Im Mädchen-Lyzeum im Bach, der Vorgängerin des heutigen Eichendorff-Gymnasiums, war es in meiner Schulzeit üblich, dass im Fach Musik nicht nur die Noten der Schulaufgaben zählten, in denen es um bekannte Komponisten und ihre Werke ging. Genauso wichtig war das Vortragen eines Kunstliedes, das benotet wurde. Der beliebte und trotz seiner grauen Schläfen angeschwärmte Musiklehrer, der goldige Schorschi, gab einfühlsam den Schülerinnen meistens zwei Lieder vor: eines für die hohen und sicheren Stimmen und eins in den tieferen Lagen, beide von Franz Schubert.

Er setzte sich an den Flügel und begleitete dezent das ausgesuchte Lied, diesmal "Ruhn in Frieden, alle Seelen, die vollbracht ein banges Quälen, die vollendet süßen Traum, lebenssatt - geboren kaum aus der Welt hinüberschieden: Alle Seelen ruhn in Frieden!" Für die unmusikalischen unter den 16-jährigen Mädchen war das Vorsingen jedes Mal eine Tortur, das reinste Fegefeuer. Auch wenn sie sich die "Litaney", wie das Seelenlied untertitelt war, ausgesucht hatten. Sie trafen kaum eine Note, verirrten sich in eine andere Tonart, so dass die Melodie kaum mehr zu erkennen war, und bei allem Mitgefühl hom die "Bachgäns" des Lachn fast net untädrückn könna.


Heut tät ich wohrscheinlich nimmä des Liebeslied: "Leise flehen meine Lieder" raussuung, ehrä des andera: "Am Tage Allerseelen". Das, was in dem 1816 geschriebenen Lied geschrieben steht, scheint allerdings oft nur ein frommer Wunsch zu sein. Wenn mä des Gschichtla hört, des miä a Geistlichä äzehlt hot, griecht mä Zweifl, ob mancha Leut wirklich "allen" Seelen die ewig Ruh vergönnen, oder bloß ihren eigenen Verwandten.

Auch heute noch werden an den Jahrestagen der Verstorbenen, auch an Geburts- oder Namenstagen, Messen für ihre Seelenruhe bestellt. So war es auch bei einer Abendmesse in Bamberg Südwest. An einer bestimmten Stelle nach der Wandlung, wenn für die Toten gebetet wird, stand dem Priester noch der vergangene Nachmittag vor Augen, an dem er dringend zu einer Krankensalbung gerufen wurde.

Und desmol hots richtich gäpasst mit deä "Letzten Ölung", denn kurz drauf is eä gstorm, deä Moo. Wie der Pfarrer nun seine Gottesdienstbesucher anschaute, wusste er, dass die meisten den Toten gekannt hatten. Er gab also kurz dessen Tod bekannt und fügte, nach der Fürbitte für die Toten der Familie Huber samt Großeltern, auch den Namen des gerade Verstorbenen ein.

Kaum ist die Messe zu Ende - der Pfarrer steht noch im Messgewand in der Sakristei, - da wird die Tür aufgerissen und die Frau Huber kommt schimpfend herein: "Also, Hä Pfarrä, alles, wos rächt is! Des is fei mei Totnmess, die hob iich bäzohlt, und die kummt ganz allaa meina Totn zägut! Und do werd füä kann andärn Totn gäbett, sei eä, wer eä mooch, schließli is des mei Geld! Dass Sie's wissn!" Drauf der Geistliche, ebenso schlagfertig wie ironisch: "Aha! Und jetzt möchten Sie wohl Ihr Geld zurück!"