Zum Auftakt unserer Reihe der Sommerinterviews haben wir uns mit Memmelsdorfs Bürgermeister Gerd Schneider (parteilos) getroffen.

Haben Sie sich inzwischen eingelebt in ihr neues Amt? Und vor allem, wie schwer ist Ihnen die Umgewöhnung gefallen, von einem "normalen" Beruf an die Spitze der zweitgrößten Gemeinde im Landkreis Bamberg zu wechseln?
Gerd Schneider: Ich habe mich sehr gut eingelebt, da ich ein offener, ein optimistischer und konstruktiver Mensch bin. Insofern gehe ich auch mit neugierigen Augen jeden Tag ins Rathaus. Dort erwarten mich viele spannende Aufgaben: morgens Straßenneubau, mittags Gasanschlüsse, nachmittags Breitbandentwicklung und abends kirchliche Themen. Sehr dankbar bin ich auch über ein offenes, gutes und menschlich tolles Team, mit dem ich gestalten kann.

Gewöhnen hingegen musste ich mich zuerst allerdings an die strengeren Regularien, denen eine Verwaltung unterworfen ist und die man in der freien Wirtschaft so nicht kennt. Die Freiheit in der Wirtschaft ist eine andere als die Gebundenheit in der Verwaltung. Der Rahmen ist in der Verwaltung deutlich enger gesteckt. Ich bin hier an Gemeinderatsbeschlüsse, Haushaltsvorgaben, sowie an Bund-, Land- oder Kreisregularien gebunden. Daher gilt es jetzt für mich, in engeren Rahmen nach mehr Möglichkeiten zu suchen.

Sie sind bei der "Erklimmung" Ihres Amtssessels nicht den klassischen Weg gegangen, sind nicht in Memmelsdorf geboren und waren hier nicht im Gemeinderat, sondern sind sozusagen von null auf hundert gekommen. Sehen Sie darin einen Nach- oder Vorteil?
Ich bin mit einem ganz freien, neugierigen Blick nach Memmelsdorf gekommen und habe alle Dinge hier erst einmal so angenommen, wie sie sind. Bei mir gab es diesbezüglich keine Vorprägung, keine Vorbeurteilung, aber auch keine Vorverurteilung. Ich sehe darin, dass ich als Außenstehender kam, einen Vorteil. Ich glaube auch, dass, wenn man von außen kommt, man eher etwas unbedarfter ist und man viel aufgeschlossener neuen Möglichkeiten gegenüber ist.

Sie haben sicherlich in Memmelsdorf ein gutes Erbe angetreten. Viele Projekte sind abgeschlossen und die Gemeinde steht gut da. Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Mit der Klima- und Energiepolitik haben wir ein ganz wichtiges Thema angeschoben. In diesem Zusammenhang haben wir uns auch für eine neue Energienutzungsstudie entschieden. Mit dieser werden wir bis zum April 2015 erstmals die gesamte Breite der energetischen Möglichkeiten der gesamten Gemeinde Memmelsdorf aufzeigen. In der Vergangenheit wurden zwar Angebote wie Photovoltaik, Windkraft und Blockheizkraftwerk abgelehnt. Künftig und mit dem Wissen von heute können wir uns mehr Energienutzungsmöglichkeiten vorstellen. Weitere Herausforderungen sehe ich aktuell im Breitbandausbau für alle Ortsteile, in den Ortskernsanierungen und bei der Wohn- und Gewerbeentwicklung.

Memmelsdorf ist leider sehr begrenzt in Sachen Bauplatzangebot. Gleichzeitig besteht eine sehr hohe Nachfrage nach Grundstücken. Hier müssen wir zwingend neue Baulandflächen entwickeln, bestehende Lücken ausweisen und dabei darauf achten, dass wir als Gemeinde wenigstens 40 Prozent Zugriff behalten, um diese Grundstücke über das Einheimischenmodell selbst vermarkten zu können. In der Vergangenheit sind eine Menge Grundstücke in der Hand von privaten Nutzern geblieben, die weder bebaut wurden noch auf den Markt kamen. Dies hat zu extrem hohen Baulandpreisen in Memmelsdorf geführt. Eine weitere große Herausforderung sehe ich letztlich auch in der geringen Gewerbeansiedlung. Wir haben bisher leider kaum Gewerbegebiete. Und die wenigen, die wir haben, sind dazu noch unverhältnismäßig hochpreisig im Vergleich zu anderen Gemeinden.

