Dieses Bild, das sich kurz vor dem Fest in der Scheßlitzer Pfarrkirche St. Kilian bietet, hat eine ungeheure Symbolkraft: Das schwere Kruzifix, das ansonsten vom Chorgewölbe herabhängt, liegt am Boden. "Das Kreuz als schwebende Last. Braucht es eine doppelte Sicherung?", philosophiert Reinhold Söder, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, zweideutig.

Die äußeren Fakten sind sichtbar: St. Kilian ist eingerüstet, das marode Dach des Kirchenschiffes muss saniert werden. Lange genug hat Mesner Hubert Kurzela Eimer aufgestellt, um das durchtropfende Regenwasser aufzufangen. "Da ließ sich nichts verschieben", betont Söder. Die Gemeinde nehme es in Kauf, dass ausgerechnet zum 600.
Kirchweihjubiläum an diesem Sonntag ihr Gotteshaus eine Baustelle ist.

Kreuz wurde nur provisorisch gesichert

Die Experten haben nun überprüft, ob dieses Kruzifix wieder gefahrlos im Dachgewölbe aufgehängt werden kann. Provisorisch gesichert, ohne endgültige Lösung, wurde es für das Fest erneut angebracht. Doch die "schwebende Last" bleibt.

Denn die 3800 Gemeindemitglieder treiben Sorgen um die Zukunft um. Zur Pfarrei gehören insgesamt 18 Gotteshäuser, darunter die Gügelkirche St. Pankratius bei Zeckendorf als beliebter Hochzeitsort. Allein in Scheßlitz gibt es sieben Kirchen und Kapellen. Und in allen Stationen von Burgellern über Demmelsdorf, Ehrl bis Rosch laub oder Windischletten warten die traditionsbewussten Gläubigen darauf, dass in ihren Gotteshäusern auch Eucharistie gefeiert wird.

Priestermangel zu spüren

Doch das werde "immer schwieriger in den Dörfern", so Reinhold Söder. Der Priestermangel macht sich schmerzlich bemerkbar: "Die Zukunft der Eucharistiefeiern bewegt uns sehr", erklärt der Pfarrgemeinderatsvorsitzende. In seinem Gremium - "wir sind keine Kopfnicker" - laufen darüber hitzige Diskussionen, zumal Wortgottesdienste, die auch Laien übernehmen können, nicht überall akzeptiert werden. Ganz davon abgesehen fehlen Ehrenamtliche, die sich zu Wortgottesdienstleitern ausbilden lassen.

Da bekommen Söders Worte von der "doppelten Sicherung" und "schwebenden Last" ihre ganz eigene Bedeutung.

Zumal auch der Scheßlitzer Pfarrer Michael Morawietz, der zurzeit im Urlaub weilt, noch mehr oder weniger in der Einarbeitungsphase ist. Er übernahm die Pfarrei vor einem Jahr vom erfahrenen, beliebten Pfarrer Markus Brendel und sucht Wege in eine gedeihliche Zukunft.

Morawietz zur Seite stehen die Pastoralreferenten Thomas Dittner und Schwester Friederike Müller, eine Dillinger Franziskanerin. Bisher vervollständigte Pastoralreferentin Mia Hofmann das Team. Doch zum 1. September wechselt sie in den Seelsorgebereich Memmelsdorf-Gundelsheim-Merkendorf - obwohl Pfarrer Morawietz dann noch zwei weitere zu seinen bislang drei Pfarreien im Seelsorgebereich Jura-Scheßlitz übernehmen muss. Immerhin wird dann Kaplan Dieter Jung, persönlicher Referent von Erzbischof Ludwig Schick, seelsorgliche Mithilfe in St. Kilian leisten. Trotz aller Sorgen, die die Feierlaune trüben, spricht der 43-jährige Reinhold Söder von einer "sehr lebendigen Gemeinde", die mit ihren Gruppenangeboten Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren erreicht. Noch sei der Gottesdienstbesuch zufrieden stellend.

Zur großen Feier kommen alle

Und zumindest am Jubiläumstag wird die Kirche komplett gefüllt sein. Regionaldekan Domkapitular Josef Zerndl zelebriert um 9.15 Uhr mit einigen Mitbrüdern den Festgottesdienst. Unter den Konzelebranten ist dann auch Pfarrer Alowoduna Christophe Messanvi aus dem westafrikanischen Togo, der für seinen Kollegen Morawietz die Urlaubsvertretung inne hat. Nach dem Gottesdienst gibt es im Pfarrgarten eine Agape bei geschnittenen Hasen, Wein und Bier.

Reinhold Söder ist sich sicher, dass "St.Kilian als größtes Gotteshaus im Seelsorgebereich eine zentrale Rolle spielt". Schließlich gehöre diese Pfarrkirche zu den bedeutendsten des östlichen Bamberger Umlandes. Und das schon seit erdenklichen Zeiten. Scheßlitz war bereits vor der Gründung des Bistums Bamberg (1007) eine Pfarrei und zählte damals zum Bistum Würzburg. Ihr Ursprung liegt in der Slawenmissionierung Karls des Großen (768 - 814), der in der Gegend 14 Kirchen errichten ließ. Ob Scheßlitz dazu gehörte, ist unbewiesen. Als ursprünglicher Standort des jetzigen Gotteshauses wird die heutige Marienkapelle angesehen.

Kirche enthält besondere Prunkstücke

Die St. Kilian-Kirche wurde um 1400 erbaut. Die Einweihung des Chores erfolgte 1413 unter Fürstbischof Albert von Wertheim. Langhaus und Gruft - die heutige Beichtkapelle - wurden 1449 vollendet. Der aus Graubünden stammende Baumeister Hans Bonalino schuf das Gewölbe um 1624. Markant grüßt schon von Weitem der 52 Meter hohe viergeschossige Turm. Im Inneren ist vor allem die Kanzel aus dem Spätrokoko mit klassizistischen Frühelementen ein besonderes Prunkstück. Auch der frühklassizistische Hochaltar aus dem Jahr 1787 besticht: Das Altarbild zeigt das Martyrium des Kirchenpatrons St. Kilian und seiner Gefährten Kolonat und Totnan. An der rechten Chorwand befindet sich das älteste Kunstwerk der Kirche: das Epitaph eines Grafen von Truhendingen und seiner Gemahlin aus dem 14. Jahrhundert.

Reinhold Söder freut sich auf das Jubiläumsfest. Mit seinem Pfarrgemeinderat, der Kirchenverwaltung und den Verbandsmitgliedern der örtlichen KAB marschiert er auch beim heutigen Kirchweihumzug mit. Dennoch bleibt der rührige Pfarrgemeinderatsvorsitzende nüchtern: "Das 600. Kirchweihjubiläum wird nicht den Impuls bringen, dass danach das Gotteshaus gestürmt wird..."