Preisfrage: Wer findet irgend etwas Positives an der Pandemie und den durch sie bedingten Restriktionen? Schwer zu beantworten, sehr schwer. Gerade die an Kunst im weitesten Sinn Interessierten sitzen auf dem Trockenen - keine Theatervorstellungen, keine Konzerte, keine Galerien. Das heißt: Eine Galerie in der Stadt hat geöffnet, und das durchaus konform mit den sogenannten Corona-Regeln. Pfiffig war die Idee des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK) und des Kunstvereins , das gemeinsam unterhaltene Büro in der Schützenstraße 4 als Ausstellungsraum zu nutzen - einen Ausstellungsraum, den man nicht betreten muss.

Denn durch die verglaste Front lassen sich die Werke drinnen bewundern oder auch nicht; sie erzeugen Wohlwollen oder Verstörung oder Ablehnung, wie die Wirkung von Kunst ja sein soll. Vierter in der von Sparkassenstiftung und Stadt unterstützten Reihe, die im Sommer vergangenen Jahres startete und in ziemlich genau einem Jahr enden soll, ist der BBK-Vorsitzende Gerhard Schlötzer , der Hans Doppel, Angelika Gigauri und dem Berganza-Preisträger Peter Schoppel folgt. Bis zum 1. März sind seine Zeichnungen mit Zeichen in der Bürogalerie zu sehen, und das unabhängig von irgendwelchen Öffnungszeiten; beleuchtet ist das Innere von 8 bis 22 Uhr.

Die Zeichen entdecken

"Zeichnen" erklärt sich schnell und leicht, betrachtet man Schlötzers meist quadratische Werke: Bleistiftstriche auf Papier, "die simpelste Technik überhaupt", so der BBK-Vorsitzende, der auch und vor allem als Fotograf wirkt. Und die Zeichen? Bei den meisten - soll, darf man sagen? - Bildern sind sie unter einem Geflecht sich überschneidender Linien und Kurven zu entdecken. Einfache (Groß-)Buchstaben des lateinischen Alphabets, die sich aus einigen wenigen Komponenten konstituieren: senkrechte und waagrechte Linien, auf- und absteigende Diagonalen, Kreiselemente. Überdeckt werden sie von einem auf den ersten Blick willkürlich gesetzten Wirrwarr eben dieser Elemente.

Willkürlich? Der Künstler lässt sich inspirieren, die Stifte unterschiedlicher Stärken führen von parallel zum Schaffensprozess gehörter Musik, vielleicht vergleichbar der Écriture automatique der Surrealisten. Er nennt das seinen "Input", die Anregung von außen, will das Ergebnis jedoch nicht als simple Visualisierung verstanden wissen, wie etwa die Protuberanzen eines Mediaplayers rhythmisch zucken. Schlötzer experimentiert mit unterschiedlichen Körperhaltungen, mit Gesten, wechselt auch die Musik. Die sei meist improvisiert, reiche von den wagemutigeren Aufnahmen Jimi Hendrix ' bis zu Free Jazz . Aber auch Bachs Goldberg-Variationen füttern das Künstlerhirn oder die Todesarie aus Wagners "Tristan und Isolde", "ertrinken, versinken, unbewusst höchste Lust!". Eine Zeichnung ohne Zeichen entstand unter dem Einfluss von viel Jazz , aber auch Trivialem wie einem Schmachtfetzen Paul Ankas oder einem Twist Chubby Checkers.

Das kann einen Tag dauern oder ein halbes Jahr. Es entstehen Gebilde, die den Betrachter Netze assoziieren lassen, Gespinste, Geäst oder Botanik. Wobei der Künstler nicht vorhat, ein bestimmtes Objekt zu schaffen. Ihn interessiert der Kompositionsprozess per se, der zunächst ganz unreglementiert sich entfalten kann, dann jedoch wie von selbst Einschränkungen unterliegt: "Der Freiheitsgrad nimmt ab." Modifikationen sind möglich auch durch Drehen der meist quadratischen mittelgroßen Formate. Benamst sind sie so lapidar wie die ganze Ausstellung: "von unten nach oben", "ein - aus", "Alphabet", nach der Todesarie oder etwas versöhnlicher nach einem Song der Beatles : "Let It Be".

Zur Ausstellung

"Zeichnen mit Zeichen" von Gerhard Schlötzer ist bis 1. März im Büro von BBK und Kunstverein , Schützenstraße 4, zu sehen. Innen beleuchtet von 8 bis 22 Uhr.