der Geselligkeit dient, sondern auch handfeste berufliche Vorteile bietet.

Wolfgang Hilger von der "Arbeitsgemeinschaft Binnenfähren in Deutschland", berichtet von eifrigem Informationsaustausch der Fährleute. Ja sogar als Ersatzteilbörse würden die Zusammenkünfte genutzt. Da werde auch schon mal ein Reparatureinsatz verabredet, weiß Hilger. Das Jahr über halten sich die Fährleute auf der Homepage www.ag-binnenfaehren.de auf dem laufenden. Denn immer wieder gibt es Kurioses zu vermelden. So ließ sich heuer ein Autofahrer von seinem Navigationssystem verführen, mit Vollgas in den Rhein zu fahren: Das Navi unterschied nicht zwischen Brücke und Fähre. Tragisch: Der Autofahrer verlor dadurch sein Leben. Derlei Unfälle ereigneten sich bei Fährstellen an großen Flüssen mehrmals im Jahr, warnt Hilger.

Martin Acker, der die Fähre zwischen Remagen und der Rheininsel Nonnenwerth führt, hat fast schon einen Traumjob. Bei "lecker Leberwurstbrot" und fränkischem Bier schwärmt er von der Aufgabe, täglich zwischen 7 und 13.30 Uhr 80 Mal über einen bis zu 200 Meter breiten Altarm des Rheins zu steuern, um die 700 Schülerinnen und Lehrkräfte einer Klosterschule der Franziskanerinnen sicher von einem Ufer zum anderen zu bringen. "Nicht wahr: So einen schönen Schulweg hat nicht jeder!" Ist er auch sicher? "Klar doch," sagt Acker, "die Berufsschifffahrt auf dem Rhein kommt uns nicht in die Quere!"

Weniger romantische Arbeitstage hat Frank Schumacher auf seiner Gierseilfähre, mit der er auf der Elbe bei Arneburg in Sachsen-Anhalt verkehrt. Weil die nächsten Elbbrücken 35 bis 80 Kilometer entfernt sind, hat er regelmäßig Lastzüge mit 40 Tonnen Gesamtgewicht zu transportieren, darunter häufig Langholzfuhrwerke. Schumacher wechselte vor 22 Jahren den Beruf: Weil er als "Hochbaumaurer" in der untergehenden DDR arbeitslos geworden war, meldete er sich für die vakante Stelle des Fährmanns, erwarb das Schifffahrtspatent und ist seither glücklich, auch wenn er in der Saison täglich von 7 bis 19 Uhr im Dienst sein muss. Die Begegnung mit Tausenden von Radfahrern, die über die Elbe schippern oder auch Touristen aus Übersee, die sich an solchen traditionsreichen Flussüberquerungen erbauen können, machen das Leben eines Fährmanns abwechslungsreich.

Und auch der Pettstadter Fährmann ist guten Mutes: Gleich neben seiner Fährstelle rattert werktags ein Güterzug vorbei, bei schönem Wetter wird in der Nähe ein Sonnen- und Grillplatz stark frequentiert, die Feuerwehr hält Übungen am Fluss. Wenn nur die vielen Stechmücken nicht wären und die vorwitzigen Flusspaddler, die glaubten, sie könnten schnell und zu nahe noch an dem tonnenschweren, kaum steuerbaren Wasserfahrzeug vorbei. Die lernen dann schon mal die sehr lockere Zunge von Reinhold Schuhmann kennen.