"Finde dein Ziel" ist das Motto, und schon sausen und surren neun Pfeile durch die kühle Turnhallenluft, und ehe sich der Zuschauer versieht, haben die Pfeile ihr Ziel gefunden: Sie bohren sie sich in die Zielscheibe. Und zwar genau in deren Mitte.

Celina Bitiqi, Daniela Bombeschko, Jana Tomaszek, Isabella Spatz, Jennifer Hähnlein und Sandy-Marie Austin probieren sich heute erst zum dritten Mal am Bogenschießen - und treffen wie die Profis die Zielscheiben, die sie in der Turnhalle ihrer Schule, der Hugo-von-Trimberg-Schule, aufgebaut haben.

Beigebracht haben den Mädels das Werner Stein und Steffen Düll vom BDKJ. "Beim Bogenschießen muss man das Ziel mit beiden Augen im Blick haben, nicht ein Auge zumachen oder so was", erklärt Stein.
Das wollen er und sein Kollege den Schülerinnen zweier zehnter Klassen auch für ihren Alltag vermitteln: ihr Ziel zu finden, im Auge zu behalten und Hindernisse, die sich möglicherweise auftun, zu überwinden. Darüber hinaus aber auch weitere Schlüsselkompetenzen wie etwa Konzentration und Disziplin.


Soziale Kompetenzen und Ziele

Das Projekt findet statt im Rahmen des normalen Sportunterrichts. Sportlehrerin Barbara Pottler findet das einerseits "vor dem sportlichen Hintergrund" toll, weil das Bogenschießen eine Sportart sei, die es im Schulsport nie gäbe. Andererseits findet sie aber auch das Motto "Finde dein Ziel" gut, gerade für ihre Schülerinnen, die kurz vor dem Abschluss stehen und sich entscheiden müssen, wie ihr Leben nach der Schule weitergehen soll.

Die vielfältigen Kompetenzen, die die Schüler und Schülerinnen bei solchen Projekten erwerben können, betont auch Hanne Engert-Alt vom Stadtjugendring Bamberg: "Soziale Kompetenzen, die Persönlichkeit der Schüler wird gestärkt, es werden andere Umgangsformen innerhalb der Schule etabliert...", zählt sie die Ziele des Projekts auf. Aber es geht auch darum, "Jugendarbeit an Schulen zu verankern".

Die Einführung ins Bogenschießen ist nämlich Teil eines größeren Projekts, dessen Leiterin Hanne Engert-Alt ist: Jutour. Das Konzept: Verbände und Vereine, die im Stadtjugendring vertreten sind, greifen aus ihrem ,normalen' Programm einzelne Bausteine heraus und bieten sie als Module an Schulen an.

Die Schulen wiederum können ganz gezielt aus dem Angebot des Stadtjugendrings auswählen, was für ihre Schüler und die jeweiligen räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten an der Schule am besten passt. Dabei stehen so unterschiedliche Angebote bereit wie Ju-Jutsu, Erste-Hilfe-Kurse oder Kommunikations- und Konfliktlösungsmodelle - oder eben Bogenschießen. Die Module sind dabei zeitlich begrenzt; die Dauer reicht von zwei bis 14 Schulstunden.


Nur geringer Mehraufwand für die Schulen

Der Vorteil für die Schulen: Sie müssen sich um nichts kümmern. Der Stadtjugendring organisiert Elternbriefe, und die Vereinsmitglieder leiten die Module ehrenamtlich und selbstständig. Die Schule stellt lediglich die Räume - es müsste nicht einmal zwingend eine Lehrkraft anwesend sein. Darüber hinaus wird keine langzeitige Verpflichtung eingegangen: Nach dem Ende eines Moduls wird es gemeinsam mit den Teilnehmern besprochen, und damit endet die Zusammenarbeit.

Auch für die Mädels des M-Zugs der Trimberg-Schule ist es schon ihr letztes Mal an Pfeil und Bogen. Ihr Fazit fällt positiv aus: Übereinstimmend berichten sie, dass das "mal was Neues war" und auch "was Besonderes".

Schulleiter Martin Schricker erläutert, dass genau darin der Zweck des Bogenschießens lag: "Das ist ein Zusatzangebot im Rahmen des differenzierten Sportunterrichts." Das bedeutet, dass es in diesem Unterricht "keine Noten gibt und er unabhängig vom Lehrplan stattfindet, pro Jahrgang mit einer Stunde in der Woche". Es gehe darum, Schüler an andere Sportarten heranzuführen als die sonst im Schulsport üblichen.
"Eigentlich sollte es für alle Schulen verpflichtend sein, so ein Zusatzangebot anzubieten", merkt er vorsichtig an. Aber aufgrund von Lehrer- oder Platzmangel würde häufig gerade am differenzierten Sportunterricht gespart. Er selbst hat mit Jutour bisher nur positive Erfahrungen gemacht und würde "nächstes Jahr gerne wieder" ein Jutour-Modul für einige seiner Schüler anbieten.


Keine Jugendarbeit ohne Jugend

Hanne Engert-Alt und ihr Chef Udo Schoberth freuen sich über diesen "Lernprozess", der an den Schulen stattgefunden hat: "Die Schulen öffnen sich jetzt mehr und mehr nach außen." Auch der evangelische Dekanatsjugendreferent Hubertus Schaller, der vor einem Jahr an der Entwicklung des Konzepts von Jutour beteiligt war, betont, dass man die Schule nicht "als Konkurrenz oder Feind" auffasse.

Dennoch sei es oft noch schwierig, als Externer in diesen "Lernstaat reinzukommen". Bisher nutzen denn auch nur zwei Schulen das Angebot von Jutour: Neben der Trimberg- ist dies die Heidelsteigschule. "Weitere sechs bis sieben Schulen", freut sich Engert-Alt, "haben aber inzwischen auch Interesse bekundet".

Von Vereinsseite her, so weiß sie, ist das Interesse "riesig". Erreiche man doch, wie auch Schaller bestätigt, mit der alltäglichen Verbandsarbeit immer weniger Jugendliche. "Das ist Jugendarbeit ohne Jugend, was wir da machen!"

Aufgrund von G8 und Ganztagesbetreuung verbrächten Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit an Schulen, was wiederum zulasten von Vereinen und Verbänden ginge. Auch aus diesem Grund reifte im Stadtjugendring die Idee, mit einem maßgeschneiderten Programm auf die Schulen zuzugehen. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Jugendliche auf den Geschmack bringen, so dass er einen Zugang zum Sportverein oder zur kirchlichen Jugend findet.

Finanziert wird das Projekt Jutour momentan vom Stadtjugendring. Möglich ist das aber nur, weil alle Modulanbieter ehrenamtlich arbeiten und nur eine "minimale Aufwandspauschale dafür erhalten", so Engert-Alt.
Auf längere Sicht werde man sich aber darum bemühen müssen, das Projekt aus Spenden zu finanzieren, so Udo Schoberth. Der Grund dafür: Die Jugendarbeit wird aus dem selben Topf finanziert wie Schulen und Hochschulen.

"Wenn gekürzt wird, dann bei uns", beschreibt Schaller das Problem. Trotzdem hoffen sie natürlich, noch viele weitere Module an Bamberger Schulen anbieten zu können.