"Unsere gemeinsame Arbeit ist immer sozio-kultureller Art und partizipatorisch", sagt Judith Siedersberger über das gemeinsame Wirken mit Rosa Brunner. Die beiden sind Künstlerinnen und weit über die Grenzen Bambergs bekannt. Judith Siedersberger ist ausgebildete Korbflechterin und studierte Textilkunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Die 46-Jährige hat einen Lehrauftrag für Textilkunst an der Fachoberschule Ebermannstadt. Gemeinsam mit Rosa Brunner, mit der sie schon etliche Ausstellungen und Performances realisiert hat, hat sie im Jahr 2009 den Kunstraum "bluemerant” in der Siechenstraße gegründet.

Rosa Brunner machte eine Steinmetzausbildung in der Domhütte Bamberg und absolvierte dann ein Studium der Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart sowie ein Szenenbildstudium in Potsdam. Die beiden Ausnahmekünstlerinnen wurden für ihre Werke schon mit etlichen Auszeichnungen belohnt. Zuletzt erhielten sie im vergangenen Jahr den Berganza-Preis des Kunstvereins Bamberg und auch bei der Verleihung zeigten die beiden Ausnahmetalente ihr Können: Keine trockenen langen Reden standen auf der Tagesordnung, vielmehr machten Brunner und Siedersberger aus der Verleihung selbst einen Kunstakt. Mit ihrer Performance "Glamour” übernahmen sie den Preis und übten so auch Kritik an überkandierten Preisverleihungen selbst. Mit ihren soziokulturellen und partizipatorischen Projekten stehen sie in der Tradition der Sozialen Plastik von Joseph Beuys, der die These vertrat, dass jeder Mensch ein Künstler sei.

In diese Richtung zielte auch ihr letztes großes Projekt: der "Kultur-Austausch”. 12 Bamberger und Bambergerinnen machten Geschenke für 12 Partner im ungarischen Esztergom - doch das allein ist noch keine Kunst. Erst der Austausch der Geschenke mit zwölf Esztergomern und die dazu begleitende Ausstellung machen diesen lebendigen Kunstprozess aus. Wie kam es dazu? Im Herbst 2011 gab es eine Ausstellung in der Villa Dessauer mit einer Delegation aus Esztergom, die gerade eine kleine Rundreise durch ihre Partnerstädte machte. 2012 ist das 20-jähriges Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Bamberg und Esztergom. "Und so kam die Idee auf", sagt Rosa Brunner. Wie könnte so ein Projekt, so ein Kulturaustausch aussehen?

Gerade die gesellschaftlich-politische Situation und auch die Alltagssituationen waren es, was die Künstlerinnen interessierte und inspirierte. Brunner erinnert sich: "12 Bamberger suchen Gastgeschenke für Estergom aus, die als Gruß und Geste funktionieren sollten und einen Teil des Alltags abbilden - also nicht einfach 'ne Tasse, wo Bamberg drauf abgebildet ist". Die Leute waren schnell gefunden, Menschen unterschiedlichsten Alters mit einem individuellen Lebensumfeld. Die Jüngsten sind 7, die Ältesten über 70. "Wie meint ihr das?”, war eine der am häufigsten gestellten Fragen. "Es war schon so, dass die richtig ins Nachdenken gekommen sind”, schmunzelt Brunner über die eigene Idee. Das Besondere daran ist, dass die Geber nicht wissen, an wen sie ihre Sache schenken, was die Auswahl natürlich noch erschwert.

Etwas Spezielles


Auch Christine Krause, die in der Siechenstraße einen Frische laden betreibt, war mit von der Partie: "Ich wurde gefragt und da sag ich nicht nein", erzählt die Verkäuferin mit einem charmanten Lachen. Doch mit der Auswahl des Geschenkes tat auch sie sich nicht allzu leicht. Etwas Spezielles, "was ich auch in meinem Geschäft verkaufe", sollte es sein. Nach einigen Überlegungen fiel die Wahl dann auf die selbst gemachte Marmelade. "Frau Krauses Marmelade ist ein Heimatgeschmack”, betont Judith Siedesberger. Die beiden Künstlerinnen sind sichtlich begeistert von dem Geschenk, das genau ihrer konzeptionellen Vorstellung entspricht.

Aber auch die anderen Geschenke passten voll ins Konzept: Die beiden Musiker Christoph Mück und Ngang schickten eine ihrer CDs auf die Reise und die Bio-Gärtnerin Gertrud Leumer gab etwas Süßholz mit. Während sich die Teilnehmer Gedanken über ihre Geschenke machten, planten Siedersberger und Brunner die dazugehörige Ausstellung für Esztergom: weiße, große Regalbretter, auf denen das Geschenk präsentiert wird, und daneben ein Foto des Schenkenden sowie ein kleiner Gruß, ein Zitat.

Mit den Geschenken machten sich die beiden Bamberger Künstlerinnen dann auf in das ungarische Esztergom, wo sie in den Räumen des Donaumuseums die Ausstellung vorbereiteten. Zur Vernissage sprach die Esztergomer Bürgermeisterin Éva Tétény und die Esztergomer betrachteten mit viel Interesse die Ausstellungsgegenstände. Auch Frau Krauses Marmelade fand einen Platz im Esztergomer Museum, daneben ist von ihr das Zitat zu lesen: "Dass nix umkommt! Das Obst, das nicht sofort verkauft werden kann, koche ich zu Marmelade nach meinen Rezepten. Guten Appetit!"

Die Eröffnung war dann auch zugleich die Einleitung des zweiten Teils des Kunstprojektes, so mussten hier nun wiederum Esztergomer gefunden werden, die ein Gastgeschenk für die Bamberger mit auf die Reise geben. Doch auch hier war das Interesse groß. Nach zehn Tagen wurden dann noch einmal zur Finissage alle Geschenke gemeinsam und nebeneinander ausgestellt. Auch Gabriele Wiesemann war nach Ungarn angereist, um eine Rede für das befreundete Künstlerpaar zu halten. Zurück in Bamberg erhielten die Bamberger die Geschenke ihrer ungarischen Partner. Und auch Frau Krause bekam ihr Geschenk: eine selbstgemachte Zitronenmarmelade von Kovàrs Ildiko. Dazu den Gruß: "Liebe Frau Krause! Ich sende Ihnen herzliche Grüße aus Esztergom! Ich hoffe dass wir uns eines Tages kennenlernen!". - Der Kulturaustausch hat funktioniert, mittlerweile hat es zwischen einigen Austauschpartnern schon Kontakte gegeben. "Die Städtepartnerschaft wird so auf eine persönliche Ebene gehoben", sagt Judith Siedersberger über das Projekt, das nur durch die tatkräftige Unterstützung von Sponsoren realisiert werden konnte.

Kultur und Natur


Doch nach dem Projekt ist vor dem Projekt - und so sind die beiden Künstlerinnen Brunner und Siedersberger schon bei ihrer nächsten Arbeit angekommen: Kultur - Natur. Die Begriffe werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Die Arbeiten von Rosa Brunner und Judith Siedersberger dazu sind noch bis 14. Oktober im Kunstraum "bluemerant" zu sehen. Ganz nebenbei hat das vielbeschäftigte Künstlerpaar auch noch ihre "uni royal" gegründet. In den Räumlichkeiten bieten sie Kunstkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Hier können die Teilnehmer unter der professionellen Anleitung individuelle ästhetische Erfahrungen machen. Ab Oktober starten die neuen Kurse.