Die Sommerpause am Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater neigt sich dem Ende zu, wobei von einer wirklichen Ruhephase nicht die Rede sein kann. Viel ist während der diesjährigen Spielpause passiert: Mit Sibylle Broll-Pape stellte sich eine neue Intendantin vor, das Schauspielerensemble wurde neu zusammengestellt - es weht ein Wind der Veränderung in Bamberg. Und so herrscht auch in den Proberäumen des Theaters reges Treiben, rückt doch das Eröffnungswochenende vom 16. bis zum 18. Oktober immer näher. Zwei Inszenierungen stehen dabei auf dem Programm: das wohl bekannteste klassische deutsche Trauerspiel "Die Nibelungen" von Friedrich Hebbel und das zeitgenössische Stück "rechtes denken." von Konstantin Küspert.


Bereits hier wird ein gravierender Kontrast sichtbar: zwischen dem deutschen Heldenepos schlechthin, das im Dritten Reich von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie instrumentalisiert wurde, und einem noch jungen Werk, das in einer kritischen Weise der Frage nachgeht, warum es für Menschen immer wieder attraktiv ist, sich über eine "Nation" oder eine "Rasse" zu definieren. Die derartig kontrastierte und kritische Auseinandersetzung mit dem die gesamte Spielzeit 2015/2016 bestimmenden Thema Deutschland als Heimat, als Vaterland und als Gesellschaft soll den Zuschauer zum Nachdenken anregen. Er soll sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, ins Grübeln kommen, sie hinterfragen.

Lösungen will Intendantin Sibylle Broll-Pape, die bei den "Nibelungen" selbst die Regie übernimmt, dem Zuschauer jedoch nicht vorgeben: "Wir stellen nur Fragen, lassen die Antworten aber offen. So kommt man stärker ins Nachdenken."

Die Entscheidung, "Die Nibelungen" als Eröffnungspremiere zu wählen, hat für die neue Intendantin des E.T.A.-Hoffmann-Theaters aber auch andere, weitaus einfachere Gründe: "Das Stück hat alles, was ein saftiges Theater ausmacht - Liebe, Hass, Tod und Verrat - es theatert so richtig", freut sich Sibylle Broll-Pape. Angesetzt sind für die Proben sechseinhalb Wochen. Ein kurzer Zeitraum für ein Stück von derartiger Dimension, was eine dementsprechend straffe Organisation erfordert. Solch eine große Eröffnungspremiere gibt jedoch auch dem Großteil des Ensembles, nämlich zwölf Schauspielern, die Möglichkeit, sich gleich zu Beginn der neuen Spielzeit zu präsentieren. Und "je eher man die Schauspieler sieht, desto besser", freut sich die Intendantin.


Uraufführung

Vier Schauspieler des Ensembles treten im zeitgenössischen Stück "rechtes denken." auf. Für diese Inszenierung bedeutet das Premierenwochenende im Oktober gleichermaßen die Uraufführung. Die große Stärke dieses Stücks sieht Regisseurin Julia Wissert darin, "dass es nicht die eine Wahrheit gibt." Und bereits die Doppeldeutigkeit des Namens schafft es hier, den Leser zum Nachdenken anzuregen: Handelt es sich dabei um das moralisch oder legitim richtige Denken? Oder ist damit doch die politisch rechte Denkweise gemeint? Genau diesen Denkanstoß will auch Julia Wissert dem Zuschauer mit ihrer Inszenierung geben.

Das aus der Feder von Konstantin Küspert stammende Werk entstand im Laufe dieses Jahres und ist nicht zuletzt aufgrund der Aktualität des Themas in Zeiten zunehmender Fremdenfeindlichkeit von großer Bedeutung. Dass die Tinte auf dem Blatt Papier noch frisch ist, sieht die gebürtige Freiburgerin Julia Wissert als Vorteil: "Der Text, den wir vor uns haben, lebt noch", erzählt sie. "Es ist jemand da, den ich anrufen und fragen kann, wie diese oder jene Stelle gemeint ist."

Bei den Proben ist die Regisseurin besonders von der entstehenden Gruppendynamik und dem Einsatz der Schauspieler erfreut. "Wenn man stundenlang einen Nazi spielen muss, dann ist das nicht einfach." Abgeschlossen sieht Julia Wissert die Proben allerdings nicht. So könne man auch nach der Uraufführung Nuancen des Stückes noch verändern. "Ein wirkliches Ende einer Probe gibt es also nicht."