Es wäre der schlimmste aller anzunehmenden Fälle, eine Art energiepolitischer Super-Gau. Und er könnte schneller eintreten, als den für die Stromversorgung Verantwortlichen lieb sein kann. Dann nämlich, wenn im für die Grundlast wichtigen Kraftwerk Grafenrheinfeld der Leistungsbetrieb endet, ohne dass Ersatz geliefert werden könnte.

Weil die hierfür nötigen Leitungen aus dem Norden Deutschlands noch nicht zur Verfügung stehen. Genau dann, also bereits im kommenden Jahr, könnte die Nachfrage nach Strom das Angebot übersteigen, die Stabilität des Stromnetzes gefährdet sein. Meint zumindest Götz-Ulrich Luttenberger, Vorsitzender der Landesgruppe Bayern im Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Bei einem Pressetermin anlässlich eines Vorstandstreffens der VKU-Verantwortlichen wurde deutlich, dass man sich um die Energieversorgung insbesondere in Franken Gedanken machen muss.
Weil regenerative Energiequellen wie Sonne und Wind einfach nicht grundlastfähig sind.

Energiewirtschaftsgesetz

Im ungünstigsten Fall könnte zur Vermeidung eines Zusammenbruchs der Stromversorgung zeitweise Strom abgeschaltet werden. Zuallererst in der Industrie, bei Bosch, Brose oder Schaeffler beispielsweise. Der normale Haushaltskunde wäre von einer solchen Maßnahme zunächst nicht betroffen, hieß es weiter. Das Energiewirtschaftsgesetz und die "Verordnung über Vereinbarungen zu abschaltbaren Lasten" sehe diese Möglichkeit der zeitweisen Abschaltung vor, so der bundesweit zuständige VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck. Aber: "Volkswirtschaftlich können wir uns das gar nicht leisten. Wir würden den Industriestandort Deutschland gefährden." Weshalb Bayern endlich den im Koalitionsvertrag eingegangenen Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Energiewende nachkommen sollte. Grundsätzlich, so Klaus Rubach, Chef der Bamberger Stadtwerke, müssten Verbraucherschwerpunkte und Erzeugerschwerpunkte zusammengeführt werden. Nur so lasse sich auf Dauer Versorgungssicherheit herstellen. Ein Plädoyer für die Stromtrassen aus dem Norden.

Zentrale und dezentrale Lösungen

Im Übrigen setzen die VKU-Verantwortlichen im Zusammenhang mit der Energiewende auf einen Verbund zentraler und dezentraler Lösungen. Dazu gehöre als ergänzendes Angebot die Kraft-Wärme-Kopplung ebenso wie ein zügiger Ausbau der Versorgungsnetze.

Im bayerischen Wirtschaftsministerium nimmt man die Sorgen der kommunalen Unternehmen durchaus ernst. Eine Sprecherin des Ministeriums erklärte, man habe aus diesem Grund die Bundesnetzagentur erst vor Kurzem um eine neue Risikoanalyse gebeten. Auch ein "Worst-Case-Szenario" habe ergeben, dass es bei der Stromversorgung in Franken keine Probleme geben dürfte. Um alle Eventualitäten auszuschließen, wolle man dennoch am Bau von Gaskraftwerken als Ersatzanlagen festhalten, um in jedem Fall gerüstet zu sein. Wer die bauen soll, ist allerdings noch offen.

Inzwischen gehen die Planungen für den Trassenbau von Nord nach Süd weiter. So mussten sich die Bürgermeister der Region in Bad Kissingen gestern in nichtöffentlicher Sitzung mit der Trassenplanung von Tennet auseinandersetzen. Eine Trasse, die die Politiker vor Ort nicht wollen, weil sie der Bürger nicht will. Die für die Stromversorgung Verantwortlichen halten sie für dringend nötig.

Kommentar von Klaus Angerstein. "Die Angst vor unbequemen Wahrheiten"

tomkraft? Um Gottes Willen, nein. Windräder? Überall, nur nicht bei uns. Stromtrassen? Kommt gar nicht infrage. Alles Dinge, die man angeblich nicht braucht, weil in den Köpfen vieler Umweltbewegter die Gedanken um den Traum von der Energieautarkie schweben. Endlich weg von den großen Konzernen, das eigenes Haus mit eigener Energie versorgen, per Photovoltaik oder per Windrad im Garten. Mit Energiewende hat das nur zum Teil zu tun. Der energiepolitische Rückzug auf die eigenen vier Wände steht vor allem für eine auf Entsolidarisierung angelegte Denkweise. Eigenversorgung ja, um den Rest sollen sich andere kümmern. Stromtrassen vor der Haustür, das geht gar nicht. Bestärkt fühlen dürfen sich die Protagonisten einer solchen Denke durch Politiker wie Horst Seehofer. Der überschlägt sich geradezu, wenn es gilt, dem Zeitgeist Reverenz zu erweisen. Früher haben Politiker einmal agiert, haben nicht jedem Eigeninteresse zu entsprechen versucht, hatten das Gemeinwohl im Auge, gaben eine entsprechende politische Richtung vor. Die Energiewende, die wir alle wollen, ist eine solche politische Richtung - ein solches Ziel. Doch wer übernimmt Verantwortung? Wo ist der Politiker, der sich einmal öffentlich zu erklären traut, dass es für den Ausstieg aus der Kernenergie Alternativen braucht? Dass man beim Umbau unserer Energieversorgung auch die eine oder andere Kröte schlucken muss. Wer sagt endlich einmal in aller Deutlichkeit, dass es als Ersatz für das Abschalten des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld mehr braucht als ein paar Solarzellen auf dem Dach oder ein paar Windräder? Soll die Energiewende gelingen, brauchen wir Politiker mit Mut - auch für unbequeme Wahrheiten.