Alle kulturpessimistischen Klagen über einen allgemeinen Werteverfall würden der Gesellschaft nicht weiter helfen. Wichtiger sei, die alten Traditionen und die Botschaften der jüdisch-christlichen Ethik neu zu interpretieren, Dann werde man erkennen, dass viele der vermeintlich negativen Veränderungen ihre positiven Seiten hätten. Das ist das Fazit einer Rede, die der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm heute in Bamberg hielt. Der Theologie-Professor kehrte als Festredner beim Neujahrsempfang der Stadt Bamberg zurück an die Regnitz, wo er vor seiner Ernennung zum Bischof mehrere Jahre an der Universität gelehrt hat.

Vor rund 2000 geladenen Gästen, die sich im Hegelsaal und den Foyers der Bamberger Konzert- und Kongresshalle drängten, befasste sich Bedford-Strohm mit den oft zu hörenden Klagen über vermeintlich negative gesellschaftliche Entwicklungen. Er fasste sie in Schlagworte wie die zunehmende Vereinzelung der Menschen, wachsende Scheidungszahlen, eine angeblich ungezogene Jugend, eine um sich greifende Parteienverdrossenheit, steigende Austrittszahlen bei den christlichen Kirchen, Desinteresse am aufopfernden Ehrenamt. Das seien durchaus Phänomene, die Anlass gäben, sich damit auseinander zu setzen. Werbeslogans wie "Unterm Strich zähl' ich" und "Geiz ist geil" würden die beklagten Untugenden noch proklamieren. Bedford-Strohm sagte, er würde sich gerne einmal mit den Werbetextern unterhalten, die sich solche Sprüche einfallen lassen.

Ausschließlich negativ sieht der Landesbischof die skizzierten Entwicklungen jedoch nicht. Er kann jedem dieser Phänomene auch positive Seiten abgewinnen.
Zum Beispiel den Scheidungszahlen. Wenn Beziehungen kaputt gehen, sei das schmerzlich und schlimm. Aber die Ehe sei heute eben nicht mehr die auf wirtschaftliche Abhängigkeiten gegründete Zweckgemeinschaft wie im 19. Jahrhundert, sondern ein Bündnis, das zwei Menschen aus Liebe und aus freien Stücken eingehen. Sie hätten die Freiheit, sich zu binden. "Das ist eine Errungenschaft, kein Verlust."

Etliche Beispiele für Freiheiten und damit positive Entwicklungen in der modernen Gesellschaft zählte der Redner noch auf: die Freiheitsgewinne der Frauen, die ihr Leben selbst bestimmen könnten; die Freiheit der Berufswahl; die Freiheit, sich für oder gegen eine Religion zu entscheiden; die Freiheiten der Kommunikation. Das seien Gesichtspunkte, die nicht vergessen werden dürften, "wenn wir die moderne Gesellschaft diagnostizieren".

Bei den Zuhörerinnen und Zuhörern kam seine Rede gut an. Wen man nach dem offiziellen Teil auch hörte - durchweg wurde Bedford-Strohms Ansprache als wohltuend zuversichtlich und, was viele ausdrücklich anmerkten, allgemein verständlich bewertet.

Vor dem Festredner hatte Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) die Gäste begrüßt. Auch er verbreitete Optimismus: "Bamberg geht's gut!"
Sieben Wochen vor der OB-Wahl und 96 Tage vor der Eröffnung der Landesgartenschau zog er ein rundum positives Fazit, auch für kommende Generationen. Die Landesgartenschau habe viel möglich gemacht, von der Anlage eines neuen Weinbergs bis zur Wiederentdeckung der Gärtnertraditionen. Die Schul- und Lernbedingungen seien "hervorragend" und im jüngsten Lernatlas der Bertelsmann-Stiftung habe Bamberg unter allen deutschen Städten mit unter 100 000 Einwohnern Platz eins belegt. Die finanzielle Konsolidierung der Stadt schreite voran: Die städtischen Schulden hätten sich seit 2006 von 37 Millionen auf 31,6 Millionen Euro verringert.

Für Weltuntergangsstimmung sieht Starke auch beim Blick auf den Maya-Kalender keinen Grund. Dort wird das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorgesagt. Bamberg könne dem getrost entgegen sehen, scherzte der Oberbürgermeister, weil in Bamberg bekanntlich "alles zehn Jahre länger dauert". Deshalb hat man im Rathaus schon den Neujahrsempfang 2013 auf den 19. Januar terminiert: "Dazu laden wir den Rest der Welt herzlich ein!"