Sie sind sehr klein, haben einen Rüssel, und es gibt unüberschaubar viele von ihnen: Die Rede ist von Wanzen, jenen Sechsbeinern, die in Horden über Baumstämme krabbeln und sich immer wieder auch in Wohnungen verirren, wenn es draußen kälter wird. In Bayern gibt es nach Angaben von Experten immer mehr dieser Pflanzensauger. Das liegt am Klimawandel: "Die meisten Wanzen sind wärme- und trockenheitsliebend", erklärt die Nürnberger Schädlingsbiologin Eva Scholl. "Weil es vor allem in Ballungsräumen immer wärmer wird, gibt es auch mehr Wanzen."

2018: Ein besonders angenehmes Jahr für Wanzen

Für die Wanzen ist 2018 ein besonders angenehmes Jahr. Denn es war lange heiß und trocken - optimale Lebensbedingungen für das Getier. "Ein Jahr ohne nennenswerten Regen begünstigt die Insekten, die sich von Pflanzensäften ernähren und kaum auf die Umgebung angewiesen sind", erklärt Klaus Mandery vom Bund Naturschutz in Bayern (BN). So seien beispielsweise die Amerikanische Kiefernwanze und in manchen Regionen die Grüne Stinkwanze derzeit zuhauf unterwegs, sagt Markus Erlwein, Insektenexperte beim Landesbund für Vogelschutz (LBV).

In Bamberg ist kürzlich sogar eine Art aufgetaucht, die bislang aus mediterranen Gegenden bekannt war. Auf Bäumen hat Jürgen Gerdes, Biologe im Umweltamt, erstmals Kolonien der sogenannten Malvenwanze beobachtet, die auch Lindenwanze genannt wird. "Die scheinen sich hier auszubreiten", sagt Gerdes.

"Keiner weiß, wie viele Wanzen es genau gibt"

Solche Pflanzensauger sind zu unterscheiden von Blutsaugern wie den Bettwanzen, die Krankheiten übertragen und Menschen damit auch gefährlich werden können. Die Systematik der Krabbeltiere aber ist kompliziert. Insgesamt gibt es weltweit rund 40.000 Wanzenarten. In Deutschland sind es nach Angaben des BN etwa 900, im Freistaat 800. Solche Zahlen seien eher eine Schätzung, erklärt Expertin Scholl. "Keiner weiß, wie viele Wanzen es genau gibt." Und Erlwein betont, dass die Tiere vom allgemeinen Insektensterben nicht ausgenommen seien: "Wie bei vielen anderen Insekten geht der Gesamtbestand zurück, auch wenn sich einige Wanzenarten ausbreiten."

Einige wandern tendenziell aus dem Mittelmeerraum nach Norden - das werde schon länger auch bei bestimmten Libellen- und Schmetterlingsarten beobachtet, erläutert Gerdes. Die Amerikanische Kiefernwanze dagegen gelangte um 1999 auf Weihnachtsbäumen aus Mexiko nach Europa und dann 2006 nach Deutschland.

Für den Menschen völlig harmlos

Sie ist ebenso wie die Grüne Stinkwanze oder die Malvenwanze in Bamberg für Menschen vollkommen harmlos. Weder übertragen sie Krankheiten noch sind sie Hausschädlinge, wie Gerdes betont. In der oberfränkischen Stadt gibt es deshalb keine Pläne, den Insekten systematisch zu Leibe zu rücken. "Die überwintern in den Ritzen der Bäume, und im Frühjahr verteilen sie sich in das Laub", sagt Gerdes. Einzelne Tiere könnten sich auch in Haushalte verirren - bisher habe es aber keine Beschwerden gegeben.

Auch LBV-Experte Erlwein erklärt: "Die suchen sich jetzt ein geschütztes, warmes Plätzchen zum Überwintern." Wer die Tierchen aus der Wohnung oder dem Haus bugsieren will, sollte das behutsam machen, zum Beispiel mit einem Glas und einem Papier darunter. Denn unter Stress sondern die Insekten ein stinkendes Sekret ab - und werden dann doch zu Recht unangenehmen Mitbewohnern.

Auf keine Fall sollten die Wanzen einfach zertreten werden. Einige Wanzenarten sondern dann ein Aggregationspheromon, also einen Versammlungslockstoff ab - der lockt dann nur noch mehr Tiere an.

Gerdes bittet trotzdem um Toleranz für die Sechsbeiner und verwies jüngst in einer Mitteilung der Stadt Bamberg auf ein Zitat von Goethe: "Die Flöhe und die Wanzen gehören auch zum Ganzen."