Bamberg
Michelsberg

Im Bamberger Weinberg herrscht Flaute

Merkwürdiges Missverhältnis: Während die Gartenschau boomt, fristet der Weinberg ein kaum beachtetes Schattendasein. Nur wenige besuchen die 400.000 Euro teure Attraktion.
Es dürfen ruhig noch mehr Besucher kommen: Julitta Johren, Peter Hertig, Marcus Prill und Doris Eberhard (von links) von der Bamberg Congress und Event GmbH warten häufig vergeblich auf Gäste im Weinberg.  Alle Fotos: Matthias Hoch
Es dürfen ruhig noch mehr Besucher kommen: Julitta Johren, Peter Hertig, Marcus Prill und Doris Eberhard (von links) von der Bamberg Congress und Event GmbH warten häufig vergeblich auf Gäste im Weinberg. Alle Fotos: Matthias Hoch
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Die Schuld dafür schieben sich Gartenschau GmbH und Bürgerspitalstiftung zu.

Ein Durchschnittstag im Juni. Auf dem Erba-Gelände tummeln sich die Insassen ganzer Bus-Kolonnen, in der Altstadt pilgern Menschenscharen zum Dom. Doch es gibt noch Plätze, wo man die Einsamkeit findet, auch wenn sie dort gar nicht vorgesehen war. Am Weinberg am Michelsberg zum Beispiel. Dort lehnt Marcus Prill am blauen Kassenwagen. Der Schweiß glänzt auf seiner Stirn, obwohl Prill und seine vier Kollegen von der Bamberg Congress und Event GmbH an diesem Tag nicht viel zu tun haben. Bis 15 Uhr haben erst 18 Besucher dem Weinberg einen Besuch abgestattet. Die Nummer 19 ist Helma Emmert aus Ansbach. Zusammen mit ihren Freundinnen Anneliese Rebel und Anne Müller besichtigte die sportliche 80-Jährige zuerst das Erba-Gelände, um sich dann auf den Weg zum Weinberg zu machen. "Wir haben in der Zeitung gelesen, dass die Bamberger den nicht wollten", erklären sie lachend. Doch den Weingarten zu finden, das war nicht leicht: "Wir mussten viele Leute fragen, um hierher zu kommen. Das ist ganz schlecht ausgeschildert."

Zwei Monate nach Beginn der Landesgartenschau kennt Marcus Prill die Gründe nur zu gut, die den Weinberg zum überraschenden Stiefkind dieser Landesgartenschau werden ließen. Viele der Touristen, die nach Bamberg kommen, wissen nicht, dass es den Weinberg gibt; viele, die es wissen, finden nicht herauf, und sind sie einmal da, reicht ihnen der Blick von oben auf die grünen Rebstöcke oder sie wollen nur die Klosterkirche besichtigen. Den Kassenwagen, der mit seinem blauen Anstrich mehr an eine Bratwurstbude als eine Verkaufsstelle der Landesgartenschau erinnert, lassen sie allzu gerne links liegen.


Kammerathengarten im Dornröschenschlaf


In der Besucherbilanz hat das Verweigerungsverhalten deutliche Spuren hinterlassen. Seit 26. April kamen nur an einem Tag mehr als 300 Menschen, häufig verlieren sich die wenigen Spaziergänger auf dem einen Hektar großen Areal. Am 7. Mai, dem traurigen Schlusslicht, fanden gar nur 19 Besucher den Weg hinein - Bambergs berühmter Kammerathengarten schlummert im Dornröschenschlaf.

Am Michelsberg kann es nicht liegen. "Die Klosteranlage ist phänomenal", findet Horst Feulner, der Chef der Bamberg Congress und Event GmbH. Sie bewirtschaftet das Gelände im Auftrag der Bürgerspitalstiftung mit fünf Mitarbeitern. Damit kein Draufzahlgeschäft draus wird, hofft Feulner den lahmenden Umsatz mit einem Infoblatt und mit Weinbergsführungen ankurbeln zu können. Vor allem Besitzern von Dauerkarten für die Gartenschau will er ermuntern, den "einmaligen Ort" kennenzulernen: "Weinberg und Winzergebäude sind wunderschön geworden. Die Gäste bekommen dort auch einen guten Tropfen Wein und eine fränkische Brotzeit."


Ein Naturidyll für 400.000 Euro


Auch Bertram Felix von der Bürgerspitalstiftung könnte sich bessere Zahlen vorstellen. Er findet es schade, dass der Weinberg nicht die Beachtung findet, die er verdient hätte. Das Gelände, das zwischen 2009 und 2011 für rund 400.000 Euro in den jetzigen Zustand versetzt worden war, sei ein Naturidyll. Vor allem müssten die Bamberger wissen, die eine Dauerkarte für die Gartenschau haben, dass der Garten nach dem Ende der Schau nicht mehr zugänglich sein wird. "Nur bis Oktober kann man den Weinberg in dieser Freizügigkeit genießen."

Doch es hat einen Grund, dass der malerische Ausblick über Weinstöcke hinweg auf die mittelalterlichen Klostertürme bisher nur von überraschend wenigen Menschen wahrgenommen wurde. Glaubt man Claudia Knoll, der Geschäftsführerin der Landesgartenschau, liegt es nicht an ihrer Gesellschaft: "Wir hätten den Michelsberg sehr gerne bespielt, wir wollten am Abend länger öffnen, aber unsere Vorstellungen und die der Bürgerspitalstiftung lagen zu weit auseinander." Der Weinberg hätte eine Chance sein können, die Touristenströme in Bamberg zu verlagern, bedauert sie: "Dass es dazu nicht kommt, tut weh."


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Doch bei der Bürgerspitalstiftung hegt man für die Idee, den Weinberg zu einem Tourismus-Zugpferd in Bamberg zu machen, wenig Sympathie. Aus Sicht der Eigentümerin müsse man wegen der Bedeutung des Klostergartens als Naturdenkmal, aber auch wegen der Interessen von Nachbarn viele Rücksichten nehmen, erläutert Stiftungsreferent Bertram Felix. Er bestätigt, dass die Stiftung dem Wunsch der Gartenschau-Macher, im Weingarten größere Veranstaltungen, etwa Freiluft-Kino, zuzulassen, deshalb nicht zugestimmt hat.

Gegen eine bessere Beschilderung hätte freilich auch er nichts einzuwenden. Doch zuständig sei die Bürgerspitalstiftung dafür nicht. Felix: "Fahnen, Kassenwagen und konzeptionelle Einbindung sind die Sache der Gartenschau-Gesellschaft. Doch da kommt wenig."

Ohne Wegweiser, aber mit Stadtkarte fanden diese Woche auch Vera und Wilhelm Delmann aus Rödermark den Weg hoch zum Weinberg. Dass es dieses Stück Kulturlandschaft gibt, haben sie von anderen Besuchern auf der Gartenschau erfahren. Die waren allerdings schlecht informiert: "Sie haben den Weinberg auf dem Erba-Gelände gesucht."
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