Das Thema Windkraftanlagen ist derzeit in vielen Gemeinden der "Aufreger" schlechthin. Wie steht Memmelsdorf zu diesem Thema?
Die Memmelsdorfer Bevölkerung hat sich in der Vergangenheit - auch bedingt durch die Nähe von Merkendorf zu den Windkrafträdern - energisch dagegen ausgesprochen. Somit hat der Gemeinderat bisher stets beschlossen, den Ausbau von Windkrafträdern gar nicht zu unterstützen. Ich kann mir aber vorstellen, im Rahmen eines neuen Energienutzungkonzeptes ab 2015 sowohl über Wasserkraft, Solarthermie, Geothermie als auch über kleinere Windkrafträder, die weit genug weg sind von der Wohnbebauung, nachzudenken. Ich möchte die Diskussion hierzu jedenfalls öffnen. Ich selbst bin in Bezug auf den Klimaschutz pro Windkraft. Die Frage ist nur, wie groß sind diese Windräder und wo stehen sie. Und ich könnte mir auch Genossenschaftsmodelle vorstellen, bei denen der erzeugte Strom aus Windrädern direkt einem Ortsteil oder allen Memmelsdorfer Bürgern zufließt.

Ein Thema, das alle Gemeinden und Städte trifft, ist der demografische Wandel. Wie ist hier die Gemeinde aufgestellt?
Der demografische Wandel ist längst in Memmelsdorf angekommen. Wir bieten deswegen ein kostenloses Rufbusangebot an, um unseren Senioren das Einkaufen zu erleichtern. Wir haben zudem mit "Mittendrin" in ein Mehrgenerationenhaus mit Bürgerbüro investiert, in welchem ab Oktober 2014 die Anliegen von Jugendlichen, Familien und Senioren gebündelt und koordiniert werden. Ich werde mir auch noch anschauen, was im Bereich der betreuten Pflege nötig und möglich ist. Wir haben bereits sehr gute Pflegeeinrichtungen, werden künftig aber sicherlich noch ein paar mehr brauchen. Und ich kann mir vorstellen, dass wir auch über ganz neue Pflegekonzepte wie zum Beispiel über ein Demenzzentrum in Memmelsdorf nachdenken. Künftig werden wir ferner auch mehr über eine ausreichende ärztliche Versorgung vor Ort, öffentliche Busanbindungen und wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten sprechen müssen.

Infrastrukturen für seniorenge-rechtes Wohnen zu schaffen, ist eine Aufgabe. Aber es muss Memmelsdorf auch gelingen, junge Familien zu halten bzw. anzusiedeln. Welche Maßnahmen ergreifen Sie hierbei?
Wir haben bei uns eine ganz hervorragende Kinderbetreuung in allen Gemeindeteilen. In der Vergangenheit ist sehr viel Geld in Kindergärten und neue Kindertagesstätten geflossen. Im Bereich unseres Schulangebots sind wir sehr gut aufgestellt und die Kinder- und Jugendarbeit ist mit Iso-Jam in Top-Händen. Damit haben wir ideale Voraussetzungen für junge Familien geschaffen.
Was allerdings noch nicht ausreicht, ist das Thema Baulandversorgung. Wie bereits erwähnt gibt es zwar Bauplätze, diese werden aber fast nicht gehandelt, sondern zu lange behalten. Daher wird es mein Bestreben sein, möglichst viel neues Bauland für junge Familien und unser Einheimischenmodell weiter zu entwickeln.

Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft. Wie soll nach Ihren Visionen Memmelsdorf im Jahre 2020 ausschauen?
In sechs Jahren steht auf alle Fälle eine neue Energiepolitik. In sechs Jahren steht neben der aktuellen Dorfkernerneuerung in Kremmeldorf auch in anderen Gemeindeteilen das Thema Ortskernsanierung an. Bis dahin wollen wir mehr Gebewerbe- und Wohngebiete ausgewiesen und ein neues Feuerwehrgebäude in Memmelsdorf stehen haben. Mein Motto für das Jahr 2020 heißt: Die moderne Zukunftsgemeinde Memmelsdorf bietet eine Vielfalt, wie sie sonst keine andere Gemeinde vorweisen kann. Wir wollen Vielfalt in der Meinungsbildung, eine Vielfalt neuer Baumöglichkeiten, Vielfalt bei den Energieformen sowie eine Vielfalt neuer Einkaufsmöglichkeiten.

Das Gespräch führte
Harald Rieger