Mit Cola. Und dem "Kollektiv": Alle Menschen, mit denen Uwe Lübbermann zu tun hat, sollen zufrieden sein. Da wird schon mal ein Getränkehändler aus der Lieferkette geworfen, weil er einen Flaschensortierer schlecht bezahlt hat. Und Lieferanten dürfen nur mitmachen, wenn sich keiner über fehlende soziale Mindeststandards beklagt. "Wir haben eine arschlochfreie Kette geschaffen", sagt der 35-Jährige - und grinst.

So vielen "Arschlöchern" ist er selbst aber noch gar nicht begegnet: "Ich komme zwar aus einer sozial schwachen Schicht, aber ich habe keine Geschichte als geprügelter Paketfahrer oder so".

Er saß nur eines Tages in der Badewanne und ärgerte sich, dass seine Afri-Cola plötzlich anders schmeckte. Ein großer Konzern hatte die Marke gekauft und heimlich die Rezeptur geändert.

Keine Beschwerde half und so machte Lübbermann einen ehemaligen Afri-Cola-Produzenten ausfindig, änderte eine Zutat - und vertreibt seitdem seine eigene Cola: Ökologisch und ökonomisch gerecht soll sie sein - "Markenkern" nennt Marketing-Experte Björn Ivans von der Uni Bamberg das. Auf dem Getränkemarkt sei das eine "ganz neue" - und damit gute Idee.
Uwe Lübbermann will davon nichts wissen. Er will ein anderes Wirtschaftssystem. Stundenlang erklärt der gelernte Werbekaufmann aus Hamburg seine Idee - währenddessen entsteht auf einem Stück Papier ein Netz aus lauter glücklichen Menschen: Abfüller, Lieferwagenfahrer, Getränkehändler, Gastronomen, Konsumenten. Am Ende sagt er: "Ich lebe davon, dass ich ein System steuere, in dem alle nett zueinander sind - ist das nicht unfassbar geil!"
Doch die Metapher vom Steuermann hinkt - denn bei Premium lenkt das Schiff mit: Zwischen 50 und 150 Mitglieder hat es - je nach Thema - und wird "Kollektiv" genannt.

Die Mitglieder entscheiden per E-Mail - über Rauswürfe genauso wie über die Frage, ob Premium ein teures Bio-Siegel braucht. Erst wenn keiner mehr widerspricht, wird gehandelt. Mehr als 100 Emails kommen so pro Woche zusammen - die Welt verbessern, ist zeitaufwändig.

Wirtschaft wie von Zauberhand

Zur Kette gehört seit kurzem auch ein Café in Bamberg. "Wie viele Flaschen Premium habt ihr schon verkauft?", fragt Lübbermann die Bedienung. "Nicht viele, die geht noch nicht so gut." Typisch, findet der Unternehmer: "Die Leute glauben, dass Wirtschaft wie von Zauberhand funktioniert." Dabei muss jeder mithelfen, um etwas zu verändern - die Welt verbessern, ist Teamarbeit.
Gemeinsam hat das Kollektiv dem System den Kampf angesagt - und anders als viele Weltverbesserer haben sie Erfolg: Seit zehn Jahren ist die Cola schon auf dem Markt, mehr als eine Million Flaschen werden die Mitglieder in diesem Jahr verkaufen.

Damit hat Premium zwar nur einen Promillebereich des Getränkemarktes erobert - aber ganz nebenher bewiesen, dass die gängigen Annahmen über das Funktionieren der Wirtschaft nicht ausnahmslos gelten: Die Gewinne müssen nicht maximiert, die Kosten nicht minimiert werden.

Sie müssen nur gedeckt sein. Deshalb bekommt jeder pro Flasche einen festgelegten Betrag. Lübbermann bekommt vier Cent - egal, ob er seine Partner übers Ohr haut oder nicht. Also kann er es lassen.
Nur die anderen lassen es nicht, fordern zu viel Preisnachlass, blockieren Entscheidungen mit schlechten Argumenten, bringen zu wenig Leistung. Auch dann erhebt Lübbermann seine E-Mail-Stimme nicht - "die machen es ja bestimmt nicht mit Absicht". Und ist dann froh, wenn es jemand anders tut: "Es nervt mich manchmal schon kolossal, dass ich so nett bin." Denn dann werden Kunden unzufrieden. Und Lübbermann richtig wütend - schließlich geht es um die Ehre. "Das muss funktionieren, sonst haben wir nichts bewiesen, sonst hatten wir nur eine Fantasie." Der Kapitalismus hätte gewonnen.

Bei Scheitern kein Plan B

Das wäre die Stunde Null des Uwe Lübbermann. Für das Scheitern von Premium hat er keinen Plan B. Deshalb ist er Tag und Nacht unterwegs, fährt von Hamburg nach Bamberg und gleich wieder zurück, hält Vorträge, diskutiert - die Welt verbessern ist anstrengend.

Und doch hat er nicht alle Fäden in der Hand: Auch die gerechteste Cola hilft nur dann, wenn sie jemand trinkt.

Immerhin rund 27 Prozent der Bevölkerung gehören zur Zielgruppe, schätzt Günther Guder, Vorstand des Bundesverbandes des Deutschen Getränkefachgroßhandels: Menschen, die Wert auf eine gesunde und nachhaltige Lebensweise legen. Von denen lebt Premium - auch wenn Lübbermann seinen Wirkungskreis weiter fasst:

"Wenn ich den Kapitalismus ändern will, muss ich ihn von innen hacken", sagt er - und ihn dann "reparieren".

Das geht nicht nur mit Cola. Seit 2008 gibt es Premium-Bier, seit neuestem Premium-Kaffee - aber Lübbermann will noch mehr: Als nächstes will er die Immobilienbranche umkrempeln.
Doch so einfach wie bei der Cola wird das nicht. Sagt zumindest Björn Asdecker, Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Bamberg: "Diese Freiheiten hat Uwe Lübbermann nur, weil er nicht fremdfinanziert ist." Und so viel, dass er davon ein Maklerbüro aufmachen könnte, wirft Premium nicht ab. Aber auch davon will der Premium-Chef nichts wissen: "Wer braucht schon ein Büro! Es wird mir eine Ehre sein, Björn das Gegenteil zu beweisen."

Mehr im Netz: