Der Kirchenhistoriker und Theologe Norbert Jung vertuschte und beschönigte nichts: "An der heftigsten Hexenverfolgungswelle in der Geschichte des Hochstifts Bamberg waren Männer der Kirche politisch und moralisch verantwortlich", gab der Domkapitular unumwunden zu. Allerdings als "Privatperson" und "ohne Mandat, im Namen der Kirche oder der Bistumsleitung aufzutreten".

Gleichwohl begegnete Jung dem häufig gehörten Vorwurf, die katholische Kirche tue sich schwer mit der Erinnerung an diesen Teil ihrer Vergangenheit: "Das Erzbistum hat im Rahmen einer an Gott gerichteten Vergebungsbitte anlässlich eines Bußgottesdienstes im Jahr des Bistumsjubiläums 2007 ausdrücklich an die Opfer der Hexenverfolgung erinnert", gab der Domkapitular zu bedenken. Und außerdem hätte jeder, der sich für das Thema interessiert, schon seit fast 200 Jahren die Gelegenheit, auf Veröffentlichungen zurückzugreifen, die teilweise auch von Geistlichen verfasst worden seien.

Gebannt folgte die Zuhörerschar im überfüllten Saal der Staatsbibliothek in der Neuen Residenz den Ausführungen Jungs. "Die Bamberger Hexenverfolgungen in theologiegeschichtlicher Perspektive" lautete sein Thema. Mit Namen, Jahreszahlen und Fakten gespickt zeichnete der Referent ein düsteres Bild einer vergangenen Zeit. Einer Zeit, in der sowohl im einfachen Volk wie in der Führungselite der Glaube an Dämonen, Hexen und Teufelspakt weit verbreitet war. Die theoretischen Grundlagen für den Hexenwahn lieferten Theologen wie Augustinus, Isidor von Sevilla, Hrabanus Maurus, Johannes Gratian, Albertus Magnus oder Thomas von Aquin, im 15. Jahrhundert entfaltet im sogenannten "Hexenhammer". "Moralisch mitschuldig an den Hexenprozessen im Deutschen Reich" sei das Papsttum durch die Hexenbulle "Summis desiderantes (5. Dezember 1484)", auch wenn darin nicht die Verbrennung von angeblichen Hexen gefordert werde, sondern lediglich von "Zurechtweisung, Inhaftierung und Bestrafung" die Rede sei.

Norbert Jung wies darauf hin, dass dieser Text von Papst Innocenz VIII. im Vorspann des weit verbreiteten "Hexenhammers" publiziert wurde. So hätten sich die Befürworter der Verfolgung vermeintlicher Hexen auf dieses offizielle Dokument stützen können. Die Autoren des "Hexenhammers", Jakob Sprenger und Heinrich Institoris, hätten das Ziel verfolgt, die Effektivität der Ausrottung von "Hexen" zu steigern. Domkapitular Jung: "Der wahnhaft irrationale religiöse Volksglaube wurde auf diese Weise regelrecht geschürt."

Der Referent warf Schlaglichter auf die "Klimax der Verfolgung" in den Jahren 1626 bis 1630, die offenbar durch außergewöhnliche Witterungsereignisse mit Ernteausfällen und Hungersnot als Folgen sowie durch die Wirren des 30-jährigen Krieges ausgelöst worden seien. "Hexen galten als Wettermacher", wusste Norbert Jung. Er nannte namentlich die "Generation der Fürstbischöfe jener Jahre der Gegenreformation", die die Hexenverfolgung gefördert hätte. Darunter der berüchtigte Bamberger "Hexenbrenner" Johann Georg von Dornheim".
Auch eine ausführliche Schilderung des eigentlichen bösen Geistes der Bamberger Hexenverfolgungen fehlte nicht in Jungs Vortrag: Domprediger und Weihbischof Friedrich Förner sei zwar nicht in die juristischen Prozesse eingebunden gewesen, "doch er trug wohl entscheidend zur Aufheizung des geistigen Klimas im Hochstift bei". Der Referent brachte Auszüge aus Förners Predigten, die diesen als besessenen Fanatiker auswiesen. "Als Meinungsführer ist Förner sicher eine besondere Verantwortung zuzuschreiben", wenn er auch mit seiner Meinung "nicht allein stand", betonte Jung.

Stellvertretend für die Kirchenmänner, die an der Sinnhaftigkeit des Hexenglaubens zweifelten "und die es auch in Bamberg gegeben hat", verwies der Referent auf den Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld. Dieser habe mit seinem Werk "Cautio criminalis" die Praxis der Hexenprozesse mit juristischen Argumenten in Frage gestellt. Und klar gemacht, dass "erst die Folter die Hexen macht".

Zu guter Letzt räumte Domkapitular Jung mit Mythen und Legenden auf, die sich rund um Hexen und Kirche gebildet haben. "Es stimmt nicht, dass die Kirche im Mittelalter Hexen verbrannt hat, erst recht nicht in Bamberg." Die Hexenverfolgung sei hauptsächlich ein Phänomen der Frühen Neuzeit. Oder es sei nicht darum gegangen "weise Frauen, Hebammen oder Kenntnisse in der Geburtenregelung zu verfolgen" oder um eine "von Priesterinnen geführte Hexenkirche, die von Männern verfolgt wurde, die um ihre Macht fürchteten". Jung verwies diese Ansichten in die Diskussionen der Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere der 68er Generation.

Die Institutionen von Kirche und Staat seien nicht allein für die Hexenverfolgung verantwortlich, bilanzierte der Redner. Vielmehr handle es sich um ein Zusammenspiel vielfältiger Faktoren, darunter auch Wetterverhältnisse und Druck aus einfachen Bevölkerungsschichten. So entließ Norbert Jung seine Zuhörer mit einem bedenkenswerten Zitat von George Bernhard Shaw: "Solange wir nicht das Gefühl haben, dass wir ein Todesurteil hätten fällen können, wären wir unter den Hexenrichtern gewesen, solange haben wir keine Ahnung von der Zeit und ihren Menschen."

Einen solchen Einblick in die Zeit gewährt die Ausstellung über die "Bamberger Hexenprozessakten", die der Direktor der Staatsbibliothek, Werner Taegert, eröffnete. Der "wichtigste Quellenbestand zur Geschichte der Hexenprozesse", so Taegert, liege in der Staatsbibliothek und diene der "seriösen Forschung".

Die Ausstellung belegt beispielhaft die Prozesse um die Familie des Kanzlers Georg Haan, um Bürgermeister Johannes Junius und die schwangere Dorothea Flock. Die hervorragende Beschriftung aller Exponate wie etwa typische Verhörprotokolle, Speiselisten für Gefangene des Bamberger Hexenhauses oder Gnadenzettel machen es leicht, in die dunkle Vergangenheit abzutauchen. Lokale bis internationale Forschungsliteratur sowie literarische Verarbeitungen des Hexenthemas vervollständigen die sehenswerte Präsentation.