Sie fühlen sich wie Dreck. Petra zum Beispiel. Die 43-Jährige aus Reckendorf bei Bamberg hat 19 Jahre bei Schlecker gearbeitet. 19 Jahre. Dann kam's "Knall auf Fall". Am Dienstag das Schreiben, dass die Filiale schließt. Am Mittwoch die vorläufige Kündigung. Am Donnerstag der Schlecker-Mitarbeiter, der versuchte, zu informieren. Am Freitag der Vertrag für die Transfergesellschaft, den sie unterschreiben sollte. Seit Samstag ist ihre Filiale geschlossen.

Die Scheiben sind abgeklebt. Petra steht davor. Vor der Filiale, die im Einkaufszentrum von Breitengüßbach liegt, Parkplätze kein Problem. Der Umsatz habe auch gepasst. Warum trotzdem zu ist? Erklärt hat es ihr keiner. "Willkür", sagt Petra. Andere Läden mit weniger Umsatz blieben geöffnet. Der Mann von Schlecker habe auch nichts gewusst. Noch nicht einmal einer aus der Geschäftsführung im fernen Ehingen habe angerufen. Kollegen, Leute wie sie selbst, haben Petra informiert. Sie verschränkt die Arme. Es gehe um die Art und Weise, wie man hier mit Menschen umgeht: "Wie mit einem Stück Dreck."

Dienstag früh hat Petra noch Bestellungen aufgegeben. Am Freitag war sie nicht mehr fähig, zu ihrer Schicht in den Laden zu gehen. Aber Ulrike (47) war da. Wie immer alleine. Eine kam, die andre ging. So war das bei Schlecker. Als um 11.15 Uhr keine Ablöse kam, schloss Ulrike ab. Sie war die Letzte. Bis zum Schluss einsatzbereit, wie viele andere.
Und jetzt sollen Petra und Ulrike einen Vertrag unterschreiben für eine Transfergesellschaft.


Gefundenes Fressen für Anwälte



Sie tun es nicht. "Haben die überhaupt Geld für uns?", fragen sie. In der Tat ist das Vorgehen von Schlecker ungewöhnlich. Ein gefundenes Fressen für Anwälte. "Unprofessionell", sagt Nadja Häfner, Bamberger Anwältin bei der Arbeitnehmerkanzlei AfA Rechtsanwälte. Aber wer den Vertrag unterschreibt, beendet sein Arbeitsverhältnis bei der Firma Schlecker. Und weiß noch gar nicht, ob es diese Transfergesellschaft wirklich geben wird. Und er fährt wirtschaftlich eventuell schlechter.

Petra und ihre Kollegin hätten keine Chance mehr auf Abfindungen von Schlecker. Das dürften etwa zweieinhalb Monatsgehälter sein. Nach 19 Jahren. Auch ihre Überstunden und andere Forderungen gehen flöten.
Zwischen 60 und 70 Prozent des bisherigen Netto-Gehaltes zahlt ihnen das Arbeitsamt. Bestenfalls legt die Transfergesellschaft etwas darauf, damit sie etwa 80 Prozent ihres Netto-Verdienstes haben. Aber das, was draufgelegt wird, wird voll versteuert. Es werden also deutlich weniger als 80 Prozent sein. "Der Erhalt der Arbeitsplätze geht auf Kosten derer, die gehen müssen", sagt die Anwältin. Wenn sie unterschreiben, stehen sie dem Arbeitsamt zur Verfügung. Sie müssen alles machen, fürchten sie. "Auch putzen gehen", sagt Petra.

Petra und ihre Kollegin verstehen das alles nicht. Die sechs Seiten des Vertrages sind in unverständlichem Juristendeutsch. Dort geht es um eine "betriebsorganisatorisch eigenständige Einheit bei "Schlecker AS". Oder um den Verzicht von "Bestandsstreitigkeiten gegen den Arbeitgeber". Oder um den Verzicht auf Sonderzahlungen.


Wut im Bauch



Nein, Petra und ihre Kollegin unterschreiben das nicht. Dann sind sie eben gekündigt. "Sind wir doch eh schon". Aber kriegen drei Monate lang - die Kündigungsfrist - ihr normales Gehalt. Ohne Anwalt geht das nicht. Ohne Wut sowieso nicht. Das Bild vom Firmengründer, das in jeder Filiale hängt, hat Petra in den Papierkorb geworfen. 70.000 Euro im Monat haben der Anton Schlecker und seine Familie zum Leben, schreibt ein Magazin.

Petra hat mit ihrem Mann ein Haus gebaut, sie braucht das Einkommen. Gut dass die Tochter schon erwachsen ist. Zwei Kunden kommen auf den Parkplatz vor der geschlossenen Schlecker-Filiale. Eine Frau nimmt Petra in den Arm. "Macht's gut", sagt sie, "und nicht hängenlassen." Petra ist nervös, "durch den Wind". Zuhause findet sie keine Ruhe. Nichts geht mehr. Aber es tut ihr gut, darüber zu reden. Wenigstens das.

Reden. Kerstin (46) kann gar nicht mehr aufhören zu reden. Zwölf Jahre lang hat sie jeden Morgen um 6 Uhr angefangen im Büro. "Ab 7 war ich für meine Kunden da." Kunden, die ihr am Samstag in der Schlecker-Filiale in Hallstadt in den Armen gelegen haben, sie an sich gedrückt haben, geweint haben. Ihr Laden lag neben einem Altersheim. Für die Bewohner waren Kerstin und ihre Kolleginnen oft die einzigen Ansprechpartner. Haben ihre Problemchen abgeladen. Vorbei.


Eigeninitiative für den Umsatz



"Unglaublich, unglaublich", sagt sie immer wieder. Dabei war es eine schöne Zeit. Mit viel Arbeit. "Ich kenne jede Ritze in dem Laden." Bis nach Altenkunstadt ist Kerstin gefahren, um Waren aus anderen Filialen zu holen. Auf eigene Kosten. Damit der Umsatz stimmt. "Ich hab's doch gern gemacht." Einmal stand Karel Gott in ihrem Laden, weil er Haarschaum gebraucht hat. Noch heute hat sie die Autogrammkarten.

Am Samstag war Kerstin bis zum Schluss in ihrem Laden in Hallstadt. In Scheßlitz bleibt die Filiale offen. Aber Entlassungen gibt es trotzdem. Getroffen hat es Jennifer (24), im siebten Monat schwanger. Im Juni hätte ihr Mutterschutz begonnen. Gestern saß sie noch an der Kasse. Wie immer allein. Hinten im trostlosen Lager steht eine Gartenliege, damit sie sich mal hinlegen kann. Eine Liege ist gesetzlich vorgeschrieben bei Schwangeren. Nach der Kündigung hat sie in der Zentrale angerufen - einer Schwangeren darf man nicht einfach kündigen. Gestern wurde die Kündigung zurückgenommen.

Die Regale im Scheßlitzer Laden sind nicht alle gefüllt. Kerstin sieht sofort, was fehlt bei den Rasiersachen. Ihren Schlecker-Blick hat sie nicht verloren.