LKR Bamberg
Corona-Impfstoff

"Sollte eine Impflicht kommen, dann werde ich kündigen": Woher kommt die Impfskepsis der Bamberger Pflegekräfte?

Das Coronavirus wütet seit Monaten in den Pflegeheimen, dennoch ist laut Söder die Impfbereitschaft unter dem Personal gering. Woran liegt das?
 
Das Pflegepersonal ist in Sachen Corona-Impfung zwiegespalten.
Das Pflegepersonal ist in Sachen Corona-Impfung zwiegespalten. Foto: Michael Reichel/dpa
  • Viele Bewohner und Pflegepersonal in Bamberg positiv auf Corona getestet
  • Trotzdem: Hohe Impfweigerung bei Pflegepersonal
  • Personal hat Angst vor Corona-Impfung
  • Informationen über Corona-Impfstoff könnte Vertrauen schaffen

In einem Pflegeheim im Landkreis Bamberg starben vergangene Woche vier Bewohner an Covid-19. Dutzende weitere, Bewohner wie Pflegepersonal, wurden positiv getestet. Krankenhäuser und Seniorenheime gelten als die gefährdetsten Orte im Kampf gegen das Virus. Man könnte also meinen, dass gerade das Pflegepersonal sofort die Ärmel hochgekrempelt, um sich impfen zu lassen. Stattdessen spricht Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von einer hohen Impfverweigerung und bringt eine Impfpflicht für das Pflegepersonal ins Gespräch.

"Sollte eine Impfpflicht kommen, dann werde ich kündigen", sagt Emma Hauser. Da sie berufliche Nachteile fürchtet, wurde ihr Name von der Redaktion geändert. Hauser ist Ende 20 und arbeitet als Pflegekraft in einem Seniorenheim im Raum Bamberg. Sie hat sich aus Angst gegen eine Corona-Impfung entschieden. "Man hört so vieles. Es gibt so viele Uneinigkeiten, dass ich einfach kein Vertrauen in den Impfstoff habe", erzählt sie. Aus ihrem Kollegenkreis würden viele ähnlich denken. Hauser leugnet die Pandemie nicht, im Gegenteil: "Vor Covid-19 habe ich großen Respekt", sagt sie. Aber die Angst vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung ist stärker. Einen Ansprechpartner vonseiten des Heims, der mit ihr über Sorgen gesprochen hätte, gab es nicht, erklärt sie.

Große Unsicherheit bei Bamberger Pflegekräften vor Corona-Impfung 

"Meine Chefin hat mich nur gefragt, ob ich mich impfen lassen will oder nicht. Ich habe nein gesagt. Das war's", erzählt Benjamin Schütz. Auch sein Name wurde von der Redaktion geändert. Er ist Pflegekraft bei einer Zeitarbeitsfirma. Er arbeitete bereits in mehreren Heimen in der Region, auch dort hat es Corona-Fälle gegeben. Impfenlassen will er sich trotzdem nicht. "Selbst wenn ich geimpft bin, kann ich das Virus an meine Patienten weitertragen. Dafür mögliche Nebenwirkungen riskieren? Nein!", erklärt Schütz. "Wer weiß, sollte bewiesen werden, dass meine Impfung die Patienten tatsächlich schützt, dann mache ich es vielleicht sogar."

Aktuell bescheinigt das Robert-Koch-Institut (RKI) der Corona-Impfung einen "sehr guten individuellen Schutz vor der Erkrankung", die Frage, ob ein Geimpfter das Virus weitergeben kann, ist ungeklärt. Das Credo ist die Entlastung des Gesundheitssystems. Denn für jeden Geimpften bleibt ein potenzielles Intensivbett leer. Schütz ist enttäuscht von der Debatte um die Impfpflicht. Er und seine Kollegen würden trotz Pandemie weiterarbeiten. Doch statt einer fairen Bezahlung oder ausreichend Schutzkleidung käme mit der Pflicht nur ein weiterer Faktor, der den Pflegeberuf abwerte.

"Gerade im Bereich des Pflegepersonals sind viele zwiegespalten", erklärt Sabine Hubatschek. Bis vor sieben Jahren arbeitete die heute 57-Jährige als Krankenschwester. Mittlerweile ist sie Arzthelferin in einer Bamberger Facharztpraxis. Sie ließ sich gleich zur Eröffnung des Impfzentrums in der Brose-Arena impfen. Im Gegensatz zu Hauser und Schütz hatte sie einen Ansprechpartner. "Wir haben uns in der Praxis zusammengesetzt und unser Arzt hat uns alles genau erklärt, auch das mRNA unsere DNA nicht beeinflusst", erzählt sie.

Information schafft Vertrauen in Corona-Impfstoff

Der Corona-Impfstoff enthält genetische Informationen des Coronavirus in Form von "messenger-RNA" (kurz mRNA). Gespritzt, regt die mRNA das menschliche Immunsystem an, damit es gezielt Antikörper gegen SARS-CoV-2 bildet. Laut RKI wird die mRNA nach kurzer Zeit von den Zellen abgebaut. Sie verändern das menschliche Erbgut nicht.

Hubatschek hat keinen Moment gezögert. "Ich trage Verantwortung für meine Patienten. Ich will, dass sie gesund aus der Praxis wieder rauskommen. Wenn die Impfung dabei hilft, dann lasse ich mich gerne impfen", erklärt sie. Über die sozialen Medien veröffentlichte Hubatschek ein Foto von dem Moment der Impfung. Die Reaktionen waren durchweg positiv. "Es ist die Angst vor dem Ungewissen, die die Menschen zögern lässt. Aber wenn sie sehen, dass es mir gut geht, dann ändern vielleicht ein paar ihre Meinung." Eine Impfpflicht will sie trotzdem nicht. Es sei ein Eingriff ins Persönlichkeitsrecht. "Letztendlich wird die Impfung die Eintrittskarte zur Normalität sein. Und im Angesicht von neuen Mutationen und steigenden Todeszahlen, wird sich der ein oder andere vielleicht genau diese Normalität zurückwünschen."

Eine aussagekräftige Quote zur Impfbereitschaft unter dem Bamberger Pflegepersonal gibt es aktuell nicht. Die Impfteams waren bisher nur einmal - zur Erstimpfung - in den Heimen. Dabei wurde maximal eine Schicht angetroffen. Man müsse jeder Pflegekraft auch die Chance geben, in Ruhe zu entscheiden und sich vorher zu informieren, so Frank Förtsch, Pressesprecher des Landratsamtes. Informationen zur Impfung gäbe es viele, sagt er. Das Impfzentrum stelle den Heimen Videos und Flyer des Gesundheitsministeriums zur Verfügung. Weitere Gesprächsangebote liegen in der Verantwortung der einzelnen Heime.