Tim (11) und Enrico (12) schnappen sich einen Atlas aus dem Regal im Klassenzimmer und hocken sich damit in den Vorraum. "Gebirge und Flüsse" haben die Buben in den vergangenen zwei Wochen gelernt. Nun sollen sie ihr Wissen testen: Wie heißt der Fluss, der durch Hamburg fließt? Welches Mittelgebirge befindet sich im Grenzgebiet zu Tschechien? Lehrer Stefan Döpfert hat diese und andere Aufgaben vorgegeben. Tim und Enrico blättern Landkarten auf: konzentriert und mit sichtlicher Freude. "Man darf hier im Unterricht aufstehen, herumlaufen und sich Hilfe holen", strahlen die Jungs. Es sei nicht so anstrengend wie in der Regelschule. Und vor allen Dingen: "Es gibt keine Noten."

Dieses Schulparadies ist die Montessori-Schule Bamberg mit ihren Standorten am Jakobsplatz und in der Hartmannstraße, eine staatlich genehmigte Grundschule sowie eine Sekundarstufe in privater Trägerschaft. 134 Kinder aus Stadt und Landkreis Bamberg besuchen diese Schule, unterrichtet von sechs Klassenlehrern, sechs pädagogischen Fachkräften und Fachlehrern für Musik, Werken, Sport und Religion.

"Unsere Schüler kommen nicht nur aus bestimmten sozialen Schichten, unsere Schule ist keine nur für höhere, jeder kann sie sich leisten", betont Direktorin Friederike Scholl. So könne die einmalige Aufnahmegebühr von 1500 Euro auch in Raten gezahlt werden. Das monatliche Schulgeld betrage 144 Euro.

Diese Summen würden Eltern gern zahlen, die für ihre Kinder eine "andere Schulart und andere Pädagogen suchen", erklärt die Direktorin. "Kinder sollen mit Freude und ohne Leistungsdruck lernen", macht Scholl klar. Wenngleich es natürlich in der Montessori-Schule auch "Tests und Selbstkontrolle" gebe. Die Schüler müssten ein Dokumentationsbuch führen, in das sie ihre Tätigkeiten und Hausaufgaben eintragen. Und lernen - etwa Vokabeln - würden die Buben und Mädchen genauso wie in der Regelschule.

Selbstverständlich gebe es auch Zeugnisse: "Der Wissensstand der Kinder wird bewertet, aber eben ohne Ziffernoten, sondern in einem 16-seitigen Dokument für jeden Schüler". Darin werde zum Beispiel das Arbeitsverhalten, aber auch Sozialkompetenz wie das Respektieren von Grenzen anderer Kinder oder Hilfsbereitschaft beurteilt. Mögliche Störungen in der Entwicklung werden ebenfalls festgehalten - gemäß des Montessori-Grundsatzes: "Folge dem Kind, achte auf die Zeichen, die dir seinen Weg zeigen."

Dass sich die Montessori-Schule deutlich von der herkömmlichen unterscheidet, wird schon in den Klassenzimmern deutlich: keine Tafel, keine Sitzblöcke, sondern eine kindgerechte Umgebung mit Möbeln, die den Proportionen der Kleinen angepasst sind. Ungewöhnlich erscheinen die vielen Regale in Augenhöhe der Kinder: Darin lagern die Lehrmittel, bei Montessori Material genannt, das die Schüler frei entnehmen können: je nach Entwicklungsstand und augenblicklichem Interesse.

Der 12-jährige Piak etwa greift nach der "Wahrscheinlichkeitsbox", um Rechenaufgaben mit Hilfe einer Farbscheibe zu lösen. Dafür hockt er sich auf den roten Teppich und breitet das Material aus. "Das macht Spaß!", grinst Piak breit. Weiß er doch, dass gleich zwei Lehrer bereit stehen, wenn er allein nicht weiter kommt. So bewährt sich ein weiterer Grundsatz der Montessori-Pädagogik: "Hilf mir, es selbst zu tun."

Die Freiarbeit wird durch gebundenen Unterricht in bestimmten Fächern ergänzt. Die Lehrkräfte haben allesamt eine zusätzliche Ausbildung absolviert, für die nach einer Prüfung ein Montessori-Diplom erstellt wird. "Nicht nur unsere Schüler, auch wir sind hoch motiviert", erklärt Klassenlehrerin Bettina Schindler für ihre Kollegen. Das mache sich bezahlt, denn "unsere Schüler sind sehr erfolgreich und bestehen die Prüfungen, die sie an öffentlichen Schulen ablegen", ergänzt Direktorin Scholl.

Sie führt diesen Erfolg nicht zuletzt darauf zurück, weil sich die Montessori-Schule nach der Entwicklung des Kindes richtet und auf dessen eigene Kräfte vertraut. Und weil "Kinder etwas leisten wollen, wenn man ihnen viel an Anregungen bietet und sie selbständig arbeiten lässt". Friederike Scholl sagt es noch anders: "Jedes Kind bekommt die geistige Nahrung, die es verkraften kann und noch einen Tick mehr." Die individuelle Förderung je nach Begabung habe die Begründerin der Montessori-Pädagogik, die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952), einmal so ausgedrückt: "Aus einer Tulpenzwiebel wird keine Rose."

Die Schuldirektorin, die zehn Jahre lang an der Montessori-Fachoberschule in Würzburg Erfahrungen mit einer höheren Schulform gesammelt hat, hegt Pläne für ihre Bamberger Schule. Friederike Scholl möchte die Schüler künftig zum Fachabitur und Abitur führen, auch "wenn das Abitur allein nicht selig macht", wie sie sagt. Für die geplante Sekundarstufe II. braucht es aber Platz. Und so sucht die Direktorin nach einem geeigneten Gebäude in Bamberg, in dem alle Jahrgänge von der Grundschule bis zur Oberstufe zusammen untergebracht werden können.

Die Montessori-Schule Bamberg lädt ein zum Tag der offenen Schule am Samstag, 18. Januar, von 9 bis 14 Uhr, am Jakobsplatz 9. Schüler können bei der Freiarbeit beobachtet werden, und es gibt Informationen zur Schulanmeldung für die Primarstufe (Klasse 1) und für die Sekundarstufe (Klasse 5-7).