Stellen Sie sich dieses Szenario vor: Jeden Morgen bringt ein Postbote Wäschekörbe voller Briefe direkt zu Papst Franziskus. Der Heilige Vater wühlt sich durch die Schreiben und fischt tatsächlich den Umschlag mit dem Absender "Pfarrer Stefan Hartmann, Oberhaid" heraus. Die päpstliche Freude wird groß sein. Denn von diesem deutschen Pfarrer hat er schon viel in den Medien gehört und gelesen. Und von dessen 24-jähriger Tochter und dessen Leiden am Zölibat.

Schnitt. Die vatikanische Realität ist eine andere. Eifrige Männer der Kurie sortieren die Post, die Papst Franziskus zu sehen bekommt. Und selbst wenn der Brief aus Oberhaid die Schleusen passiert: Was geschieht dann? Pfarrer Hartmann ist jedenfalls zuversichtlich, dass sein Brief auch den Adressaten direkt erreicht.
Schließlich hat er dafür gesorgt, dass das "Gesuch um Dispens vom Zölibatsversprechen" auf seiner Facebook-Seite erscheint, was prompt die gewünschten Kreise in diversen Zeitungen und Radiosendern zieht. Daran dürfte auch der Vatikan nicht herum kommen.

2000 Hartmann-Freunde

Zumindest Hartmanns Facebook-Gemeinde mit fast 2000 "Freunden" ist von diesem Vorstoß so kurz vor dem "Barmherzigkeitssonntag" (27. April) begeistert. Einschlägige Kommentare lassen den katholischen Priester sozusagen hoch leben für diesen längst überfälligen Schritt, am überholten Zölibat zu rütteln. Übersehen wird dabei, dass der Weg mit Steinen wie gebrochene Versprechen und zerstörtes Vertrauen übersät ist.

Nachdem sich Pfarrer Hartmann im Januar in einer TV-Talkshow zu seiner Tochter Katharina bekannt und den Zölibat als "Anachronismus" bezeichnet hatte, der vielen Menschen und der Kirche schade, hatte ihm Generalvikar Georg Kestel ein Mahnschreiben geschickt. Im Volksmund wurde daraus ein "Maulkorb", weil sich Pfarrer Hartmann nicht mehr öffentlich zum Zölibat äußern sollte, um "Schaden und Verwirrung" von der kirchlichen Gemeinschaft abzuwenden.

Nach einem persönlichen Gespräch mit dem Generalvikar und weiteren Domherren hielt sich der Pfarrer zunächst daran. Eine Zusammenkunft mit Erzbischof Ludwig Schick folgte, über die Vertraulichkeit vereinbart wurde. Dennoch ließ Hartmann unter anderem auf seiner Facebook-Seite durchsickern, in welcher Atmosphäre dieser Austausch stattgefunden hat.

Der Erzbischof hält sich an die Vereinbarung, ist auch zu keiner weiteren Stellungnahme bereit, wie sein Pressesprecher Harry Luck gegenüber dieser Zeitung sagte. Die bischöfliche Position sei klar: "Die Zukunft des Zölibats wird nicht in Bamberg entschieden, sondern in der Weltkirche."

Für Pfarrer Hartmann sind das "Versteckspiele": "Was ich schreibe und rede, tue ich offen." Unabhängig von eigenem Interesse habe er begonnen, an der "Festung Pflichtzölibat" zu rütteln und werde es weiter tun, "vom Gewissen und Gebet geleitet".

Voreiliges Versprechen

In seinem Brief an Papst Franziskus schreibt der Priester, dies tue er "im Bewusstsein meiner Schwäche, meiner Fehler und in aller geschuldeten Demut, aber nach längerer Prüfung meines Gewissens und meiner persönlichen Situation". Das nach zweieinhalb Jahren Priesterseminar 1981 gegebene Versprechen zur Ehelosigkeit sei voreilig gewesen und entspreche nicht "der Konstitution meiner Person".

Hartmann betont in dem Schreiben, dass er zu der übrigen Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst stehe. Einen "Laisierungsantrag", wie ihn Erzbischof Schick vorgeschlagen habe, wolle er ausdrücklich nicht stellen, sondern im aktiven Dienst bleiben: "Ich fühle mich weiter berufen, katholischer Priester, Seelsorger und Theologe sein zu dürfen." Er verfolge auch aktuell keine Eheabsichten. Trotzdem sei seine Bitte drängend. "Es wäre ein großer Akt der Barmherzigkeit und Güte, wenn Sie mein Gesuch annehmen und mir so überhaupt ermöglichen, eine eheliche Partnerschaft einzugehen, in die auch meine Tochter familiär integriert werden könnte", schreibt Hartmann. Papst Franziskus mache ihm Hoffnung, dass das Kirchenoberhaupt "mit den Bischöfen der Weltkirche einen neuen Weg eröffnen könnte". Stefan Hartmann macht klar, dass er mit diesem öffentlichen Brief eine Bitte vortragen und keinen Druck ausüben wolle.


Überwiegende Überzeugung

Denn seiner Meinung nach stehe bereits die überwiegende Überzeugung des Volkes Gottes dahinter, dem der "Glaubenssinn" sage, dass der priesterliche Pflichtzölibat nicht mehr als der Wille des Herrn angesehen werden könne: "Es gibt keine theologische, dogmatische oder gar pastorale Rechtfertigung des Pflichtzölibats, zu dem ja bereits jetzt viele Ausnahmen existieren", so Hartmann. Er sieht derzeit in Rom dafür "offene Türen, an die man anklopfen sollte, und an die sicher noch viele weitere Mitbrüder anklopfen werden".

Der Pfarrer speist seine Hoffnung aus dem Evangelium: "Bittet, so wird euch gegeben werden; suchet, so wertet ihr finden, klopft an, und es wird euch geöffnet (Lukas 11,9)".